Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.04.2015

18:49 Uhr

Was vom Tage bleibt

Irgendwann reißt der Geduldsfaden

VonStefan Menzel

Der Tsipras-Besuch in Moskau bringt keine Ergebnisse, Facebook steht vor einer Riesenklage. Die Middelhoff-Haft wird noch einmal überprüft und Elektroautos sind keine Verkaufsrenner. Der Tagesrückblick.

Stefan Menzel ist Chef vom Dienst beim Handelsblatt.

Stefan Menzel ist Chef vom Dienst beim Handelsblatt.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Griechische Einlage
So, das waren sie also, die zwei Tage von Alexis Tsipras in Moskau. Erwartungsgemäß ist beim Besuch des griechischen Ministerpräsidenten nicht sonderlich viel herausgekommen. Moskau weiß nur zu gut, dass Griechenland im Moment nicht viel zu bieten hat. Außerdem steckt Russland selbst viel zu sehr in seiner eigenen wirtschaftlichen Krise, als dass es Griechenland nur so mit Milliarden überschütten könnte. Alexis Tsipras hat seinen Besuch bei Präsident Putin in erster Linie als Drohgebärde angelegt. Brüssel und Berlin sollten wieder einmal ein klein wenig herausgefordert werden. Der griechische Premier muss aufpassen. Wenn er dieses Pokerspiel noch länger treibt, wird bei den anderen Euro-Ländern der Geduldsfaden reißen. Und dann ist der Grexit plötzlich da.

Einfach zu groß
Wir alle haben Facebook sehr viel zu verdanken. Der US-Konzern hat die Kommunikation revolutioniert und die sozialen Medien erst zu dem gemacht, was sie heute sind. Kann sich überhaupt noch jemand vorstellen, wie es ohne Facebook & Co. gehen sollte? Trotzdem wird die neue Massenklage extrem lohnenswert sein. Facebook ist in den vergangenen zehn Jahren so erstaunlich schnell so unheimlich groß geworden. Ein gewaltiger Datenschatz liegt da auf den Servern des Facebook-Konzerns. Jetzt ist es an der Zeit, diesen Datenriesen Facebook genauer zu kontrollieren und zu überwachen - weil ein Missbrauch natürlich nicht ausgeschlossen werden kann. Klare Worte von Richtern können so schnell zum Segen für den Datenschutz werden.

Lästige Zukäufe
Procter & Gamble ist wegen seiner wirtschaftlichen Erfolge ein weltweit geachteter Konzern. Im Konsumgüterbereich gibt es kaum ein anderes Unternehmen, das eine ähnlich gute Bilanz vorweisen kann. Doch auch ein Champion macht einmal Fehler. Procter denkt darüber nach, sich wieder von einzelnen Teilbereichen wie etwa Wella oder Oil of Olaz zu trennen. Zukäufe aus der Vergangenheit, die nicht zum ganz großen Erfolg geworden sind. Das ganze Unternehmen ist einfach zu komplex und unübersichtlich geworden, Procter braucht wieder eine klarere Fokussierung auf seinen Kern. Insofern lehrt das Beispiel des US-Konzerns, dass allein schiere Größe kein Selbstzweck werden darf. Etwas mehr Nachdenklichkeit und Zurückhaltung beim nächsten Zukauf dürften Procter & Gamble nicht schaden.

Verhältnismäßigkeit
Die Anwälte von Thomas Middelhoff versuchen es noch einmal. Schon mehrmals sind sie mit ihren Anträgen zur Haftüberprüfung für den früheren Arcandor- und Karstadt-Chef gescheitert. Nun sollten allerdings die Richter einmal in sich gehen und nach der Verhältnismäßigkeit des gesamten Verfahrens fragen. Middelhoff hat (vielleicht) einige hunderttausend Euro an Firmengeldern für private Zwecke verwendet und soll dafür bald drei Jahre ins Gefängnis. Der frühere Bayern-Präsident Uli Hoeneß hat dem deutschen Fiskus ungefähr 50 Millionen Euro verschwiegen und bekommt dafür nur eine unwesentlich längere Gefängnisstrafe als Middelhoff. So ganz passen da Schadenshöhe und Strafmaß nicht zusammen. Eine neuerliche Haftprüfung lohnt sich also auch jetzt noch.

Mit angezogener Handbremse
Deutsche Automobilkonzerne lassen sich gern für ihre Technologieführerschaft feiern. Natürlich ist es erst einmal eine gute Sache, wenn sich VW & Co. stärker bei Hybrid- und Elektrofahrzeugen engagieren. Die Zulassungszahlen sprechen jedoch eine völlig andere Sprache. Bei den Käufern stoßen diese Autos allenfalls auf mäßiges Interesse. Angesichts fallender Öl- und Benzinpreise sieht es nicht nach einem Elektroboom aus. Die deutsche Automobilindustrie muss bei Elektromodellen natürlich weiterhin aktiv sein - doch eher mit angezogener Handbremse. Dass sich für die Elektromodelle nur wenige Käufer finden, daran dürfte sich auch auf längere Sicht so schnell nichts ändern.

Ich wünsche Ihnen einen sonnigen Frühlingsabend. Es grüßt Sie herzlich

Stefan Menzel

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×