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30.01.2012

18:07 Uhr

Was vom Tage bleibt

Wenn Geld zur Waffe wird

VonOliver Stock

Die Nachrichten des Tages kommen aus Syrien, wo Europa sich für eine Seite entscheiden muss. Sie kommen aus Brüssel, wo Europa ums finanzielle Überleben ringt - und von Schlecker, wo fast nichts mehr zu holen ist.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Oliver Stock ist Chefredakteur von Handelsblatt Online.

Guten Abend Ihnen allen,

Deutsche Enthaltsamkeit

In Tunesien hat es begonnen, in Ägypten hält es an, in Libyen hat es den Tyrannen weggefegt - inzwischen heißt der Brennpunkt der arabischen Revolution längst Syrien. Gestern waren die Truppen von Präsident Baschar al-Assad mit schweren Waffen in die Hauptstadt eingezogen, heute lieferten sie sich weiter Kämpfe mit der freien syrischen Armee. Das Land wird damit von einem Bürgerkrieg zerfurcht, die Armee wird gegen das eigene Volk eingesetzt, was der späteste Zeitpunkt ist, zu dem sich der Rest der Welt fragen muss, ob er wie in Ägypten zusieht oder wie in Libyen eingreift. Der Rest der Welt - das sind alle außer Deutschland. Wir pflegen uns in solchen Fragen zu enthalten.

Zitterpartie um Portugal

In Europa haben wir die Waffen Gott sei dank längst gestreckt. Es sieht aber so aus, als sei unser Kriegswerkzeug das Geld. Heute wurde es gegen Portugal eingesetzt. Die portugiesischen Staatsanleihen haben am Nachmittag ihre Talfahrt beschleunigt. Der Kurs sackte ab, die Renditen zogen auf das höchste Niveau seit der Einführung des Euro 1999 an. Damit wird klar: Die Anleger haben Angst, dass Portugal ähnliche Probleme wie Griechenland hat. Das alles kommt, bevor die Regierung in Lissabon am Mittwoch über drei- und sechsmonatige Geldmarktpapiere frisches Geld aufnehmen will, was nun eine Zitterpartie wird.

Weicher Fiskalpakt

Auch für Deutschland ist Geld die effektivste Waffe. Wir Deutschen glauben, dass wir in der EU noch am meisten Geld haben, und Angela Merkel wird deswegen als Kanzlerin, von der alles ertrotzt und nichts verschenkt wird, von denen einen verehrt und von den anderen geschmäht. Ihre Position hat sie heute auf dem EU-Sondergipfel in Brüssel unter Beweis gestellt, wo sich die 27 Regierungen auf einen Fiskalpakt für eine straffere Haushaltsdisziplin und ein Vorziehen des dauerhaften Euro-Rettungsschirms ESM auf Sommer 2012 einigen wollten: Die Deutschen brachten knapp vorher die Idee eines Sparkommissars ins Spiel, der den Griechen und anderen unsoliden Haushältern den Weg der schwäbischen Hausfrau erklärt. Darüber empörte sich Griechenland so sehr, dass bis zum Abend noch nicht sichtbar wurde, auf was sich die EU-Vertreter nun wirklich noch einigen konnten. Der anvisierte Fiskalpakt für Europa drohte jedenfalls weicher zu werden, als Merkel lieb sein könnte: Das von Deutschland ursprünglich verlangte Klagerecht der EU-Kommission ist in dem Entwurf nicht vorgesehen. Die Brüsseler Behörde kann zwar feststellen, dass sich ein Staat nicht an seine nationale Schuldenbremse hält. Klagen dürfen aber nur die Unterzeichnerstaaten des Pakts. Auch die ursprüngliche Pflicht zur Verankerung der Schuldenbremse in die nationale Verfassung wurde abgeschwächt. So sieht der Entwurf jetzt vor, dass die Staaten die Regeln „vorzugsweise“ in Verfassungen festschreiben oder „anderweitig“ sicherstellen sollen, dass die Vorschriften bei der Aufstellung eines nationalen Haushalt voll beachtet werden. Kommt es so, ist aus der eisernen Kanzlerin eine wachsweiche geworden.

Traurige Unternehmerin

„Wir haben zu spät begonnen, und wir waren zu langsam, das ist traurig, aber wahr", so lautet der nüchterne Satz einer Unternehmerin, die das Lebenswerk ihrer Eltern zerstört sieht. Die Worte kamen heute aus dem Mund von Maike Schlecker und bezogen sich auf das Vermögen der Familie, das von der Pleite der Drogeriekette mit aufgesogen worden sein soll. Anders als bisher angenommen ist bei Anton Schlecker offenbar kein Geld mehr zu holen. „Es ist nichts mehr da, er hat alles in das Unternehmen eingebracht“, sagte die Tochter. Dennoch werkeln die Beteiligten an einer Sanierung. Die wichtigsten Lieferanten hätten inzwischen wieder ihre Arbeit aufgenommen, berichtet der Insolvenzverwalter. Was er nicht erklären kann, ist, was all denen, die nicht bei Schlecker arbeiten, wirklich fehlt, wenn Schlecker einmal nicht mehr da sein sollte.

Einen deutlich weniger traurigen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

30.01.2012, 20:43 Uhr

...wenn die Waffe "Geld" bald nutzlos ist! :D

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