Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.01.2013

18:00 Uhr

Was vom Tage bleibt

Stachel gegen die selbstzufriedene EU

VonFlorian Kolf

Die eigenwilligen Briten mischen wieder Europa auf, Ikea profitiert ausgerechnet von der Finanzkrise, Wolfgang Schäuble steht nicht auf „Cocooning“ und das Hotel Ritz beherbergt ungeahnte Schätze. Der Tagesrückblick

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Wunderschönen guten Abend,

Camerons Verdienst

Nach der Cameron-Rede möchte möchte man den Briten im ersten Reflex zurufen: Dann geht doch einfach. Mit ihren zahlreichen Sonderrechten waren sie ja ohnehin schon eher raus aus der EU als wirklich drin. Doch genau betrachtet wäre das ein großer Verlust gerade für Deutschland. Denn dieser Schritt würde das Gewicht noch weiter verschieben zu den staatsgläubigen, sparunwilligen Staaten wie Frankreich oder Griechenland, die Marktwirtschaft eher für etwas Verdächtiges halten. Und als Stachel im Fleisch der Selbstzufriedenen haben die Briten eine wichtige Rolle: es geht nicht um noch mehr Sonderrechte für die Insel, sondern um eine ehrliche Diskussion, wie sich die EU verändern muss, um die künftigen Herausforderungen zu meistern. Darauf hat Premier David Cameron den Blick gelenkt.

Kuscheln in der Krise

Krise? Welche Krise? Ausgerechnet in den von der Finanzkrise am härtesten getroffenen Ländern im Süden Europas hat der Möbelhändler Ikea im vergangenen Jahr besonders gute Geschäfte gemacht. Aber auch in Deutschland stieg der Umsatz um 6,5 Prozent. Fachleute nennen diesen Trend „Cocooning“: Wenn die Stimmung in der Wirtschaft am Boden liegt und schlechte Nachrichten den Alltag bestimmen, dann igeln sich die Menschen zuhause ein. Und da es für Erspartes ohnehin kaum mehr Zinsen gibt, kann man es auch in neue Möbel investieren. In einem kuscheligen neuen Sofa kann man auch die nächste Hiobsbotschaft von kränkelnden Banken und maroden Staatsfinanzen besser ertragen.

Kampf im Kabinett

Wohl eher harte Stühle als kuschelige Sofas verteilt Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, wenn er in der kommenden Woche die Staatssekretäre der Kabinettskollegen zur Sparklausur bittet. Wie er heute mitteilte, sollen sie Vorschläge machen, wie trotz eines Fehlbetrags von sechs Milliarden Euro für 2014 ein strukturell ausgeglichener Haushalt erzielt werden kann. Die Methode dazu ist das Gegenteil von „Cocooning“: Da nicht wie früher mit allen Ministerien einzeln, sondern in der dynamischen Gruppe im Finanzministerium die Sparmaßnahmen diskutiert werden, ist mit einem fröhlichen Nahkampf zu rechnen. Ist für Politiker schon bitter, wenn es nichts mehr zu verteilen gibt.

Wachstum woanders

Ohnehin findet das richtige Wachstum ja woanders statt. Zum Beispiel in der Türkei, wo die Regierung jetzt angekündigt hat, den größten Flughafen der Welt zu bauen. Der neue Airport in Istanbul soll eine Kapazität von rund 150 Millionen Passagieren bekommen und wäre damit fast dreimal so groß wie der in Frankfurt. Kein Wunder, wächst doch kein Land in Europa zurzeit so schnell wie die Türkei. Eher wundert man sich da, warum die Türkei unbedingt der EU beitreten will – wo die doch so „sklerotisch und ineffizient“ ist, wie der britische Regierungschef Cameron schimpft.

Was fehlt? Wenn Sie das nächste Mal im Hotel übernachten, sollten Sie sich ganz genau anschauen, was da an der Wand hängt. Das Pariser Hotel Ritz hat jetzt entdeckt, dass in einer Suite seit mehr als 100 Jahren unbemerkt ein Gemälde aus dem 17. Jahrhundert hing, dessen Wert nun auf bis zu 500.000 Euro geschätzt wurde. Wenn man bedenkt, wie viel aus Hotels geklaut wird, ist es ein Wunder, dass es noch da ist.

Ich wünsche Ihnen einen kuscheligen Feierabend.

Florian Kolf

Diskutieren Sie mit dem Autor auf Facebook

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

23.01.2013, 19:03 Uhr

Mein Kommentar vom 18.01.2013 zu Punkt 1, Cameron:

"Die Analyse des Mr. Cameron über Struktur und Gebaren der EU trifft den Nagel auf den Kopf. Die EU wurde von französischen Gehirnen konzipiert und von D nur abgenickt - man war ja froh, wenigstens wieder am Katzentisch dabeizusitzen. Jetzt entwickelt sich der Laden in die verkehrte Richtung.

Allerdings zieht Mr. Cameron die falschen Schlüsse. Man hat jahrelang die britische öffentliche Meinung auf Austritt getrimmt, nun fällt es schwer umzukehren. Großbritannien wird als Einzelgänger nicht gedeihen, denn die Atlantikschiene mit den USA funktioniert nicht mehr.

Mr. Cameron sollte Deutschland und den anderen Nordstaaten der EU, die ja alle mit der Entwicklung Richtung Süden unzufrieden sind, eine Allianz anbieten, die EU strukturell umzukrempeln und tatsächlich in einen demokratisch legitimierten Staatenbund zu überführen. Das würde bedeuten, Brüssel zurückzutrimmen auf originäre Bundeskompetenzen und den Einzelstaaten im übrigen ihre Souveränität zurückzugeben. Dann haben eben die Gurken verschiedene Krümmungen in der EU, daran wird niemand ersticken. Hier bietet sich eine historische Chance, die so schnell nicht wiederkommen dürfte.

Und wenn es in Berlin noch Politiker mit Überblick geben würde, könnte man Mr. Cameron mit einem derartigen Vorschlag elegant vom Eis holen. Die EU ohne GB ist nämlich auch nur eine halbe Sache.*

hermann.12

24.01.2013, 07:54 Uhr

Das sehe ich ähnlich, nur verkennen sie die Tatsache, dass die deutschen Politik und Industrie längst in französischer Manier funktionieren und nur sehr unwillig wieder mehr Markt akzeptieren würden.
Deshalb soviel gegenwind aus der Exportwirtschaft und der deutschen Politik. denn entgegen der Wahrnehmung ist die Eurokratie längst ein deutsches Instrument, dass sich umso besser nutzen lässt, als die Bürger es als fremd wahrnehmen und andere verantwortlich wähnt.
so kann man getrost so weiter machen ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden, denn Schuld, das sind ja die Franzosen, Spanier, Italiener und Griechen. Und das obwohl wir das größte Gewicht in der EU haben?
Wieso nerven dann die detaillierten EU Normen nur uns und nicht die EU Ausländer, bei denn schon immer alles ging, was bei uns Dank der EU angeblich nicht geht?

H.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×