Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.09.2012

17:22 Uhr

Was vom Tage bleibt

Die Draghi-Bank

VonOliver Stock

Die Börse jubelt über Draghis Munition. Die Lufthansa muss verhandeln. Rohstoffriese lässt weitere Milliarden springen. Und die AOK sitzt auf dem Geld.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

der Historiker Sebastian Haffner ist es gewesen, der über den hierzulande viel geschmähten Vertrag von Versailles schrieb: „Das Deutsche Reich war als immer noch stärkste und geographisch in der Mitte beheimatete, also für die Stabilität des Kontinents unentbehrliche europäische Macht weder dauerhaft entmachtet noch dauerhaft integriert.“ Der Vertrag, der den ersten Weltkrieg beendete, legte den Deutschen damals hohe Zahlungen auf - aber erreichte seine Ziele eben nicht. Was würde Haffner, wenn er noch lebte, darüber schreiben, wie die EZB ihren Vertrag auslegt? Deutschland ist auch nach der Entscheidung der Draghi-Bank ein für die Stabilität des Kontinents unentbehrliches Land. Es ist deswegen eine Macht, aber weil es inzwischen fest integriert ist, wird sich unser Land europäischen Entscheidungen fügen. Ein Fortschritt? Ich finde: so gesehen ein gewaltiger.

Der Markt hat ein kurzes Gedächtnis

Während dies eine Meinung für solche ist, die ein Elefantengedächtnis (oder ein Geschichtsbuch in der Schublade) haben, können sich alle die, die mit Kurzzeitgedächtnis ausgestattet sind, heute am Markt freuen, der ja bekanntlich Erinnerungen höchstens für ein paar Stunden speichert: Die Börse notiert in Frankfurt auf Jahreshoch, der Euro ist so putzmunter wie lange nicht mehr. Merkwürdig nur, dass auch das Gold, die alte Reservewährung, einen Sprung nach oben gemacht hat. Merkwürdig? Nein. Eigentlich logisch, wenn die Notenbank die Geldpresse anwirft.

Lufthansas trügerische Stille

Die lustigste Einschätzung des Tages kommt heute vom Lufthansa-Sprecher: „Die Lage“, sagt er, „an allen Flughäfen ist sehr entspannt.“ Nee - ist klar: Fliegt ja auch nichts mehr. Die Lage am neuen Berliner Flughafen ist auch entspannt, seitdem der Bau stillsteht. Und bei Schlecker gar, da herrscht in den ehemaligen Filialen solche Tiefenentspannung - da können Sie ein Yogazentrum eröffnen, weil sonst nicht los ist. In Wirklichkeit ist die Lage gespenstisch, weil sich gerade eines der größten deutschen Unternehmen zwangsweise entbehrlich macht. Es reicht mit diesen Muskelspielen.

Wo das Geld liegt

In letzter Minute hat der weltgrößte Rohstoffhändler Glencore sein Übernahmeangebot für den schweizerisch-britischen Bergbaukonzern Xstrata aufgestockt. Warum das interessant ist? Erstens: Es geht um 35 Milliarden Dollar. Das würde reichen, um Griechenland für ein paar Monate über Wasser zu halten. Zweitens: Bei Glencore sitzen Leute, die Roulette spielen. Erst wenn der Croupier „Nichts geht mehr!“ ruft, legen sie noch einmal nach. Und drittens: Von wegen, wir haben keine Inflation! Das Geld, das die Notenbanken so freigiebig produzieren, landet zum Beispiel im Rohstoffsektor.

Ungesunde Krankenkasse

Jetzt also auch die AOK: Die Krankenkasse, die sich Gesundheitskasse nennt, sitzt wie andere gesetzliche Krankenkassen auf Überschüssen von insgesamt 22 Milliarden Euro. Wegen bröckelnder Einnahmen und höherer Ausgaben, will sie die auch behalten und nicht an die Versicherten zurückgeben. Ähnlich äußern sich andere Kassen. Das ist so, als wenn ich am Sonntag beim Bäcker Frühstücksbrötchen kaufe, der mir aber schon jetzt zehn Cent mehr abnimmt, weil in zwei Jahren vielleicht das Mehl teurer wird. Ich würde den Bäcker wechseln.

Ein fröhliches Wochenendfrühstück

wünscht Ihnen Oliver Stock

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

07.09.2012, 18:20 Uhr

Draghi-Bank :>Ein Fortschritt? Ich finde: so gesehen ein gewaltiger.<

Wenn Sie das satirisch gemeint haben, sollten Sie das verdeutlichen. Wenn Sie es ernst gemeint haben, werden Sie in nicht allzu ferner Zukunft Trauer tragen müssen, denn dieser "Fortschritt" hat mit Sicherheit eine kurze Halbwertszeit.

Account gelöscht!

08.09.2012, 00:30 Uhr

Draghi Bank - wohl eher die Mafia des Club Med.

steuermichl

08.09.2012, 17:52 Uhr

Spaniens finanzielle Situation ist wie die Büchse der Pandora - einmal geöffnet wird Draghi samstags abends selbst Hand anlegen müssen und palettenweise 500-Euro Scheine drucken. Wenige Monate später stellt er dann den Leitzins in einem Rutsch auf 2,5%, weil er die resultierende Inflation eindämmen will, und 2014 kostet der Liter Super dann EUR 3.37. Da werden die Löhne der Deutschen kaum hinterherkommen, und die Kleinverdiener unter EUR 2k netto schaffen ihre Autos ab, notgedrungen. Dafür ist die FIAT-Aktie wieder unter einem Euro verfügbar und die Privatinsolvenzen vervielfachen sich. Als letztes wird Draghi verlautbaren, daß er mit einer so heftigen Eintrübung der Wirtschaft bei den Mittelmeer-Anrainern nicht gerechnet hat. Griechenland wird Euro-Sonderzone mit Zweitwährung und in Deutschland wird eine Immobilien-Sonderabgabe zur Finanzierung der GR-Sonderzone beschlossen. Daimler und BMW verlagern Produktionsteile nach China, um näher beim Kunden zu sein. Merkel gibt tägliche Solidaritätsadressen an Rom und Madrid weiter und die Banco Santander kauft mit dem EZB-Geld Thyssen-Krupp.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×