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26.05.2014

18:07 Uhr

Was vom Tage bleibt

Wir wollen keine Weiterso-Präsidenten

VonOliver Stock

Juncker oder Schulz als neue EU-Kommissionspräsidenten? Hoffnungsträger sehen anders aus. Und sonst: Der Viagra-Hersteller scheitert am neuen britischen Nationalismus. Anleger jubeln den Dax nach oben. Der Tagesbericht.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Die Schwächen der Starken

Jean-Claude Juncker sagt, er sei bereit für das Amt des Kommissionspräsidenten. Martin Schulz sagt das auch, nur hat der Sozialdemokrat nicht so viele Stimmen hinter sich wie der Konservative. Allerdings ist die Bereitschaft der beiden das eine, die Bereitschaft der Europäer, einen von beiden als ihren Präsidenten zu akzeptieren, ist das andere. Beide sind sie Strippenzieher und wissen, wie Europa funktioniert. Beide sind sie Vollblut-Politiker, die wissen, wie sie Mehrheiten organisieren können. Beide glauben sie, dass genau das ihre Stärke ist. Nach dieser Wahl jedoch, bei der sich soviel Ärger über die Etablierten in Stimmen für die Radikalen entladen hat, ist ein Weiterso-Kandidat mit Sicherheit der falsche. Europa sucht einen Hoffnungsträger, beworben haben sich bislang nur die Gralshüter.

Aus der Mottenkiste

Nicht mal eine Gralshüterin, sondern nur eine Mottenkisten-Öffnerin ist Marine Le Pen, Chefin der rechtsextremen französischen Front National. Sie hat ihr Traumziel erreicht und ist mit ihrer Partei als Sieger bei der Europawahl ins Ziel gekommen. Le Pens Interpretation ihres Triumphs geht so: Die Wahl sei ein „Aufschrei des Volkes“ nach Rückerlangung der nationalen Souveränität. Schon mit dieser ersten Analyse liegt sie falsch. In Wahrheit haben die Franzosen ihren Regierenden, die sie ins ökonomische Abseits geführt haben, eine Lektion erteilt. Sie wissen genau, dass Marine Le Pen nicht Jeanne d'Arc ist. Die eine lässt die Freiheit sterben, die andere starb für die Freiheit.

Europa wird Schwellenland

Viagra-Hersteller Pfizer gibt sich im milliardenschweren Übernahmepoker um den britischen Rivalen Astra-Zeneca bis auf Weiteres geschlagen. Nach der Absage der Briten an die jüngste Offerte in Höhe von rund 118 Milliarden Dollar will Pfizer zunächst die Füße still halten. Mit der Europawahl hat auch das zu tun: Pfizer musste jüngst sein Interesse im britischen Parlament erklären. Unternehmen am Gängelband der Politik: Wenn das die Konsequenz daraus ist, dass die Vertreter der nationalen Sache zur neuen Stärke erblüht sind, werden die europäischen Staaten zu Schwellenländern. Nur überspringen sie die Schwelle nicht vorwärts, sondern rückwärts.

Der EU-Melker

Als eine von sieben deutschen Splitterparteien hat es die Satire-Partei „Die Partei“ bei der Europawahl mit 0,6 Prozent der Stimmen ins EU-Parlament geschafft. Kaum gewählt, denkt Parteichef Martin Sonneborn schon wieder an Abschied: Er will bereits nach einem Monat sein Mandat wieder abgeben. „Ich werde mich vier Wochen lang intensiv auf meinen Rücktritt vorbereiten“, sagte er. Damit wolle er eine Rotation einleiten. „Wir werden versuchen, monatlich zurückzutreten, um 60 Parteimitglieder durchzuschleusen durch das EU-Parlament. Das heißt, dass jedes dieser Mitglieder einmal für 33.000 Euro im Monat sich Brüssel anschauen kann und dann zurücktritt und noch sechs Monate lang Übergangsgelder bezieht. Wir melken also die EU wie ein kleiner südeuropäischer Staat.“

Der große Zusammenhang

Der Dax schließt heute Abend auf dem höchsten Hoch seiner Geschichte. Europa wählt rechts und die Anleger jubilieren? Die zeitliche Parallele bedeutet keinen inhaltlichen Zusammenhang. Die Anleger hoffen schlicht darauf, dass Mario Draghi weiter billiges Geld fließen lässt. Dass Geld allerdings nur so billig ist, weil sich Europa in keiner guten Verfassung befindet, zeigt, wie sehr doch alles mit allem zusammenhängt.

Ein Hoch am Abend wünscht Ihnen

Oliver Stock

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