Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

23.12.2011

14:59 Uhr

Was Wulff sagen sollte

„Ich habe den Präsidenten nur gespielt“

VonWolfram Weimer

Der Bundespräsident hat seine Entschuldigungsrede gehalten, in der Weihnachtsansprache will er zur Kreditaffäre nichts sagen. Ein Fehler, findet unser Autor - und diktiert Wulff eine Verteidigungsrede ganz anderer Art.

Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Weihnachtsansprache 2011, die bereits am Mittwoch in Berlin aufgezeichnet wurde und am Sonntagabend ausgestrahlt wird. dpa

Bundespräsident Christian Wulff bei seiner Weihnachtsansprache 2011, die bereits am Mittwoch in Berlin aufgezeichnet wurde und am Sonntagabend ausgestrahlt wird.

Liebe Landsleute,

seit einigen Tagen diskutiert Deutschland die Frage, wie ich mein nun wahrlich bescheidenes Privathaus finanziert habe. Die Tatsache, dass mir ein väterlicher Freund dafür Geld geliehen hat, muss ich nicht verteidigen. Es gibt keine ernsten Vergehen. Weder juristische noch moralische. Jeder weiß, dass ich nicht bestechlich bin. Die Angriffe der Opposition auf mein Verhalten sind durchsichtige politische Manöver, kleinlich in ihrer Haltung und maßlos in ihrem Urteil. Sie treffen mich nicht.

Mich erschüttert etwas anderes. Es ist eine Selbsterkenntnis. Diese Affäre, die keine wirkliche Affäre ist, hat mir klar gemacht, dass ich bislang auch kein wirklicher Präsident gewesen bin. Ich habe den Bundespräsidenten nur gespielt. Ich habe eine Rolle gesucht, als sei auch sie von einem Freund geliehen. Ich bekenne mich daher schuldig, ein billiger Urlaubsgast der politischen Korrektheit gewesen zu sein.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Ich habe es bei keinem Thema bislang gewagt, Unbequemes zu sagen. Ich habe stets nach der konfliktlosen Massenmeinung Ausschau gehalten und mich zu allen anderen Gemeinplätze-Verwaltern auch noch auf den Quadratmillimeter Mitte gedrängt. Ich lebte nicht vom Kredit geliehenen Geldes, ich lebte vom Kredit geliehener Ansichten.

Ich fürchte, dass Deutschland nur deshalb so lange über eine private Finanzierung für mein Häuschen diskutiert, weil ich ansonsten keinen Anlass zu ernster Diskussion biete. Nur einmal habe ich etwas geäußert, was scheinbar mutig schien, als ich ausgerechnet zum 20. Jahrestag der deutschen Einheit erklärte, der Islam gehöre zu Deutschland. Ich habe das nur getan, weil ich die Zustimmung des links-liberalen Milieus in Deutschland suchte. Sie sehnten sich nach Joachim Gauck, und ich wollte ihnen etwas bieten, was nach Haltung klang. In Wahrheit war das kein bisschen mutig. Mutig wäre es gewesen zu sagen, Deutschland sei eine christliche Nation, die gegenüber dem Islam tolerant sein wird. Das habe ich mich aber nicht getraut.

Persönliche Erklärung: Wulff räumt taktische Fehler ein, bleibt aber im Amt

Persönliche Erklärung

Wulff räumt taktische Fehler ein

Der Präsident spricht wieder für sich selbst. Für einen Rücktritt sieht er keinen Grund.

Auch in der Schuldenkrise habe ich lieber eine abgegriffene Bankenkritik vorgetragen, als der politischen Klasse die Leviten zu lesen, dass sie seit einer ganzen Generation keine ausgeglichenen Haushalte mehr zustande bringt. Dass wir in Libyen einen Tyrannen stürzen, einem unterdrückten Volk helfen oder wenigstens der Nato solidarisch sein sollten – auch dazu habe ich nichts gesagt. Mir ist auch kein symbolisches Handeln gelungen, an das man sich erinnern wird. Ob die sprunghafte Atompolitik oder eine Vision zum neuen Europa – ich habe lieber Belangloses geäußert als in die Kritik zu kommen.

Kommentare (72)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

nobum

23.12.2011, 15:30 Uhr

Zur Ehrenrettung von Herrn Wulff in Niedersachsen ist zu sagen, dass Herr Wulff viel für das Land in der norddeutschen Tiefebene gemacht hat. Es hat sich dort viel getan, die Gegend (besonders im Norden) prosperiert, auch wegen der Aktivitäten von Herrn Wulff.
Die "rechtschaffene" konservative Presse rund um Springer und Schirrmacher etc. haut Herrn Wulff listig in die Pfanne. Hintergrund sind nach meiner Ansicht hier die Islamäußerungen von Herrn Wulff.

Moika

23.12.2011, 15:36 Uhr

Inhaltlich gebe ich Ihnen vollkommen recht, Herr Dr. Weimer. Aber eben auch nur eine neue Nuance, Herrn Wulff als unseren Bundespräsidenten weiter herunter zu putzen.

epameinondas

23.12.2011, 15:43 Uhr

Schöne Rede, aber warum projeziert man das ganze auf die Person des Bundespräsidenten? Wulff ist letztlich nur ein Abbild als Vertreter unserer Gesellschaft. Jeder selbst hat doch an jedem Tag Momente in denen er so handelt, wie es oben als negativ Beispiel beschrieben ist. Würde jeder selbst "wahrhaftiger" handeln, dann bräuchten wir keinen der das für uns tuen soll. Bei der Bundeswehr nannte man das mal Innere Führung. Frohe Festtage!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×