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28.02.2013

18:11 Uhr

Was vom Tage bleibt

Schäuble pfeift im Walde

VonFlorian Kolf

Der Finanzminister redet sich die Euro-Krise schön, die EU kämpft halbherzig gegen die Jugendarbeitslosigkeit, Versicherungen lösen sich in Luft auf und in Frankreich lösen Raupen die Pferde ab. Der Tagesrückblick

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Wunderschönen guten Abend,

Fehlende Perspektive

Es wäre ja so schön, wenn man Wolfgang Schäuble glauben könnte. Frankreich, sagte der Finanzminister, werde finanzpolitisch auf Kurs bleiben und am Zeitplan für den Defizitabbau festhalten. Und Italien könne, wenn es denn rasch eine stabile Regierung bilde, bald wieder das Vertrauen der Märkte zurückgewinnen. Leider ist all das eher Pfeifen im Walde als eine seriöse Prognose. Schwierigkeiten in Griechenland oder Zypern sind wohl beherrschbar, wenn aber Frankreich und Italien noch tiefer in die Probleme rutschen, gefährdet das die Euro-Zone als Ganzes. Das Schlimmste ist, dass viele Menschen in diesen Ländern persönlich keine Perspektive sehen. Wie soll da eine Aufbruchsstimmung aufkommen?

Zementiertes Elend

Ein Kernproblem hat die EU auf jeden Fall identifiziert: Im Schnitt ist fast ein Viertel alle Menschen unter 25 Jahren in der EU arbeitslos. Aber die Reaktion darauf ist hilflos: Die Arbeitsminister haben eine Jugendgarantie beschlossen. Das heißt, dass jeder arbeitslose Jugendliche spätestens nach vier Monaten einen Job oder zumindest einen Praktikumsplatz angeboten bekommt. Das klingt so, als ob die Politik nach Belieben Arbeitsplätze schaffen könnte. Doch was tut die Gemeinschaft? Sie versenkt einen Großteil ihrer Gelder im Erhalt eines unproduktiven Agrarsektors, statt Jobs in Zukunftsbranchen und in der Forschung zu fördern. So wird das Elend zementiert.

Nur Zeit gewonnen

Die Opel-Arbeiter in Bochum haben mal wieder Zeit gewonnen - mehr nicht. Nach den jetzt verkündeten Plänen soll aus einer einst stolzen Autofabrik ein Warenverteilzentrum werden, ergänzt durch ein Komponentenwerk, von dem aber noch niemand weiß, was es eigentlich herstellen soll. Wer die Qualität kennt, die Marken wie Hyundai heute bieten, weiß, dass „Made in Germany“ bei Autos nicht mehr unbedingt ein Verkaufsargument ist. Im Grunde hat sich die Führung des Mutterkonzerns GM längst entschieden. Opel ist für sie nur noch eine Nischenmarke, dass Massengeschäft wollen sie mit der Schwester Chevrolet machen. Für die deutsche Traditionsmarke ist das ein Tod auf Raten.

Teures Lehrgeld

Zahlreiche deutsche Versicherer haben durch ein Versehen eines Dienstleisters ihre Internetdomain verloren und waren online nicht mehr erreichbar. Besonders hart traf es die Provinzial. Nachdem ihre Adresse www.provinzial.de irrtümlich als herrenlos gemeldet wurde, hat sie sich ein griechischer Domaingrabber unter den Nagel gerissen, eine Firma, die sich Internetadressen sichert und sie dann meistbietend weiterverhökert. Ein ähnliches Schicksal erlitt die Versicherungskammer Bayern, die angeblich sogar bereit ist, für die gekaperte Website 30.000 Euro Lösegeld zu zahlen. Es ist immer wieder erschreckend, wie leichtfertig viele Firmen mit ihrer Sicherheit im Internet umgehen.

Was fehlt? Da diskutieren wir noch über Pferdefleisch in Buletten bei Ikea, da ist man in der kulinarischen Hochburg Frankreich schon einen Schritt weiter. In einem Pariser Vorort haben Lebensmittelkontrolleure bei einem Routineeinsatz einen Eintopf mit Raupen auf dem Herd vorgefunden. Skandal oder Delikatesse? Wahrscheinlich war der Eintopf nicht weniger nahrhaft als Schnecken oder Froschschenkel.

Ich wünsche Ihnen einen genussvollen Feierabend.

Florian Kolf

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Kommentare (28)

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oha

28.02.2013, 18:34 Uhr

Wer soll die EU bezahlen?
Beim Kassieren auch hier: stets alle die Ersten.
Erst beim Bezahlen fängt der Katzenjammer meist an.
Vor allen Dingen, wenn Volkswirtschaften vor lauter Bankenrettung, die als Euro-Krise verkauft werden soll, so schlaff auf der Brust geraten sollten, dass es nur eines Lufthauchs zu bedürfen scheinen könnte, sieben Jahre Verschleppungstaktik, zuvörderst mit Banken, als Erfolg zu verkaufen.

Account gelöscht!

28.02.2013, 18:39 Uhr

Hervorragende Zusammenfassung !
Weiter so !

Rumor

28.02.2013, 18:53 Uhr

Kein Wort zu Steinbrück?
Richtig so. Über Narren muß man nicht sprechen,
besser über Raupen.

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