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02.05.2013

18:49 Uhr

Was vom Tage bleibt

Frische Drogen für den kranken Mann

VonFlorian Kolf

Frankreich bekommt billig das Geld nachgeworfen, die EZB hilft dabei tatkräftig, Porsche jammert auf hohem Niveau und die Affäre Hoeneß hat auch gute Seiten. Der Tagesrückblick

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Wunderschönen guten Abend,

Leichtfertige Anleger

Entweder ist es purer Leichtsinn oder der schlichte Mangel an alternativen Anlagemöglichkeiten: Investoren haben Frankreich so preiswert frisches Geld geliehen wie noch nie zuvor. Für eine zehnjährige Anleihe muss die Regierung lediglich 1,81 Prozent Zins zahlen. Die Nachfrage war mehr als doppelt so hoch wie das Angebot. An der Leistung der Regierung von Präsident Francois Hollande jedenfalls kann es nicht liegen. Gerade erst musste sie die Wachstumsprognose für dieses Jahr von 0,8 auf 0,1 Prozent zurückschrauben, die Arbeitslosigkeit erreicht neue Höchststände, die öffentliche Schuldenquote steigt dramatisch. Frankreich ist auf dem Weg zum kranken Mann Europas – und die Anleger liefern weitere Drogen.

Gefährliche Geldschwemme

Frische Drogen für die Schuldenmacher liefert auch die Europäische Zentralbank – und macht sie immer billiger. Sie hat heute nicht nur ihren Schlüsselzins von 0,75 auf das Rekordtief von 0,5 Prozent gesenkt, sie hat auch erklärt, dass sich die Banken in der Euro-Zone noch mindestens ein Jahr lang unbegrenzt Geld bei der EZB leihen können. Das Problem nur: All diese Maßnahmen werden wohl wieder wirkungslos verpuffen, weil viele mittelständische Firmen in den Krisenstaaten trotzdem kaum Kredite bekommen. Die Banken sind einfach zu misstrauisch. Wir lernen: Geldschwemme kann kluge Politik der Regierungen nicht ersetzen.

Jubeln und Jammern

Auf den ersten Blick sieht es aus wie verkehrte Welt: Opel jubelt über Fortschritte und Porsche schwächelt. Doch auf den zweiten Blick ist die Hackordnung weiter klar: Die Opel-Mutterkonzern GM konnte den Verlust im kränkelnden Europageschäft nur auf 175 Millionen Dollar eindämmen und beeilte sich zu betonen, dass bisher noch nicht mal eine echte Talsohle in Sicht sei. Und Porsche? Jammert auf hohem Niveau. Auch wenn die Auslieferungen in Europa außerhalb Deutschlands in den ersten drei Monaten um sieben Prozent zurückgingen, rechnet das Unternehmen weiter mit einem Gewinn auf Vorjahresniveau. Und das war ein Rekordjahr.

Das Verdienst von Hoeneß

Der Fall Uli Hoeneß hat ein Gutes: Er gibt der Problematik der Steuerhinterziehung über Schweizer Konten ein Gesicht. Und bringt damit über die öffentliche Aufmerksamkeit vieles in Bewegung. Nun soll es einen zweiten Anlauf für ein Steuerabkommen mit der Schweiz geben. Nicht nur die beiden Regierungen zeigen Verhandlungsbereitschaft, auch die SPD, die den ersten Anlauf zum Scheitern gebracht hatte, ist gesprächsbereit. Damit steigen die Chancen, dass diesmal ein vernünftiger Kompromiss gelingen kann, der einerseits Anreize dafür schafft, das Geld zurück in die Legalität zu bringen, andererseits aber die Steuersünder und die beteiligten Banken nicht zu billig davonkommen lässt.

Was fehlt? Für das erste deutsch-deutsche Champions-League-Finale gingen bei Borussia Dortmund binnen weniger Stunden mehr als 100.000 Kartenanfragen ein, beim FC Bayern ist der Run auf die Endspiel-Tickets ebenfalls riesig. Man macht eben immer noch die besten Geschäfte, wenn man die Emotionen der Menschen wecken kann.

Ich wünsche Ihnen einen leidenschaftlichen Feierabend.

Florian Kolf

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Kommentare (4)

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abhandener

02.05.2013, 21:50 Uhr

Klar, Hoeneß hat Neider, die sogar soweit gehen, Kritik an der öffentlich gemachten Causa und ihrer öffentlichen "Abwicklung" für konspirativ initiiert zu halten.
Die Beckmesser von heute werden sich, ehe sie sich es vlt träumen lassen, später noch ganz eigene Erfahrungen einfangen - nun gut: alles hat einen Preis, nur Öffentlichkeit hat zwei: und die kaum noch verhohlene Gafflust des Publikums an einer weiteren "Kreuzigung" eines weiteren Selbstgerechten macht die Causa nicht besser: Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.
So gesehen sind ja alle ganz bei sich und untereinander.

Goethe schrieb mal: kaum verläßt man das Haus, tritt man in Dreck.

Daran hat sich bis heute, wie es aussieht, kaum etwas geändert.

Kamich

03.05.2013, 01:46 Uhr

"Das Problem nur: All diese Maßnahmen werden wohl wieder wirkungslos verpuffen, weil ... Die Banken sind einfach zu misstrauisch." Wirklich ? Ist es nicht eher so, dass man mit viel billigem Geld leichter seine Gewinne eben durch die erwünschten Staatspapiere zusammenbekommt, als sich mit Kleinkunden abzugeben, bei denen es ein echtes Risiko gibt ? Ich glaube nicht dass man den Mittelstand
stärken möchte. 2009 hat man noch gelobt die Fehlentwick-lungen in der Finanzwelt beseitigen zu wollen, heute tut
man wieder Alles, damit sich mit dem billigen Geld die
nächsten Blasen bilden können. Schaue ich auf die Taten :
da ist kein Interesse an der Realwirtschaft. Real sind
nur die hohlen Sprüche und die Vernebelung der Absichten.
Die Banken sollen doch die Staatsanleihen kaufen, die
Zinsen auch problematischer Länder durch Übernachfrage
in den Keller bringen. Danach ist wieder die Zeit der
Ratingagenturen : Warnungen, Herabstufungen, Krise nächster Akt usw. . Die grössten Gewinne werden doch
leistungslos in Krisen durch starke Kurseinbrüche,
dramatische Rettungsaktionen und "ermutigende" Erholungen
getätigt. Selbst "Schrottpapiere" kann man bei dieser
Geldschwemme noch gewinnbringend verkaufen - siehe D.Bank.

pit

03.05.2013, 10:45 Uhr

ob das Zitat von Goethe stammt weiß ich nicht - aber sie benutzen es völlig falsch. Die europäischen Städte waren zu Zeiten Goethes so verdreckt, dass man ohne in Scheiße zu treten oder von oben mit Fäkalien vollgeschüttet zu werden nicht über die Straße/Gasse gehen konnte. Genau das hat Goethe gemeint. Wenn schon ein Zitat dann aber nicht auf ihre Weise.

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