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05.01.2012

18:26 Uhr

Was vom Tage bleibt

Harte Zeiten für Politiker, Journalisten und Banker

VonFlorian Kolf

Wer sich in Gefahr begibt, der kommt darin um, heißt es schon in der Bibel. Das musste nicht nur Christian Wulff erneut erfahren, sondern auch eine ZDF-Journalistin. Aber es gab heute auch einen, der gut lachen hatte.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Wunderschönen guten Abend,

für Bundespräsident Christian Wulff hat sich die Diskussion um seinen Privatkredit zu einem unentrinnbaren Alptraum entwickelt.

Wulff zwischen Pest und Cholera

So entpuppt sich sein Fernsehinterview, das doch eigentlich als Befreiungsschlag gedacht war, als Desaster. Je mehr er versucht, sich zu entlasten, desto tiefer verstrickt er sich. Jüngster Streitpunkt: Was genau hat er dem Chefredakteur der Bildzeitung auf die Mailbox gesprochen? Weil er behauptet, es sei ihm nur um eine Verschiebung der Berichterstattung gegangen und nicht um eine Verhinderung, hat die Bild-Zeitung jetzt auf brutale Weise zum finalen Schlag angesetzt. Sie hat ihn öffentlich aufgefordert, der Veröffentlichung der Mailbox zuzustimmen. Für Wulff bedeutet das die Wahl zwischen Pest und Cholera. Stimmt er zu, könnte er der Lüge überführt werden. Er hat sich entschieden, die Veröffentlichung abzulehnen. Nun steht er im Verdacht, etwas verbergen zu wollen. Aus dem Dilemma kommt er nicht mehr raus.

"Was schausten so?"

Das Spott-Objekt des Tages im Internet ist aber nicht der Bundespräsident, sondern die ZDF-Journalistin Bettina Schausten. Sie hatte sich im Interview mit Wulff zu der fatalen Aussage hinreißen lassen, sie zahle Freunden 150 Euro, wenn sie bei ihnen übernachten dürfe. Schlagartig brach ein wahrer Sturm der Häme auf Twitter, Facebook, Blogs und Websites los. Was lernen wir daraus? Wir alle bewegen uns bei der moralischen Bewertung von Freundschaftsdiensten auf dünnem Eis. Und wer nicht aufpasst, bricht selber ein.

Kein Staatsgeld mehr für Spaniens Banken

Harte Zeiten brechen auch für die spanischen Banken an. Die neue Regierung hat sie aufgefordert, zusätzlich bis zu 50 Milliarden Euro zurückzulegen. So sollen künftige Verluste im Immobiliensektor aufgefangen und eine Bad Bank unnötig werden. Zugleich hat der Wirtschaftsminister klargestellt: Weiteres Geld aus der Staatskasse gibt es für die Banken nicht. Eine klare und mutige Ansage. Und eine richtige. Denn keine Regierung kann ihre Banken auf Dauer alimentieren. Es wurde Zeit, dass das mal einer so klar ausspricht.

Dramatischer Stellenabbau der Royal Bank of Scotland

Dass auch eine Verstaatlichung die Banken nicht vor radikalen Schritten bewahrt, zeigt das Beispiel der Royal Bank of Scotland. Dort stehen offenbar weitere 10.000 Stellen auf der Kippe. Die Bank stehe kurz davor, das Investment-Banking radikal zu stutzen, heißt es in einem Medienbericht. Das wäre mehr als jede zweite Stelle in diesem Bereich. Damit ist die Bank in guter Gesellschaft. Europaweit streichen die Banken tausende Stellen im Investment-Banking, weil der Handel mit Anleihen, Devisen und Rohstoffen seit Mitte vergangenen Jahres massiv eingebrochen ist. Damit dürften aber auch Renditen von über 20 Prozent endgültig der Vergangenheit angehören.

Was fehlt? Uli Hoeneß, Deutschlands wohl prominentester Fußball-Manager, hat seinen 60. Geburtstag gefeiert. Dass dem erfolgreichen Unternehmer, der den FC Bayern zu dem gemacht hat, was er ist, sogar Fans konkurrierender Vereine von Herzen gratulieren, hat einen einfachen Grund: Er ist nicht nur durch starke Sprüche aufgefallen, sondern durch Leistung. Und solche Exemplare gibt es heute nicht mehr all zu oft.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Feierabend,

Florian Kolf

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Kommentare (3)

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Rainer_J

05.01.2012, 21:04 Uhr

Frau Schausten wollte sich ggf. als Nachfolgerin ins Spiel bringen:-D

Diese Debatte ist völlig überzogen. Natürlich bekommen Amtsinhaber (ab Bürgermeister auswärts) auch Privilegien.
Oder glaub hier jemand der Bürgermeister hat bei einem Kredit bei der Sparkasse/Bank einen Zinssatz wie ein Hilfsarbeiter in befristeter Anstellung? Sollte vielleicht nicht so sein, aber es ist normal!

Die höheren Politiker, die jetzt laut schreien, hatten sicher alle selbst schon mal einen Kredit der (jede Wette) unterhalb des durchschnittlichen Zinssatzes lag. Da bin ich mir ganz sicher.

Abgesehen davon, haben wir keine anderen Sorgen? EFSF, ESM, Target2, Aushöhlung der Demokratie usw.

Da geht es um riesige Summen, für die der deutsche Steuerzahler illegal haften soll und ggf. mehrere Generationen das abstottern müssten. Das ist eine Gesamtsumme im 4-stelligen Milliardenbereich. Im Interview geht es aber nicht darum, wie Wulff zu diesen illegalen Vorhaben steht, sondern um ein paar lächerlicher Euros, die er wegen bessere Konditionen gespart hat. Völlig verrückt!!

Zum Vergleich (nehmen wir an, Wulff hat 20000 Euro Zinsen gespart):

ESM: 211 000 000 000 (theoretisch aber unbegrenzt)
Target2: 500 000 000 000 (gedeckt durch Staatsanleihen)
20 000 (Zinsvorteil)

Was interessiert und mehr, wenn wir noch alle Tassen im Schrank haben?

Rainer_J

05.01.2012, 21:34 Uhr

Liebes Handelsblatt:

Wie schon geschrieben, würde ich gerne wissen, wie unser Bundespräsident über EFSF, ESM und Traget2 denkt?

Wie wäre wenigstens ein Interview oder Artikel zu diesen wichtigen Themen? Anstatt 50 Artikel über diesen lächerlichen Kredit zu schreiben.

WiKa

05.01.2012, 21:37 Uhr

Langsam stinkt die Sache nur noch zum Himmel mit Wulff und den Medien. Die eigentlichen Themen verblassen, die Intensität und das seit drei Wochen andauernde medial Sperrfeuer gegen Wulff lässt erahnen, dass wir nicht mehr über Pressefreiheit reden, sondern über einen Machtkampf um die Position. Der personifizierte Wulff hat die schlechteren Karten gegenüber einer gesichtslosen Pressemeute die aus allen Rohren feuert. Unstreitig, Wulff ist die falsche Besetzung, aber spannender wäre die Frage wer im Hintergrund gegen ihn orchestriert und den Daumen gegen ihn gesenkt hat. Nur leider werden wir dies bei der großen Show niemals erfahren, den Schaden haben am Ende wir alle und deshalb darf man aktuell durchaus behaupten:

„Deutschland läuft sich einen Wulff - der Winternachts(alb)traum

http://qpress.de/2012/01/04/deutschland-rennt-sich-einen-wulff-winternachtsalbtraum/

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