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02.06.2014

18:40 Uhr

Was vom Tage bleibt

Jean-Claude – who?

VonOliver Stock

Die Briten haben recht, wenn sie Juncker verhindern. Brüssel öffnet die Geldschleuse. Google geht in die Luft. Und in Spanien dankt ein Held ab. Der Tagesbericht.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Auf der Suche nach dem Außergewöhnlichen

Da reiben wir Deutsche uns doch verwundert die Augen: Ein Duo aus konservativen und sozialdemokratischen Europapolitikern hat um den Sieg bei der Europawahl gerungen. Der Konservative hat ihn eingefahren. Und jetzt soll er gar nicht Chef werden. Jean-Claude Juncker jedenfalls muss um sein angestrebtes Amt bangen, weil zum Beispiel David Camerons Landsleute fragen: „Jean-Claude – who?“ Dass die Briten Juncker nicht kennen, liegt daran, dass sie von der EU, wie sie sich präsentiert, nichts halten. Und mit dieser Einstellung haben die Insulaner recht. Juncker stünde für ein „Weiter so“ wie sein Vorgänger Barroso oder dessen Vorgänger Prodi. Wir sollten die Briten feiern, dass sie da nicht mitmachen. Sie halten sich an Oscar Wilde. „Das Durchschnittliche gibt der Welt ihren Bestand, das Außergewöhnliche ihren Wert“, sagt der. Gesucht wird ab jetzt ein Außergewöhnlicher.

Brüssel lockert Spardruck

Wer sich fragt, warum Europa so seine Legitimationsprobleme hat, konnte heute eine kostenlose Lehrstunde bekommen. Noch-Kommissionspräsident José Manuel Barroso teilte mit, die krisengeplagten Euroländer dürften ihre Sparpolitik lockern, um Wirtschaft und Jobwachstum anzukurbeln. „Die Anstrengungen und Opfer, die quer durch Europa erbracht wurden, beginnen sich auszuzahlen“, sagte er und plädierte dafür, auch die Sanktionsmaßnahmen wegen mangelnder Haushaltskonsolidierung gegen sechs EU-Länder zu beenden. Bei einer Abstimmung in Deutschland, ob hier jemand diesen Hinweis gut findet, wäre Barroso mit Pauken und Trompeten durchgefallen.

Doping für den Dax

Er hat es wieder nicht geschafft. Der Dax ist ein Weltklasse-Hochspringer, der sich eine Messlatte bei 10.000 Punkten zurechtgelegt hat, die er seit Tagen reißt. Wahrscheinlich hilft nur Doping. Die Zentralbank rührt gerade die Rezeptur zusammen: Wenn sie die Geldpolitik am Donnerstag noch mal lockert, dürfte das auch mit dem Dax klappen. Und die Folgen des Dopings sind bekanntlich erst später sichtbar.

Google geht in die Luft

Jetzt also auch Satelliten: Google plant, 180 Satelliten ins All zu befördern, die dazu gut sein sollen, Entwicklungsländern kommunikationstechnisch auf die Sprünge zu helfen. Aus dem Konzern dringt einmal pro Woche eine neue Idee, die uns je nach Gemütslage fasziniert oder erschauern lässt. Dabei hat Google vor allem eine Erfindung gemacht: Das Unternehmen denkt komplett vom Kunden her. Kann der Leser keine Rechtschreibung? Google merzt die Fehler aus. Hat ein potenzieller Nutzer kein Internet? Google schießt eben Satelliten ins All. Der Erfolg dieser Strategie ist so überwältigend, dass es Google glänzend geht. Und natürlich benutzt Google das Geld, das es verdient, um seine Macht noch vollkommener zu machen. Je mehr die Kunden Google lieben, um so abhängiger werden sie von dem Internet-Giganten. Liebe und Abhängigkeit jedoch sind keine Kategorien, die eine wirtschaftliche Beziehung steuern. In der Wirtschaft geht es um Innovation und Fortschritt, um Wettbewerb und Konkurrenz, um Allianzen und Vertrauen. So lange Google innovativ ist, wird es den Wettbewerb gewinnen. Und so lange wir Google mehr vertrauen als anderen, hat die Konkurrenz keine Chance. Wem Google unheimlich ist, der sollte den Konzern einfach abschalten. Noch ist das möglich.

Der König geht

Wenn einer freiwillig geht, dann bleibt das Gute über ihn in der Erinnerung eingebrannt. Der spanische König Juan Carlos hat seinen Rückzug vom Thron angekündigt. Affären finanzieller und amouröser Art begleiten ihn seit Jahren. Sie werden in Vergessenheit geraten. Was bleibt ist: Die Spanier haben ihm die unblutige Rückkehr zur Demokratie nach dem Tode Francos 1975 zu verdanken. Der damals blutjunge König leitete schnell Wahlen ein. Bei einem Putschversuch der Militärs im Februar 1981 war er es, der die Uniformierten zur Räson rief und in einer Live-Fernsehansprache das Volk beruhigte: „Die Krone als Symbol der Beständigkeit und Einheit des Vaterlands kann in keiner Weise Handlungen von Menschen hinnehmen, die versuchen mit Gewalt den demokratischen Prozess zu stören, der durch die Verfassung, die das spanische Volk angenommen hat, vorgegeben ist.“ Juan Carlos wurde mit diesen Worten ein Held und Spanien eine echte Demokratie. Sein Ruhm wird seine Regentschaft überleben.

Einen rühmlichen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

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