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12.06.2014

18:51 Uhr

Was vom Tage bleibt

Wir sind ärmer geworden

VonOliver Stock

Deutschland verliert mit Frank Schirrmacher einen seiner glanzvollsten Nachdenker. Die Nachricht überschattet einen Tag, der eigentlich ein Fußballfest einläuten soll. Was sonst noch geschah.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Nachdenklicher Vordenker

Frank Schirrmacher ist tot. Die Meldung kam eben. Der Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ist nur 54 Jahre alt geworden und starb an einem Herzinfarkt. Die Nachricht erschüttert uns und mir geht es noch nicht in den Kopf. Ich muss noch im Präsens schreiben: Schirrmacher ist einer der glänzendsten Köpfe dieses Landes. Ein Intellektueller, der weiß, wie er es anfangen muss, dass er verstanden wird. Ein Journalist, der Gedanken formuliert, die eine längere Halbwertszeit haben, als das, was sonst so auf dem Markt ist. Ein Nachdenklicher, der niemals unmodern geworden ist, weil er die wichtigen Denkrichtungen seiner Zeit stets aufnimmt, und ihren Kern herausschälen kann: Über die alternde Gesellschaft in seinem Methusalem-Komplott oder jüngst über die Allmacht von Google in einer Kampagne, die er im Feuilleton seiner Zeitung entwickelt hat. Er vertritt an der zentralsten Stelle eine Institution: die FAZ, die zu diesem Land gehört, wie das Grundgesetz und die Paulskirche. Wir sind, und jetzt falle ich doch ins Perfekt, um einen Nachdenker, der die Kunst beherrschte, vorauszudenken, ärmer geworden.

Den Krieg verloren

Es gibt mehr zu berichten an diesem Tag, den die Nachricht aus Frankfurt prägt. Zum Beispiel das, was gerade im Irak passiert. Innerhalb weniger Tage hat dieses Land die Ukraine als Krisenherd Nummer eins von der Tagesordnung verdrängt. Verantwortlich dafür sind die Kämpfer der Islamistengruppe Isis, die nach der zweitgrößten Stadt Mossul nun auch Richtung Bagdad vorrücken. Der Irak ist, seitdem ich denken kann, kein friedliches Land. Auch die Intervention derjenigen, die einst unter US-Führung am Golf einmarschiert sind, hat ihn nicht dazu gemacht. General de Gaulle hat 1940 gesagt, Frankreich habe eine Schlacht gegen Deutschland verloren, aber nicht den Krieg. Obama muss heute in Sachen Irak die umgekehrte Tatsache feststellen.

Die Rückkehr der Monarchen

Das Thema Irak wird heute Tischgespräch bei einer Feier sein, die in Kennebunkport in den USA steigt. Dort begeht George H. W. Bush seinen 90. Geburtstag. 200 Gäste sind eingeladen, Bush Senior zu feiern. Bush Junior wird wie viele andere auch eine Rede auf den 41. Präsidenten der Vereinigten Staaten halten. Es ist der erweiterte Familienkreis, der da zusammenkommt, und wer will, kann den Kopf schütteln über das, was da in dem Land abgeht: Die Konzentration von Geld und politischer Macht in den Händen weniger Superreicher und Familienclans. Zwei der mächtigsten Clans, die Bushs und die Clintons, werden 2016 wahrscheinlich wieder unter sich ausmachen, wer das Land regiert. Die USA verdanken ihre Entstehung dem Kampf gegen die Monarchie. Jetzt sind sie dabei, so etwas Ähnliches wieder einzuführen.

Luckes neue Freunde

Die Aufnahme der eurokritischen Alternative für Deutschland in die Fraktion der Europäischen Konservativen und Reformisten im Europaparlament entfacht die Debatte über den Umgang der CDU mit der AfD. Schließlich arbeitet Angela Merkels Union im Europaparlament regelmäßig mit den Konservativen zusammen. In Deutschland aber gilt die Ansage der Kanzlerin, dass eine Koalition mit der AfD nicht in Frage kommt. Wenn die AfD sich als politischer Faktor stabilisiert, wird sich ein bekannter Politikergrundsatz einmal mehr bewahrheiten. Er lautet: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.“

Das Fest naht

Der Abend wird für die meisten von uns doch noch ein Fest, denn in Brasilien wird angepfiffen. Unser Geschäft als Journalisten ist es innezuhalten – und weiterzumachen. Niemand konnte das besser als Frank Schirrmacher.

Einen lebendigen Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

12.06.2014, 19:01 Uhr

Was soll man nun machen, weinen, lachen - sicherlich keines von beiden. Ich hab's, Betroffenheit - ja, Betroffenheit.

(Jedoch wie war das gleich,- dafür ist doch Claudia Roth aus dem Bundesbetroffenheits-Ministerium zuständig.)

Account gelöscht!

12.06.2014, 19:18 Uhr

"Wir sind ärmer geworden" Richtig.
Verzeihung - vor allem durch die Zins-Politik von Herrn Draghi.

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