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05.06.2015

18:10 Uhr

Was vom Tage bleibt

Falsches Format, falsche Köpfe

VonOliver Stock

Auf Schloss Elmau reden die Falschen. In der Türkei träumen die Falschen. Und in Griechenland regieren die Träumer. Was heute geschehen ist, lesen Sie hier.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Muss das sein?

Da kommen sie zusammen, die sechs Herren und eine Dame, die sich die Gruppe der G7 nennt. Ihr Programm: Schutz der Meere, Stärkung der Frauenrechte, Antibiotika-Resistenz, Klimaerwärmung und so weiter. Ihr Diskussionsort: Schloss Elmau, abgeschottet von 19.000 Polizisten und Anlaufpunkt für vermutlich 30.000 Demonstranten. Das Spektakel ist wahrscheinlich der politische Höhepunkt des Jahres in Deutschland. Und wir dürfen zuschauen! Als Zuschauer stellen wir so unsere Fragen. Die erste: Muss das sein? Sicher ist reden immer besser als schweigen. Aber, liebe Staats- und Regierungschefs, wenn ein Gipfel so viel Protest hervorruft, könnte die Runde ja mal das Format ändern. Auch im Bundeskanzleramt gibt es Raum zum Reden und das Weiße Haus soll laut sicheren Quellen auch ein Plätzchen für solche Runden parat haben. Politik muss für ihr Tun um Verständnis beim Volk werben. Die G7-Runde aber ignoriert, dass sie in diesem Format offenbar kaum noch gelitten ist. Sie ist deswegen aus der Zeit gefallen. Zweite Frage: Kommen dort die Richtigen zusammen? Antwort: nein. China fehlt, Indien fehlt und Russland sowieso. Alle jene sieben Staats- und Regierungschefs, die sich in Oberbayern treffen, verkörpern knapp mehr als zehn Prozent der Weltbevölkerung. Falsches Format und die falschen Köpfe – die Zweifel, dass diese Runde etwas zustande bringt, was uns voranbringt, sind berechtigt. Alles andere wäre eine echte Überraschung.

Linke Träume

Es sind oft die eigenen Füße, über die wir fallen. Oder die eigene Partei. So will der griechische Ministerpräsident Tsipras vielleicht ja doch Reformen auf den Weg bringen, aber ganz sicher wird dabei der linke Flügel seiner Syriza-Partei nicht mitmachen. „Das gesamte Paket, das uns da aus Brüssel präsentiert wurde, lehnen wir ab. Wir werden die Sparpolitik nicht fortsetzen", sagte Vize-Arbeitsminister Dimitris Stratoulis, der so etwas wie der Gregor Gysi Griechenlands ist. Apropos Gysi: Der steht am Wochenende vor der Wiederwahl, wenn die Linke hierzulande ihren Parteitag abhält. Tsipras dagegen könnte die nächste Wahl als Kandidat nicht überstehen. Womit klar wird: Es ist einfacher, ein Linker in der Opposition zu sein, als ein Linker in der Regierung.

Erdogans Weltmachtträume

Sein Name steht auf keinem Stimmzettel, wenn die Türken am Sonntag wählen gehen. Und doch geht es vor allem um ihn: Recep Tayyip Erdogan. Bekommt der umstrittenste Politiker der Türkei noch mehr Macht? Droht in der Türkei womöglich eine Diktatur? Darüber entscheiden die Wähler am Sonntag. Erdogan schwelgt derweilen in osmanischen Nostalgien, träumt von der Türkei als neuer Weltmacht. Seit dem ersten Wahlsieg seiner AKP 2002 ist er die dominierende Figur. Als Regierungschef hat er die Militärs entmachtet. Schlüsselstellungen in Justiz, Polizei, öffentlicher Verwaltung und im Bildungswesen besetzte er mit Leuten seines Vertrauens. Die Massenproteste vom Sommer 2013 überstand er ebenso wie Korruptionsvorwürfe. Im vergangenen August wählten ihn die Türken mit 52 Prozent zum Präsidenten. Anhänger verehren ihn als neuen Propheten. Eine Diktatur ist eine Herrschaft von oben, die den Instinkten von unten folgt. Ich wünsche mir zum ersten Mal eine instinktlose Türkei.

Lebensverlängerndes Blei

Zwei Minuten dauert es, bis die Maggi-Nudeln von Nestlé verzehrfertig sind. Weniger als zwei Wochen benötigte es, das Image der Marke Nestlé in Indien ernsthaft zu beschädigen. Und es könnten mehr als zwei Jahre vergehen, bis sich die Marke vom aktuellen Skandal wieder erholt hat. Seit in einem kleinen Laden im Bundestaat Uttar Pradesh mit zu viel Blei belastete Maggi-Nudeln entdeckt wurden, ist der Konzern immer stärker in die Defensive geraten. Heute setzte die indische Lebensmittelaufsichtsbehörde noch einen drauf: Die Nudeln seien „unsicher und gefährlich“, warnt sie. Die Lebenserwartung der Inder ist im letzten halben Jahrhundert von 41 auf 67 Jahre gestiegen. Nestlé und andere haben dazu beigetragen. Ich frage mich, ob Blei vielleicht lebensverlängernd wirkt und werde mir heute Abend ein paar Nudeln machen.

Ein heißes Wochenende wünscht Ihnen

Oliver Stock

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

05.06.2015, 19:04 Uhr

Ich dachte zuerst, die Überschrift würde sich auf HB-online beziehen. Dann hätte man den Nagel voll auf den Kopf getroffen!

In Griechenland regieren keineswegs die Träumer, sondern die Nachlaßverwalter des gescheiterten Euro-Experiments und des danach gefolgten Troika-Terrors. In GR können wir sehen, was uns in Deutschland noch bevorsteht.

Herr Thomas Ungläubig

05.06.2015, 19:34 Uhr

Warum veranstaltet man einen solchen Gipfel nicht einfach in der Vollzugsanstalt in Stuttgart-Stammheim? Ein Sicherheitsproblem sollte dem nicht im Wege stehen, oder? Logie und Verpflegung sind angeblich auch Menschen würdig. Problematisch evtl. wäre der gemeinsame Hofgang mit den »Knackis«. Aber der Kostenfaktor ist doch sicher nicht zu vernachlässigen und das Demonstranten-Gesindel ist hier auch leichter in Schach zu halten. ;–))

Account gelöscht!

05.06.2015, 20:40 Uhr

Es gibt nichts, was gegen Ihren Vorschlag sprechen würde - außer: Hochverräter und sonstige Schwerstverbrecher meiden grundsätzlich die Nähe eines Gefängnisgebäudes! Sie fühlen sich dort einfach unwohl. Sie möchten zu den besseren Kreisen gehören.

Und so verwenden sie den größten Teil ihrer Energie darauf, den Anschein zu erwecken, sie seien anständige Menschen. Und einige von ihnen werden sogar glauben, dass sie das wirklich sind.

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