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30.08.2013

18:11 Uhr

Was vom Tage bleibt

Züricher Verunsicherung

VonOliver Stock

Nach dem Rücktritt von Ackermann übt sich die Zürich-Versicherung in einer Routine, die ihr keiner mehr abnimmt. In der Syrien-Frage wird England ein bisschen deutscher. Auf dem Telekom-Markt hat das Endspiel begonnen. Und am Sonntag geht es auf zum Duell. Die Tageskommentare.

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Was vom Tage bleibt

Handelsblatt-Online-Chefredakteur Oliver Stock.

Guten Abend liebe Leserinnen und Leser,

Ackermanns Entsetzen

In einem Abschiedsbrief vor seinem Freitod hat Pierre Wauthier, bis Montag Finanzchef der Zürich-Versicherung, Vorwürfe gegen Ex-Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann erhoben. Ackermann war oberster Aufseher bei dem Versicherer und gab gestern wegen eben dieser Vorwürfe seinen Posten auf. Der Brief wurde bei einer internen Sitzung vorgelesen, Ackermann war nach eigenen Worten „tief erschüttert“. Der Rest der Geschichte besteht aus offenen Fragen. Hat Ackermann Wauthier unter Druck gesetzt? Hat Ackermann etwas entdeckt, was Wauthier verbergen wollte? Tatsache ist: Der Versicherer gehört nicht zu den erfolgreichsten in seiner Branche. Jetzt steckt er tief in einem Fall, der alles andere als Routine ist. Er reagiert aber, als sei allenfalls ein kleines Malheur passiert. Mitarbeiter, Kunden und Aktionäre können daraus nur einen Schluss ziehen: Der Versicherer ist zum Verunsicherer geworden.

Camerons Niederlage

Krisen wirken oft wie ein Brennglas: Entwicklungen, die sich ohne Krise langsam und deswegen unbemerkt vollzogen haben, werden unter der Krisenlupe plötzlich sichtbar und überraschen uns. Die Syrien-Krise und das, was sich seither im Vereinigten Königreich abspielt, ist dafür ein Paradebeispiel. Es zeigt: Wir müssen die Rolle Englands neu bewerten. Camerons Pläne zum Militäreinsatz in Syrien sind im Londoner Unterhaus durchgefallen. Die Abstimmungsniederlage markiert einen historischen Bruch: Jene „special relationship“, die London und Washington traditionell verbindet, zerbricht. Verfassungsrechtlich ist die Exekutivmacht des Premiers eingeschränkt und seine Kriegsentscheidungs-Fähigkeit ausgehebelt. Einen Durchmarsch wie bei Thatcher im Falklandkrieg oder bei Blair in der Frage des Irakkrieges wird es nicht mehr geben: Die britische Weltmachtrolle, die vor allem auf einer globalen Außenpolitik und der Fähigkeit sie auch mit militärischen Mitteln durchsetzen zu können, beruhte, hat einen Knacks bekommen. Ich meine: Großbritannien ist ein Stückchen deutscher geworden.

Endspiel auf dem Telekom-Markt

Der US-Telekommunikationsmarkt steht Kopf: Nach dem möglichen Ausstieg von Vodafone aus der Zusammenarbeit mit Verizon, bekundet jetzt AT&T Interesse an Vodafone. Die Kauf- und Verkaufsabsichten bewegen sich nicht auf Grabbeltisch-Niveau, sondern es geht um dreistellige Milliardensummen. Dass sich soviel Geld bewegt, zeigt zweierlei: Zum einen verdienen die großen Spieler in dieser Branche so viel, dass zumindest in ihrer Phantasie den Übernahmepreisen kaum Grenzen gesetzt sind. Und zum anderen befinden wir uns im Endspiel: Am Ende dieser Neuordnung stehen eine Handvoll globaler Konzerne. Dass die Deutsche Telekom dazugehört, ist eher unwahrscheinlich.

Keine Steaks aus Weißrussland

Der Kalisalz-Streit zwischen den Bruderstaaten Russland und Weißrussland greift auf Schweine über. In einer scharfen Reaktion forderte der Kreml die autoritäre Führung in Minsk auf, den inhaftierten russischen Salz-Manager Wladislaw Baumgertner freizulassen. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen verbietet Moskau bis auf weiteres den Import von Schweinen, ihren Schnitzeln und ihren Steaks aus dem Nachbarland. Die Justiz in Minsk dagegen wirft Baumgertner vor, mit dem Ausstieg aus einem Gemeinschaftsunternehmen Weißrussland geschadet zu haben. Das ganze ist deswegen spannend, weil sie bei Kali & Salz in Deutschland Baumgertner am liebsten auch eingesperrt hätten. Zumindest ein bisschen. Denn seine Ankündigung zum Ausstieg hat die Kalipreise so purzeln lassen, dass der deutsche Dax-Konzern deswegen jetzt ein schmerzhaftes Sparprogramm auflegen muss.

Vor dem Fernseh-Duett

Das Wochenende soll noch einmal warm werden, auch wenn der Herbst beginnt. Am Sonntagabend wird es sogar heiß: Dann begeben sich die Kanzlerin und ihr Herausforderer zum Duell ins Fernsehstudio. Kennen Sie den Unterschied zwischen einem Duett und einem Duell? Beim letzteren bleibt nur einer übrig. Wahrscheinlich bleibt es im Fernsehen deswegen doch bloß beim Duett – hoffentlich in deutlich unterschiedlicher Tonlage.

Ein sommerliches Wochenende wünscht Ihnen

Oliver Stock

Kommentare (6)

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ackermannsche_spaetantike

30.08.2013, 19:56 Uhr

Niemand wollte in der Finanzkrise 25% Rendite und ackermann schließlich auch nicht: Ackermanns Spiel: Halt Du sie böd, ich nehm sie ran scheint Wirkung zu zeigen.
Indes eine lediglich "symbolische" Wirkung.

Ackermann war kein "Unfall", er war Protagonist einer Ära, in der Reibungshitze beim ÜberDenTischZiehen Wärme erzeugen sollte - und es ja auch getan hatte: Der Sarottimann der Finanzmärkte sozusagen, der Beelzebub mit dem man Klarschiff machen wollte.

Mit allenthalben erkennbaren Erfolgen: Im alten Rom, wärmen wir ihn wieder auf den alten Kalauer, soll jedem erfolgreichen Feldherrn auf den Kriegswagen früher ein Sklave auf Geheiß des römischen Senats gestellt worden sein, der dem Feldherrn beständig gesagt haben soll: "bedenke, Du bist nur ein Mensch".

Ackermann scheint dieser Kardinalfehler aufgefallen zu sein: Deswegen wird er vlt mit dem Satz leben müssen: Bedenke, Du bist nur ein Gott.

Und was Gott alles ist, alles sein kann, das weiß die Menscheit allerdings nicht erst seit Friedrich Nietzsche.

Hermann Josef Abs, ein ähnlich Göttergleicher, hatte die Menschheit in ein schweres Unglück geführt.

An ihm scheint sich Josef Ackermann ein Beispiel genommen zu haben und die Deutsche Bank erneut mit.

Vorbild?
Beispiel?

Wofür?

Account gelöscht!

30.08.2013, 21:07 Uhr

Schweitzer haben es sichtlich schwer. Erst der jahrzehntelange Steuerbetrug mit vielen Ausländern, der dem Land sichtlich - und völlig ungerechtfertigt - erheblichen Wohlstand gebracht hat, dann der deutsche Durchmarsch der Kavalerie, begleitet von den US-Amerikanern, der endlich, endlich Betrugsunternehmen wie Wegelin und Co zum Einstürzen gebracht hat und nun der selbstdefinierte Eigenbetrug. Ein wirklich dummes Bergvolk, da unten in der Schweiz.

andererseits

30.08.2013, 21:28 Uhr

alles andere als ein "wirklich dummes Bergvolk" "da unten in der Schweiz".

Man könnte Bosch als überheblichen Professor Unrath darstellen: dessen bedarf es indes nicht angesichts notorisch deutsch erscheinender Problemata mit der Deutschland und die Deutsche Bank ihre Probleme zu einem genuin schweizerischen Problem zu propagandieren zu gedenken scheinen.
Indes: was Deutsche aus ihrem Land bislang daherfabriziert haben: Muß die Schweiz das jetzt auch noch kopieren müssen?
Nur damit die Deutschen die Schweiz jetzt auch noch toll finden müssen?

Nur: mir als Deutschem fällt, immer wieder wenn ich in der Schweiz bin, auf, wie zivilisiert das Schweizer Gemeinwesen mit seinen Bürgern umgeht im Vergleich zum teutonischen Rabaukentum, dass sich gerne so deutsch geriert.

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