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29.09.2014

19:08 Uhr

Was vom Tage bleibt

Staatshilfe einmal ganz anders

VonStefan Menzel

Etihad könnte Flugrechte verlieren, der Radhersteller Mifa ist insolvent. Private Wachdienste geraten ins Zwielicht, Hongkong fürchtet neue Gewaltausbrüche und die Bahn spürt die Fernbusse. Der Tagesrückblick.

Stefan Menzel ist Chef vom Dienst beim Handelsblatt.

Stefan Menzel ist Chef vom Dienst beim Handelsblatt.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Flug und Recht

Etihad droht der staatliche Knüppel: Weil die Airline vom Golf das Code-Sharing-Abkommen mit ihrer deutschen Tochter Air Berlin möglicherweise etwas zu großzügig ausgelegt hat, droht das Luftfahrtbundesamt mit dem Entzug von Flugrechten. Alles sieht danach aus, als ob sich die eigentlich neutrale Behörde auf die Seite der Lufthansa schlagen würde. Deutschlands größte Airline klagt über die stark wachsende Konkurrenz vom Golf, jetzt soll offenbar das Luftfahrtbundesamt helfend eingreifen. Dabei nutzt die Lufthansa selbst alle möglichen Tricks, um ihre Interessen durchzusetzen. Wie etwa bei der Übernahme von Austrian Airlines in Österreich vor ein paar Jahren. Die Übernahme von Austrian wurde rechtlich genau so konstruiert, dass die Wiener Airline ihre österreichischen Flugrechte nach der Übernahme durch einen deutschen Konzern nicht verlor. Was soll also die Aufregung über Etihad?

Glück und Hände

Carsten Maschmeyer hat eigentlich ein goldenes Händchen. Mit der Gründung des Allfinanz-Konzerns AWD gelang ihm der Coup seines Lebens. Er begleitete den kometenhaften Aufstieg des Unternehmens und verkaufte rechtzeitig seine AWD-Anteile – bevor es mit dem Unternehmen bergab ging. Doch auch ein Carsten Maschmeyer kann einmal danebengreifen. Der Einstieg beim ostdeutschen Fahrradhersteller Mifa ist gründlich in die Hose gegangen, am Montag hat das Unternehmen Insolvenz angemeldet. Maschmeyer hätte sich den Fahrradmarkt genauer ansehen sollen: Deutschland ist kein Standort mehr für die Fahrrad-Produktion, die wichtigsten Hersteller sitzen längst in Asien.

Staat oder privat?

Deutschland gehört in Europa immer noch zu den Ländern, in denen vergleichsweise vorsichtig privatisiert worden ist. Natürlich dürfen auch Wachdienste in private Hände gegeben werden. Wie im öffentlichen Bereich muss der Arbeitgeber nur dafür sorgen, dass unzuverlässige Mitarbeiter gehen. Wer seinen Job nicht ordentlich macht, hat als Aufseher nichts in einem Wohnheim zu suchen. Das gilt natürlich erst recht für das Asylanten-Wohnheim in Nordrhein-Westfalen, wo Wächter Insassen verprügelt haben sollen. Trotzdem darf es in Deutschland künftig gern noch mehr Privatisierungen geben. Mit dem Staat als Arbeitgeber schleicht sich schnell der Schlendrian ein, die Sicherheit des Arbeitsplatzes wirkt sich nicht gerade effizienzsteigernd aus. Private Lösungen sorgen für mehr Markt und für mehr Wettbewerb. Davon können wir in Deutschland noch mehr gebrauchen.

Alt und neu

In der Ukraine hat sich die Lage zum Glück wieder etwas beruhigt. Dafür droht gleich schon wieder der nächste Konflikt. Dort, wo es kaum jemand erwartet hätte, nämlich in Hongkong. Die Menschen dort sehnen sich zurück nach der Zeit, als die Briten noch das Sagen in der damaligen Kronkolonie hatten. Peking dreht das Rad immer schärfer zurück, vom alten demokratischen Hongkong wird nicht viel bleiben. Wieder setzt sich eine autoritäre Regierungsform durch, Freiheit und Individualismus sind leider auf dem Rückzug.

Bus und Bahn

Es ist ein herbstliches Ritual: Ein paar Monate vor Weihnachten verkündet die Deutschen Bahn gern ihre jährlichen Preiserhöhungen. Die neuen Preise sollen natürlich schon in der Weihnachtszeit gelten, wenn besonders viele Menschen unterwegs sind. In diesem Jahr gibt es jedoch plötzlich eine Besonderheit: In der zweiten Klasse fallen die Preiserhöhungen aus. Warum? Die Fahrgäste verdanken diesen Umstand dem neuen Wettbewerb, der nun endlich auch auf Fernverbindungen greift. Danke an die Fernbusse, die der Bahn die Grenzen aufzeigen.

Eine geruhsamen Abend nach dem ersten Arbeitstag der Woche wünscht Ihnen

Stefan Menzel

Kommentare (1)

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Herr Thomas Albers

29.09.2014, 19:24 Uhr

"Wieder setzt sich eine autoritäre Regierungsform durch, Freiheit und Individualismus sind leider auf dem Rückzug."

Erstaunlich finde ich, dass sich selbst Deutsche in diesen Fragen gelegentlich auf die Seite der Unfreiheit zu stellen scheinen. Wenn man mit Verve die Annexion von Landesteilen verteidigt oder die Motivation von Autokraten wohlwollend entschuldigt, kann ich das eigentlich nur noch mit Kopfschütteln zur Kenntnis nehmen.

Es ist gerade mal 25 Jahre her als auch Deutsche den Wert der Freiheit zu schätzen wussten und bereit waren, dafür etwas zu riskieren.

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