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09.02.2015

18:51 Uhr

Was vom Tage bleibt

Griechisch lernen mit James Dean

VonOliver Stock

Wie Athen „Hasenfußrennen“ mit der EU spielt, wie der griechische Finanzminister deutsche Geschichte umbiegt, wie Merkel heute tickt und wie sich Gott und Mammon vertragen, erfahren Sie hier.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Die Hasenfüße

Kennen Sie „Denn sie wissen nicht, was sie tun“? Den Filmklassiker mit James Dean? Da rasen zwei Halbstarke in zwei Autos auf einen Abhang zu. Wer zuerst abspringt, hat verloren. „Hasenfußrennen“, nennt sich das Spiel. Dean springt als erster ab, sein Gegner verheddert sich mit dem Ärmel und stürzt in die Tiefe. Griechenland und die EU spielen derzeit das Hasenfußrennen, wie mein Kollege Norbert Häring schreibt. Er ist Ökonom und liebt Spieltheorien, nach denen auch das Hasenfußrennen funktioniert. Wie man es gewinnen kann? Etwa so: „Dem Gegenüber Angst machen, zeigen, dass man selbst keine Angst hat, den Gegner verwirren und über die eigenen Absichten im Unklaren lassen.“ Es sieht ganz so aus, als hätten die griechischen Verhandlungsführer in Sachen Schuldenschnitt eine Anleihe bei den Spieltheoretikern genommen.

Geschichts-Nachhilfe

Yanis Varoufakis, frisch vereidigter griechischer Finanzminister, gibt neuerdings Nachhilfe in Geschichte: Deutschland habe nach dem Ersten Weltkrieg den Vertrag von Versailles unterschrieben. „Aber dieser Vertrag war schlecht…. Europa wäre viel Leid erspart geblieben, wenn er gebrochen worden wäre…Selbst der berühmte britische Ökonom John Maynard Keynes hat damals schon gewarnt, dass es keine nachhaltige Strategie sei, ein Land in den Ruin zu treiben.“ Für Handelsblatt Online hat der Historiker Michael Wolffsohn diese und andere Äußerungen unter die Lupe genommen. Sein Ergebnis in diesem Fall: Der Versailler Vertrag sollte Deutschland schwächen. Die Griechenlandpolitik der EU und Deutschlands soll dagegen Griechenland helfen. Ohne sie bekämen noch weniger Griechen ihren Lohn. Offenbar, so stellt Wolffsohn fest, sind in Athen Wahrheitsverdreher an die Macht gekommen.

Merkels schmerzlicher Realismus

Manchmal gibt es Sätze von Angela Merkel, die sind an Pragmatik kaum zu überbieten. Der jüngste lautet: „Ich kann mir keine Situation vorstellen, in der eine verbesserte Ausrüstung der ukrainischen Armee dazu führt, dass Präsident Putin so beeindruckt ist, dass er glaubt, militärisch zu verlieren.“ Merkels Einsicht hat ihren Grund. Der nennt sich: Realismus. Die Ukraine kann einen Krieg gegen Russland nicht gewinnen. Da helfen auch keine Waffenlieferungen. Deswegen sieht es so aus, als werde Moskau mit seinen unsauberen Methoden letztlich sein Ziel erreichen und den Ostteil der Ukraine besetzen. Merkel bereitet den Westen darauf vor, das zu akzeptieren – einfach aus der Einsicht, dass alle militärischen Alternativen die schlimmeren wären. Was bleibt, wenn die Soldaten nicht helfen können, ist, die eigenen Stärken auszuspielen. Sie liegen im wirtschaftlichen und politischen System. Wirtschaftlich leidet Russland unter den Sanktionen des Westens mehr als unter jeder Militäroffensive. Politisch hat das demokratische System des Westens eine Anziehungskraft, dem sich auch die russischen Staaten nur schwer entziehen können. Genau diese beiden Faktoren haben einst den eisernen Vorhang gelüftet. Wir können auch jetzt auf sie vertrauen.

Gott oder Mammon?

Ein Netzwerk internationaler Journalisten hat weitere Details rund um eine Steueraffäre der Großbank HSBC zu Tage gefördert. Viele Deutsche waren unter den Kunden des Schweizer Ablegers der HSBC. Auch Kriminelle. Das Ganze ist einige Jahre her und geschah, als Stephen Green Chef der britischen Großbank war. Green, ein gelernter Priester, schrieb Bücher mit Titeln wie: „Gott oder Mammon dienen.“ Die britische Regierung hatte ihn zwischenzeitlich zum Lord im Oberhaus und zum Staatssekretär für Außenhandel gemacht. Zur Steueraffäre schweigt Green. Vieleicht wäre es Zeit für eine Beichte.

Streik im Atomkraftwerk

Heute wurden die deutschen Atomkraftwerke bestreikt und keiner hat's gemerkt. Die Gewerkschaft Verdi hatte die Mitarbeiter des Objektschutzes in zahlreichen Branchen zum Warnstreik aufgerufen. Verdi fordert für das private Sicherheitspersonal Lohnerhöhungen von bis zu 2,50 Euro je Stunde. Während die Atommeiler-Beschützer für ihre Forderungen im Verborgenen kämpften, trat das Flughafen-Sicherheitspersonal in Hamburg öffentlichkeitswirksamer in den Ausstand. Dort waren 40.000 Fluggäste betroffen. Wenn ich es recht überlege, ist es beruhigend, dass wir von dem ersten Ausstand so wenig gemerkt haben.

Einen streikfreien Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Kommentare (1)

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Herr Thomas Albers

09.02.2015, 19:16 Uhr

"Europa wäre viel Leid erspart geblieben, wenn er gebrochen worden wäre…"

Er wurde gebrochen. Unter anderem von Adolf Hitler. Übrigens hat ein Generalstreik, der als Reaktion auf Reparationszahlungen durchgeführt wurde, durch Gelddrucken finanziert. Die Folge war Hyperinflation.

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