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20.09.2013

18:16 Uhr

Was vom Tage bleibt

Wahllust

VonOliver Stock

Ganz subjektiv aufgeschrieben: Was Sie von den Parteien erwarten dürfen, wenn Sie am Sonntag Ihr Kreuz machen. Zwischen "Weiter so" und "alternativlos" ist alles dabei. Ein Überblick.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Weiter so

Gehen wir sie mal durch, die Parteien und ihre Kandidaten. Ganz subjektiv: Merkels CDU setzt auf ein "Weiter so". Ganz schlecht gefahren sind wir mit der Kanzlerin nicht, ihre Mischung aus Beharrlichkeit und Sachverständnis hat uns wirtschaftlich zum erfolgreichsten Land Europas gemacht. Es hat dazu beigetragen, die europäische Union zu erhalten und die finanziellen Belastungen aus diesem Bündnis bisher erträglich zu halten. Wäre da nicht diese Ahnung, dass nicht Merkels Politik, sondern Schröders Reformen die Quelle des heutigen Wohlstands sind - die Amtsinhaberin hätte einen Bonus verdient.

Mehr Staat

Die SPD von Steinbrück und Gabriel will einiges anders machen. Ihr Programm heißt: mehr Staat. Der Staat setzt einen flächendeckenden Mindestlohn fest. Er mischt sich in den Wohnungsmarkt ein und begrenzt die Mieten. Er regelt unsere Krankenversicherung und sagt uns, wann wir aufhören sollen zu arbeiten. Alle Ideen, die Geld kosten, sollen durch höhere Steuern gedeckt werden, die den Gutverdienenden abverlangt werden. All das ist das Gegenteil von den Schröderschen Reformen, die Steinbrück einst vehement unterstützte. Steinbrück wäre ein gewendeter Kanzler, wenn er sie sich wirklich zu eigen macht. Macht er es nicht, ist er für die SPD der Falsche.

Abgegriffen

Auch die Grünen verteilen um, noch ein bisschen rabiater als die SPD, und es geht noch mehr in Bildung, Erziehung und öffentlichen Verkehr. Sie brauchen also noch mehr Geld. Deswegen müssen sie sich mit dem Argument auseinandersetzen, dass Deutschland schon jetzt so hohe Steuereinnahmen wie niemals zuvor erzielt. Dass der Staat offenbar kein Einnahmen- sondern ein Ausgabenproblem hat. Ihr Kernthema, die Umweltpolitik, ist den Grünen genauso abhanden gekommen, wie ihre Spontanität und das Erfrischende, das ihr Personal einst ausstrahlte. Sie kommen mir vor, wie ein oft gelesenes Buch: Inhalt bekannt, etwas abgegriffen, es wäre schön, wenn der Autor mal eine Fortsetzung liefern würde.

Strohhalm gesucht

Die FDP ist bei den vergangenen Wahlen als Tiger gestartet und nach ein paar Wochen als Bettvorleger gelandet. Überzeugende Liberale sehen anders aus. Sie sehen aus wie Lord Dahrendorf und nicht wie Rainer Brüderle. Sie sehen aus wie Hans-Dietrich Genscher und nicht wie Guido Westerwelle. Oder sie treten auf wie Graf Lambsdorff und nicht wie Philipp Rösler. Wo keine Schwergewichte sind, gibt es auch keine schwerwiegenden Positionen. Immerhin: Soli weg, Betreuungsgeld abschaffen - ein paar Strohhalme zum Festhalten haben die, die die Liberalen nicht nur aus Mitleid oder Mehrheitsbeschaffer der Union wählen wollen.

Die Gespaltene

Ist mit der Linken ein Bundeswehreinsatz im Ausland zu machen oder nicht? Haben Banken ein Geschäftsmodell, wenn die Linke mitregiert oder bleiben nur noch Sparkassen übrig? Ist sie die große Geldausgeber-Partei und besorgt sich die Grundlage für ihre Wohltaten bei den Gutverdienenden oder schafft sie es, ein System mit Leistungsanreizen zu erhalten? Keiner weiß es, Gregor Gysi sagt etwas anderes als Sahra Wagenknecht.

Die Alternativlosen

Ein Thema, ein Mann, ein Problem: Die AfD befürwortet Ausstiegsmöglichkeiten aus dem Euro. Mit einem anderen Thema identifiziert sie niemand. Ihr Personal besteht aus Professor Lucke, Professor Lucke und nochmal Professor Lucke. Wer weder das Thema noch den Kandidaten mag, braucht sich nicht weiter mit dieser Alternative zu beschäftigen.

Nichts dabei für Sie? Machen Sie es einfach wie bei der Wohnungssuche oder dem Gebrauchtwagenkauf: Wenn das Bad mal kein Tageslicht hat, oder die Lackfarbe nicht passt, kann es immerhin sein, dass eine Sonnenterasse oder ein flotter Motor locken. Machen Sie Kompromisse und gehen Sie wählen.

Ein spannendes Wochenende wünscht Ihnen

Oliver Stock

Kommentare (18)

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leser

20.09.2013, 18:45 Uhr

Lieber Herr Stock,

insgesamt haben Sie das parteipolitische Tableau umrissen, das am Sonntag zur Disposition steht.
Während Ihr Kollege, Herr Menzel ausstehende wie unpopuläre Maßnahmen anmahnt halten Sie es eher mit mit einer Kurzdarstellung der unterschiedlich zur Disposition stehenden Positionen.

Indes: das Problem ist weder ein Tablau, noch die darin befindlichen Differenzen, die hier zur Wahlschlacht angeboten werden.

Anders gesagt:
In einer Drogerie wählt man am POS unterschiedliche Seifen.
In einer Schlachterei gibt es unterschiedliche Fleischsorten.

Und in einer Demokratie?
Da läßt man die tlwse verängstigte Einzelexistenz mit ihren ganzen systemisch veranlaßten Sorgen allein und treibt sie von einem Gladiator zum anderen.
Kein Gladiator ist dafür da das Leben der anderen zu retten: er steht im Ring, um sein eigenes Leben zu retten und nicht das eines Zuschauers, der den Daumen al gusto hebt oder senkt.

Ein System kann man, muß man aber nicht darauf hinführen.

Dass es sich dazu hat verleiten lassen, diesen Kardinalfehler zu begehen, kann man weder dem System noch seinen Akteuren anlasten.

Daher werde ich meine grundgesetzlich verbriefte Wahlfreiheit, auch garnicht erst zur Wahl zu gehen, um mich auf so eine Weise zum Komplizen unhaltbarer Zustände zu machen, in Anspruch nehmen.

Es gibt auch Nichtwähler, die nicht nur ihr Persönchen im Blick haben bei der Inanspruchnahme ihrer grundgesetzlich garantierten Freiheitsrechte.

Ein weiteres Wochenende ohne politische Sedativa wünscht Ihnen ein

leser

Eddie

20.09.2013, 20:09 Uhr

@ Oliver Stock

Kompliment. Sehr gut geschrieben, nuechtern, sachlich, alles auf den Punkt gebracht.

Henry

20.09.2013, 20:40 Uhr

Mal wieder ein "typischer" Stock-Kommentar. Einfach nutzlos!

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