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29.08.2014

18:41 Uhr

Was vom Tage bleibt

Die Spirale dreht sich weiter

VonStefan Menzel

Der Westen plant neue Sanktionen gegen Russland, die Ukraine will in die Nato. Abercrombie & Fitch leidet, Tesco fürchtet deutsche Konkurrenz und Obama wird für seine Anzüge kritisiert. Der Tagesrückblick.

Stefan Menzel ist Chef vom Dienst beim Handelsblatt.

Stefan Menzel ist Chef vom Dienst beim Handelsblatt.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Der Winter droht

Machen wir uns nichts vor: Das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen wird von Tag zu Tag schlechter. Da sich Moskau in der Ukraine immer stärker militärisch einmischt und Präsident Putin den Separatisten nun schon in aller Öffentlichkeit klare Vorgaben macht, wird der Westen in den nächsten Tagen mit verschärften Sanktionen reagieren. Dieses Mal könnte das russische Finanzsystem Ziel der Maßnahmen sein. Und so sicher wie das Amen in der Kirche wird es eine russische Antwort darauf geben. Bislang ist kein Ende der Sanktionsspirale in Sicht, es könnte auch danach munter weitergehen. Wenn es ganz schlecht läuft, wird Moskau auch irgendwann den Gashahn zudrehen. Und dann dürften wir während des Winters ein wenig frieren.

Ohne Nato

An der Notwendigkeit von Sanktionen gegen Russland gibt es im Westen kaum Zweifel. Genauso herrscht aber auch Einigkeit darüber, dass sich der Westen in der Ukraine nicht militärisch einmischen wird – die Gefahr einer offenen Konfrontation mit Russland ist zu groß. Das heißt aber auch, dass die Ukraine kein Mitglied der Nato werden kann, wie das die ukrainische Regierung am Freitag gefordert hat. Ein Nato-Mitgliedsland kann im Rahmen des Beistandspaktes die Unterstützung durch die Bündnispartner für sich einfordern. In der aktuellen Situation müssten dann vielleicht deutsche Soldaten in der Ostukraine aushelfen. Das ist etwas, was hierzulande garantiert niemand will.

Abstieg

Abercrombie & Fitch hat wohl ein wenig übertrieben. Als Hochpreismarke wollten sich die Amerikaner weltweit durchsetzen und den Wettbewerbern großen Schrecken einjagen. Die Strategie hat nur für kurze Zeit gefruchtet, A&F muss schon wieder den Rückwärtsgang einlegen und verzeichnet schmerzhafte Umsatzeinbußen. Völlig verrückt mutet es an, dass nun sogar das Logo von Abercrombie & Fitch von Pullovern und T-Shirts verschwinden soll. Offensichtlich ist es den Käufern zu peinlich geworden, mit dem Firmenlogo durch die Fußgängerzone zu stolzieren. Merke: Etwas dezenter ist meistens besser.

Druck aus Deutschland

Tesco hat auf den britischen Inseln einen klingenden Namen. Der Handelsriese ist in England oder Irland mindestens genauso bekannt wie die Metro in Deutschland. Inzwischen vergeht jedoch kaum eine Woche, in der das Unternehmen nicht mit einer Negativmeldung aufhorchen lässt. Am Freitag verärgerte eine erneute Gewinnwarnung die Tesco-Aktionäre. Verantwortlich dafür sind wieder einmal die Deutschen: Aldi und Lidl setzen die etablierten britischen Handelsriesen mit ihren Niedrigpreisen gehörig unter Druck. Die Verbraucher in Großbritannien dürften sich hingegen freuen – der große Wochenendeinkauf am Samstag wird künftig noch etwas günstiger.

Farbenblind

Im Moment ist es wirklich schwer genug, bei allen großen Krisen den Überblick zu behalten. Israel und die Palästinenser, der brutale Konflikt im Irak und die Kämpfe in der Ukraine. Jetzt kriselt es auch wieder in Libyen, Afghanistan ist sowieso ein dauerhafter Unruheherd. Da bleibt kommt noch Zeit, einen Blick auf Westafrika zu werfen, wo Ebola wütet. Trotzdem schaffen es die Amerikaner, sich über den Anzug ihres Präsidenten aufzuregen. Barack Obama ist bei seinem jüngsten Fernsehtermin in einem beigefarbenen Sakko aufgetreten – und hat damit einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Solche Sorgen möchte man haben, armes Amerika!

An diesem Wochenende gibt es sicherlich etwas Sinnvolleres zu tun – genießen Sie die freien Tage. Es grüßt Sie herzlich

Stefan Menzel

Kommentare (3)

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Herr Wolfgang Trantow

29.08.2014, 18:48 Uhr

Gibt es nicht einen UNO-Grundsatz: Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten eines Staates? Reicht es nicht wenn Frau Merkel dies macht: Deutschland bezahlt alles!

Herr Thomas Albers

29.08.2014, 19:15 Uhr

"Wenn es ganz schlecht läuft, wird Moskau auch irgendwann den Gashahn zudrehen. Und dann dürften wir während des Winters ein wenig frieren."

Genau. Das Problem: Man kommt da nicht mehr raus. Der Westen ist gezwungen, das jetzt bis zum bitteren Ende durchzuziehen, denn ein Nachgeben des Westens würde bedeuten, vor dem Unrecht und Potentaten zu kapitulieren. Im nächsten Konflikt macht es Russland wieder genauso - wir machen uns damit erpressbar. Putin ist unberechenbar und brandgefährlich, deshalb können wir es uns nicht leisten, zurück zuweichen.

Das bedeutet für uns: Bereiten wir uns darauf vor, dass Russland den Gashahn zudrehen wird. Wenn wir es frühzeitig tun, können die Auswirkungen begrenzt werden. Das schmerzt - ist aber notwendig.

Herr Thomas Albers

29.08.2014, 19:22 Uhr

"Ein Nato-Mitgliedsland kann im Rahmen des Beistandspaktes die Unterstützung durch die Bündnispartner für sich einfordern. In der aktuellen Situation müssten dann vielleicht deutsche Soldaten in der Ostukraine aushelfen. Das ist etwas, was hierzulande garantiert niemand will."

Richtig, das will niemand. Aber Putin wird niemals das Risiko eingehen, ein Nato-Mitglied anzugreifen, weil er dann mit einer entsprechenden heftgen Reaktion rechnen muss. Noch weniger als einen Handelskrieg kann sich Russland eine militärische Auseinandersetzung mit der Nato leisten.

Die Nato-Mitgliedschaft der Ukraine garantiert somit ihre Sicherheit kraft Abschreckung. Die Voraussetzungen sind allerdings Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Verlässlichkeit. Für die Ukraine noch ein weiter Weg.

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