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20.02.2012

18:59 Uhr

Was vom Tage bleibt

Nachhaltige Konkursverschleppung

VonOliver Stock

Die Nachwehen der Präsidentenvorauswahl sind heftig, aber es sind nur Nachwehen. Das griechische Drama darf weitergehen und das der ehemaligen Skandalbank IKB ist noch längst nicht zu Ende.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Guten Abend Ihnen allen,

Sie lebt noch, die FDP

Wie war das? Der nächste Präsident wird einer, der nicht nach seinem Parteibuch, sondern nach seiner Reputation ausgesucht werden soll, hatten sich alle Beteiligten geschworen. Als dann alle so handelten, war eine sauer: die Kanzlerin. Ihr wurde nämlich der bei ihr schon mal abgeblitzte Kandidat Joachim Gauck serviert. Und weil alle für ihn waren, standen mit einmal Angela Merkel und ihre Getreuen auf verlorenem Posten. Vor allem von der FDP, dieser ein bis drei Prozent-Partei an ihrer Seite, war die CDU/CSU so etwas nun wirklich nicht gewohnt. Entsprechend hängt heute der Haussegen in der Koalition schief und das Geschwätz von gestern, man schere sich nicht ums Parteibuch, schert derzeit gar keinen. Eine tiefe Koalitionskrise dürfte es dennoch nicht geben. Eher eine Situation, in der die FDP ein Lebenszeichen von sich gab, was ihr keiner mehr zugetraut hatte. Vielleicht ist es nur ein letztes Aufbäumen. Aber für heute sind die Liberalen damit die Gewinner dieser Präsidentenvorwahl.

Infusion für Griechenland

Auf der Skala zwischen Pleitegehenlassen und bedingungslosem Retten ist der Griechenland-Prozess heute wieder ein Stück weiter Richtung Retten gerutscht. Trotz ungeklärter Fragen zeichnet sich eine Einigung zwischen den internationalen Geldgebern und Athen auf ein neues, zweites Hilfspaket von mindestens 130 Milliarden Euro ab. Die Euro-Finanzminister gaben sich bei ihrem Treffen zuversichtlich, die dringend benötigten Kredite auf den Weg zu bringen. Der Dax empfand das schon vor und schrappte heute an der 7000er Marke. Im Gegenzug muss Athen mehr Kontrolle erdulden und seine Budgethoheit teilweise abgeben. Für die Schuldentilgung soll es ein Treuhandkonto geben. Banken und Versicherungen beteiligen sich erstmals über einen Schuldenschnitt an der Rettung und sollen auf rund 100 Milliarden Euro verzichten, was der Hälfte ihrer Bestände an griechischen Staatsanleihen entspricht. Scheitert das ganze, ist Griechenland Mitte bis Ende nächsten Monats Pleite. Das wäre in drei Wochen. Kommt das Paket zustande, geht das Drama weiter. Manche nennen es Konkursverschleppung.

IKB muss auf Diät

Was passiert, wenn Griechenland pleitegeht, lässt sich sehr schön an den Zahlen der Krisenbank IKB ablesen. Sie war der erste Rettungsfall während der Finanzkrise in Deutschland. Und sie ist längst nicht über den Berg. Weil sich die Schuldenkrise zum Jahresende noch einmal zuspitzte, musste die IKB Abschreibungen auf etliche langfristige Anlagen schultern. Die griechischen Staatsanleihen stehen nun nur noch mit ihrem Marktwert in den Büchern. Unterm Strich hat sie so in den ersten neun Monaten ihres Geschäftsjahres fast eine halbe Milliarde Euro Verlust eingefahren. Nun setzt die IKB den Rotstift an, die Verwaltungskosten müssen runter. Rund 200 Stellen sollen wegfallen, Verhandlungen mit dem Betriebsrat laufen bereits. Die Abmagerungskur erinnert an Griechenland: Der Patient soll hungern, auf dass er wieder gesund wird. Geklappt hat so eine Therapie noch nie. Weder bei Staaten, noch bei Unternehmen, noch im wirklichen Leben.

Streik fördert Einsichten

Die Vorfeldlotsen am größten deutschen Flughafen in Frankfurt am Main sind aus dem Wochenende zurück und nun streiken sie gleich wieder. Bis Mittwochmorgen soll es mindestens dauern. Das ist die schlechte Nachricht für Fluggäste. Die gute: Heute fanden trotz des Streiks 80 Prozent der Flüge statt. Das geht weil der Flughafenbetreiber Fraport ehemalige Vorfeld-Beschäftigte sowie extra dafür ausgebildete Mitarbeiter an Stelle der Streikenden einsetzt. Nach Angaben einer Lufthansa-Sprecherin helfen auch Lufthansa-Beschäftigte bei Vorfeldkontrolle und -aufsicht aus. Kunden von Lufthansa und Air Berlin können auf Züge der Deutschen Bahn umsteigen. Die Fluggesellschaften tauschen Flugtickets betroffener Passagiere in Fahrkarten um. So bringt dieser Streik schon einmal einige neue Einsichten. Die erste, die die Verhandlungsposition der Lotsen etwas schwächt, ist, dass die Vorfeld-Lotsen offenbar durch Aushilfen ganz gut zu ersetzen sind. Die zweite erkennen die Passagiere, wenn sie feststellen, dass die Bahn vielleicht das bessere Flugzeug ist. Beides dürften von mir aus ruhig nachhaltige Einsichten sein.

Einen nachhaltigen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Kommentare (1)

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HaHa

20.02.2012, 19:49 Uhr

wenn die FDP eine 1-3% Partei wäre, hätte es wohl niemanden interessiert für wen sie stimmen will, nicht wahr?

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