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22.02.2013

17:32 Uhr

Was vom Tage bleibt

Wenn die Maßstäbe abhanden kommen

VonFlorian Kolf

Während der scheidende Novartis-Chef Vasella den Zorn der Aktionäre spürt, hat VW-Chef Winterkorn alles richtig gemacht. Und der Bundespräsident erinnert an die europäischen Werte. Der Tagesrückblick

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Florian Kolf ist Managing Editor des Handelsblatts.

Wunderschönen guten Abend,

Lebenswerk eingerissen

Wenn man es ganz an die Spitze geschafft und mehr Geld verdient hat als man ausgeben kann, was zählt dann, wenn man abtritt? Das Bild, das für die Nachwelt erhalten bleibt. Nach diesen Maßstäben hat der Novartis-Chef Daniel Vasella alles falsch gemacht. An was werden Sie sich erinnern, wenn in ein paar Jahren der Name Vasella fällt? Sicherlich nicht an seine unternehmerischen Erfolge, sondern an einen gierigen Manager, der mit hohen Gehältern und einer maßlosen Abfindung in der öffentlichen Diskussion stand. Dass er auf diese Abfindung nach dem großen Druck verzichtete, konnte nichts mehr reparieren - darauf hat ihm die heutige Hauptversammlung einen Vorgeschmack gegeben. Wem die Maßstäbe abhanden kommen, der hat ruck-zuck sein Lebenswerk eingerissen.

Rechtzeitig die Weichen gestellt

VW brauchte dieses abschreckende Beispiel nicht einmal, um es besser zu machen. Denn die Niedersachsen haben in Martin Winterkorn einen Chef, der nicht vergessen hat, was es heißt, sich aus einfachen Verhältnissen nach oben zu arbeiten. Trotz eines erneuten Rekordgewinns von diesmal mehr als 20 Milliarden Euro, haben Aufsichtsrat und Unternehmensführung rechtzeitig die Weichen gestellt, dass die Gehälter der Topmanager keine unanständige Höhe annehmen. Zudem soll nicht nur die Dividende steigen, sondern auch die Zahlungen an die Mitarbeiter. Das zeigt gesunde Bodenhaftung.

Plädoyer für Europa

Fehlende Bodenhaftung wird ja oft nicht zu Unrecht der EU-Führung vorgeworfen. In diese Kritik ist jetzt auch Bundespräsident Joachim Gauck eingestiegen. Zum Glück ist er da aber nicht stehengeblieben, sondern hat es verbunden mit einem flammenden Plädoyer für die europäische Idee. Ich muss ganz ehrlich sagen: Mir tut das gut. Ich leide seit langem darunter, dass die Diskussionen um Rettungsschirme, Subventionsbetrug und den Euro das grundsätzliche Vertrauen in das politische Projekt Europa bei vielen Menschen erschüttert hat. Es wird Zeit, dass jemand wie Gauck den "gemeinsamen europäischen Wertekanon" wieder in den Vordergrund stellt.

Auf die Probe gestellt

Die wirtschaftliche Entwicklung dürfte in nächster Zeit jedoch eher dazu beitragen, dass der europäische Zusammenhalt noch stärker auf die Probe gestellt wird. Denn während der ifo-Index signalisiert, dass es für die deutsche Wirtschaft schon rasch wieder aufwärts gehen dürfte, bleibt der Rest Europas im Krisenmodus. Die Wirtschaftsleistung der Eurozone wird in diesem Jahr um 0,3 Prozent schrumpfen und somit in der Rezession verharren, zeigt die neue Wirtschaftsprognose der EU-Kommission. Diese Spannung innerhalb der EU auszuhalten, ist die wahre Herausforderung. Wenn wir die Union nicht sprengen wollen, hilft da nur ein noch engeres Zusammenwachsen.

Was fehlt? Die Besucher der gläsernen Reichstagskuppel in Berlin müssen sich auf längere Wartezeiten einrichten. Aus Brandschutzgründen dürfen sich künftig nur noch maximal 600 Menschen gleichzeitig in der Kuppel und auf der Dachterrasse des Reichstagsgebäudes aufhalten. An Tagen mit Fraktions- und Plenarsitzungen werden sogar nur 200 zugelassen. Ob die Gutachter wohl glauben, dass dort so hitzig diskutiert wird, dass die Brandgefahr steigt?

Ich wünsche ihnen erholsames und anregendes Wochenende.

Florian Kolf

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Kommentare (5)

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Samweis

22.02.2013, 17:52 Uhr

Moment mal...
Her Winterkorn erhält 14,5Mio. Euro.
Bekäme er die 6 Jahre lang, so wären das 87Mio.
Euro - nicht schweizer Franken. Und ich bin nicht sicher, ob er die Absicht hat, das Geld zu spenden...
Herr Vasella hätte (maximal!) 72Millionen SFr (58Mio Euro) bekommen können, wenn er über 6Jahre als Berater zur Verfügung steht und nicht für die Konkurrenz arbeitet.

Also bitte nicht mit zweierlei Maß messen.

GrilloBeppe

22.02.2013, 19:54 Uhr

Also ich würde in ein paar Jahren bei "Vasella" wahrscheinlich an eine Margarine denken, nicht aber an Daniel. Da es eine Margarine namens Vasella offensichtlich noch nicht gibt oder gegeben hat, wird es Zeit, dass demnächst eine solche auf dem Markt erscheint.

Henry

22.02.2013, 21:17 Uhr

Das sind paradoxe Signale, die Gauck sendet. Und die finden nur bei denen ein Echo, die eine gespaltene Persönlichkeit haben, die auf seiner Seite stehen. Und das ist in erster Linie die Eurokratie. Und wahrscheinlich ist die Aufforderung auch nur an diese Adresse gerichtet. Tut mehr! Nur wie? Mehr Krise? Den Bürger wird er nicht erreichen.

Gauck wirkt unecht, blutleer, wie ein Vampir auf er Jagd. Er will das, was er selber nicht austrahlt. Identität.

Wer sich von einer beschissene Arbeit innerlich losgesagt hat, der läßt sich höchstens mit mehr Geld bei der Stange halten, ohne daß sich an seiner Grundüberzeugung etwas ändert. Nicht jedoch mit der Aufforderung: Sei begeistert! Der Mann wird simulieren und sich in 3 Tagen krank melden.

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