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31.07.2013

18:22 Uhr

Was vom Tage bleibt

Ohne Beitz

VonOliver Stock

Thyssen-Krupp verliert seinen Patriarchen. Er hat seinen Platz im Geschichtsbuch. Siemens verliert seinen Vorstand und bekommt Ersatz. Amazon will nicht jeden Kunden. Und: Wer stoppt den Plagiatsjäger? Der Tageskommentar

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Abschied von Beitz

Berthold Beitz ist im Alter von 99 Jahren gestorben. Er war der letzte deutsche Stahlbaron. Er war ein Patriarch und Übervater. Er war ein mehrfacher Firmenretter. Er war Treuhänder des Krupps'schen Erbes. Er war ein Kämpfer für Gerechtigkeit, der sich zu Kriegszeiten gegen die Nazis stellte. Dieser Mann nimmt gleiche mehrere Plätze in der deutschen Wirtschaftsgeschichte ein.

Kaeser schafft es nicht allein

Wer Peter Löscher in den vergangenen Monaten getroffen hat, erlebte einen Mann ohne Visionen. Zwar einen der sich gegen den Abwärtstrend stemmt, aber eben auch einen, der dabei in die Defensive geraten war. ICE's, die nicht fuhren, Windräder, die nicht liefen, mit der Solartechnik ein ganzer Geschäftsbereich, der dicht gemacht wurde – jede Baustelle für sich genommen war klein. In der Summe aber ergaben sie den Eindruck eines Konzerns, der sich verzettelt hatte. Um so eine Phase durchzustehen, hätte Löscher Rückhalt im eigenen Laden gebraucht. Statt Menschen, die ihm den Rücken frei halten, fanden sich jedoch nur solche, die ihm in den Rücken fielen. Sein Förderer und Entdecker Gerhard Cromme zum Beispiel. Ist es vor diesem Hintergrund eine gute Nachricht, dass Joe Kaeser die Führung übernimmt? Er ist zumindest keiner, der fremd ist im Unternehmen. Nach mehr als 30 Jahren bei Siemens kennt er jede Strippe, die er ziehen muss, um etwas zu erreichen. Das kann helfen, das verstellt aber auch den Blick, Themen grundsätzlich neu zu denken. Kaeser war bislang Finanzchef, das spricht dafür, dass er bei den Zahlen liefert, was er ankündigt. Hier hatte es bei Löscher zuletzt gehapert. Den Beweis, dass Zahlenversteher die besseren Unternehmenslenker sind, muss er allerdings noch erbringen. Die Pingeligkeit der Kontrolleure kann nur gemeinsam mit der Kreativität der Ingenieure Siemens wieder auf die Erfolgsspur bringen. Es kommt also darauf an, wer gemeinsam mit Kaeser Siemens wieder nach vorne treiben soll. Er braucht einen starker Partner im Aufsichtsrat. Daran allerdings mangelt es in dem Kontrollgremium, das der angeschlagene Cromme als Vorsitzender führt. Gelingen wird der Kurswechsel bei Siemens erst, wenn auch für Cromme ein tatkräftiger Ersatz gefunden ist.

VW pflanzt die Saat

Normalerweise löst ein Gewinneinbruch von 46 Prozent Alarm aus. Doch bei Volkswagen haben sie die Ruhe weg. Denn die Gründe für den Gewinneinbruch auf 4,8 Milliarden Euro, so glauben jedenfalls die Wolfsburger, sind keine Gefahr für den Erfolg. Im Gegenteil: Volkswagen investiert viel Geld in neue Werke, Antriebe und Modelle. Daher ist auch der Rückgang des operativen Gewinns eine Investition in die Zukunft. Bauern wissen: Wer heute sät, wird morgen ernten. Allerdings wissen Bauern auch: Säen ist nicht so beschwerlich wie ernten. Hoffentlich sind sie bei VW also in der Lage, die Ernte einzufahren.

Amazon sperrt lästige Kunden aus

Einige Amazon-Kunden haben in diesen Tagen Post bekommen. Darin stand: „Wir müssen Sie darauf hinweisen, dass wir aufgrund der Überschreitung der haushaltsüblichen Anzahl an Retouren in Ihrem Kundenkonto zukünftig leider keine weiteren Bestellungen entgegennehmen können und Ihr Amazon-Konto mit sofortiger Wirkung schließen. Unsere Entscheidung, Ihr Konto zu schließen, ist endgültig.“ Die Post erreicht jene neue Form von Kunden, die nicht kaufen, sondern nur leihen, gucken, ausprobieren und zurückschicken. Sie leiden sozusagen unter Kaufbulimie. Der Versandhandel hat diese Spezies erst möglich gemacht. Nun bekämpft er die Geister, die er rief.

Ein gewisser Herr Schmidt

Vor 40 Jahren hat ein gewisser Norbert Lammert eine Doktorarbeit über „Lokale Organisationsstrukturen innerparteilicher Willensbildung. Fallstudie am Beispiel eines CDU-Kreisverbandes im Ruhrgebiet“ geschrieben. Heute ist Lammert Bundestagspräsident und ein gewisser Robert Schmidt behauptet, Lammert habe damals in seiner Doktorarbeit abgeschrieben, ohne die Quelle zu nennen. Robert Schmidt ist ein Pseudonym, der Plagiatsjäger kämpft nicht mit offenem Visier. Er hält sich für Ed Snowden, aber er verfolgt in Wahrheit nicht einen Staat, der über die Stränge schlägt, sondern einen älteren Herren, der sich seit seiner Doktorarbeit einige Meriten erworben hat. Einen der wenigen Politiker übrigens, der in der Lage ist, durch intellektuelle Brillanz zu glänzen. Ich finde, der Mensch hat keine Ehre. Und damit meine ich wirklich nicht Norbert Lammert.

Einen ehrenvollen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Kommentare (1)

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Historian

31.07.2013, 21:46 Uhr

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