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01.03.2013

14:24 Uhr

Weimers Woche

Ansichten eines Clowns

VonWolfram Weimer

Steinbrück blamiert sich mit Clownerien, die Piraten verjuxen ihre Zukunft, und die FDP spielt Theater. Angela Merkel muss gar keinen Wahlkampf führen. In Anbetracht der Konkurrenz reicht schon ihre Seriosität zum Sieg.

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Erst droht Peer Steinbrück der Schweiz im Steuerstreit mit dem Einsatz der “Kavallerie”, dann hält er Zypern für eine “Geldwaschanlage”, die man in piratenmanier mal ausheben sollte (“So'n kleiner Störtebeker, der da mal rüberschippert von der Ostsee ins Mittelmeer”). Und nun verunglimpft er Italien als einen Zirkus, der “Clowns” zu Spitzenpolitikern wähle. Die Frechheit wird ihm selber zur Blamage: Italiens Staatspräsident Napolitano lädt Steinbrück nach dieser Beleidung aus und nutzt die präsidiale Bühne mit Joachim Gauck dazu, den Kanzlerkandidaten der SPD vor der Weltöffentlichkeit zu maßregeln. Selbst Gauck kommentiert kopfschüttelnd, dass sich so etwas selbst entlarve. Und der italienische Wahlaufsteiger Beppe Grillo nennt Steinbrück nurmehr “schwachköpfig und arrogant”.

Peer Steinbrück: Das „Peerlusconi“-Problem der SPD

Peer Steinbrück

Das „Peerlusconi“-Problem der SPD

Steinbrück spricht gerne Klartext. Doch mit seinen abfälligen Italien-Äußerungen hat er einen diplomatischen Eklat ausgelöst. Verspielt der Kanzlerkandidat damit auch alle Wahlchancen für die SPD?

Eine derartige Serie von Eklats wie Peer Steinbrück hat noch kein Kanzlerkandidat in der Geschichte der Bundesrepublik verursacht. Immer wenn man gerade denkt, nun beruhige sich der Fettnäpchentanz, spritzt er schon wieder was Neues hoch. Die SPD müht sich gequält bis verzweifelt das Irrlichtern ihres Spitzenmannes als “Klartext reden” zu verbrämen. In Wahrheit sind die Genossen nur noch entsetzt.

Denn sowohl die unsägliche Störtebecker-Attacke als auch die Herabwürdigung Italiens als Clownvolk offenbaren, dass Steinbrück kaum zum Kanzler taugt. Gerade weil er ein Django des Politischen ist, fehlt ihm die diplomatische Kunst. Die Wortwahl des Clowns fält daher auf Steinbrück selbst zurück. Offensichtlich gefällt er sich immer noch in der Rolle des lustigen Normenbrechers. Doch der schwarze Humor, den er dabei offenbart, disqualifiziert ihn als Staatsmann. Wenn sich einer anschickt, Deutschland zu verkörpern, dann sollte er nicht andere Länder herabwürdigen, herumwitzeln und verbal attackieren. Sein loses Mundwerk war erfrischend, als er noch mit hoch bezahlten Reden seine Nebeneinkünfte aufbesserte. Als Spitzenpolitiker Deutschlands ist es fatal. Nicht einmal im Wahlkampf dürfte ihm das helfen.

Steinbrücks Hintermannschaft

Kleines Team von Vertrauten

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat ein kleines Team von Vertrauten um sich geschart, die ihn beraten sollen – und die Krisenmanagement betreiben müssen, wenn der Kandidat mit seinen lockeren Sprüchen für Wirbel sorgt. Zum Teil gehörten Steinbrücks Berater bereits zum engen Kreis um Altkanzler Gerhard Schröder und Ex-Parteichef Franz Müntefering.

Andrea Nahles

Nach Kompetenzgerangel übernimmt Generalsekretärin Andrea Nahles die Hauptverantwortung für die gesamte Wahlkampagne. Enge Vertraute Steinbrücks verlieren bisherige Zuständigkeiten. Steinbrücks Kampagnenleiter Heiko Geue wird von einigen im Willy-Brandt-Haus kritisch beäugt.

Rolf Kleine

Rolf Kleine ist ein alter Hase des Berliner Politikbetriebs. Der gelernte Redakteur arbeitete lange in verschiedenen Positionen für die „Bild“-Zeitung. Ende 2011 verließ er den Springer-Konzern, um als Head of Public Affairs die politische Kommunikation des Immobilienkonzerns Deutsche Annington zu verantworten. Rolf Kleine ist 52 und gilt als meinungsstark, erfahren und gut vernetzt.

Kleine arbeitete unter anderem bei den „Westfälischen Nachrichten“, der Nachrichtenagentur ddp und der „Berliner Zeitung“. Insgesamt 17 Jahre schrieb er für Springer, zuletzt mehrere Jahre vor seinem Ausscheiden als Co-Leiter des Hauptstadtbüros. „Bild“ hatte damals mitgeteilt, Kleine gehe auf eigenen Wunsch.

Kleine war regelmäßig Gast in Talkshows und Fernsehmagazinen, so auch bei N24 im „Politischen Quartett“. Titel einer Jubiläumssendung vor fast genau 10 Jahren, im April 2003: „Lust am Untergang - Stürzt die SPD ihren Kanzler?“ Die Deutsche Annington, die Kleine nun wieder verlässt, gehört nach eigenen Angaben mit rund 180 000 eigenen Wohnungen und etwa 2400 Mitarbeitern zu den führenden deutschen Wohnungsunternehmen.

Hans-Roland Fäßler

Der Medienprofi gilt als sehr gut vernetzt. Anders als Donnermeyer ist er nicht in der Parteizentrale angesiedelt, sondern soll von außen Steinbrück den Weg zu führenden Medienvertretern ebnen. Fäßler war erst für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dann für die Medienkonzerne Gruner & Jahr und Bertelsmann tätig. Zu seinen Freunden zählt der frühere Wirtschaftsminister Wolfgang Clement, der inzwischen nicht mehr der SPD angehört. Fäßler soll hinter dem verunglückten Internetportal „PeerBlog" gestanden haben.

Matthias Machnig

Thüringens Wirtschaftsminister gilt als einer der wichtigsten politischen Berater Steinbrücks. Machnig leitete 1998 und 2002 erfolgreich die Wahlkämpfe Gerhard Schröders. Auch mit Müntefering arbeitete er eng zusammen, als dieser erst Generalsekretär und später dann Parteichef war. Nach 2002 war Machnig zeitweise für die Consulting-Firma BBDO tätig, die zahlreiche deutsche Konzerne berät, später für das Beratungsunternehmen Booz Allen Hamilton. Auch Machnig arbeitet als externer Ratgeber für Steinbrück, weswegen er sein Regierungsamt in Erfurt weiter ausübt.

Heiko Geue

Heiko Geue ist Steinbrücks Kampagnenleiter. Wegen dieser Funktion ließ er sich von seinem bisherigen Posten als Finanzstaatssekretär in Sachsen-Anhalt beurlauben. Ein Rückkehrrecht ist jedoch rechtlich umstritten. Auf Veranlassung von Sachsen-Anhalts Finanzminister Jens Bullerjahn (SPD) verlor Geue daher seinen Job. In der Ära Schröder war Geue einer der Architekten der Agenda 2010 gewesen. Damals war er unter anderem als persönlicher Referent von Kanzleramtschef Frank-Walter Steinmeier tätig. In der Zeit der großen Koalition koordinierte Geue den Leitungsstab des Bundesfinanzministeriums für den damaligen Ressortchef Steinbrück. Geue ist mit Steinbrücks Büroleiterin Sonja Stötzel liiert.

Timo Noetzel

Der Politikwissenschaftler gehört seit Anfang Februar zu Steinbrücks Mannschaft. Noetzel soll für den Kandidaten kampagnenfähige Themen identifizieren. Er war bisher Leiter des Politik- und Analysestabs der Münchner Sicherheitskonferenz sowie Vorstandsmitglied der Berliner Denkfabrik „Stiftung neue Verantwortung".

Torsten Schäfer-Gümbel

Steinbrück selbst nennt den hessischen SPD-Chef als Berater in Finanzmarktfragen. Der eher dem linken Parteiflügel zugerechnete „TSG" gehört aber wohl nicht zum engeren Umfeld des Kandidaten.

Jarmila Schneider

Mit ihr gehört neuerdings auch eine Frau zu Steinbrücks Beraterstab. Jarmila Schneider unterstützt seit Mitte Februar als zweite Pressesprecherin den Hauptsprecher Donnermeyer. Sie war bisher Sprecherin der bayerischen SPD.

Kommentare (14)

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Numismatiker

01.03.2013, 14:39 Uhr

"Ansichten eines Clowns"

Frau Merkel als seriös zu bezeichnen ist in der Tat eine Clownerei.

C.Meyer

01.03.2013, 14:54 Uhr

Dieser Fettnapf, mit dem Steinbrück nicht nur einen Staatspräsidenten sondern gleich zwei in eine peinliche Situation gebracht hat, zeigt, entweder hat der Kandidat miserable Berater oder er ist beratungsresistent.

Steinbrück ist mit diesem Fauxpas zum besten Wahlhelfer von Berlusconi und Grillo mutiert, sollte es zu Neuwahlen in Italien kommen und hat damit seinem Genossen Bersani ein böses Bein gestellt, das noch bösere Konsequenzen zeitigen kann, bis hin zu einer europäischen Krise noch unbekannten Ausmaßes, sollten Berlusconi und Grillo auch in der nächsten Abgeordnetenkammer die Mehrheit bekommen.

Er hat wohl gemeint sein Clownaspruch würden nur von heimischem Publikum zur Kenntnis genommen, nicht aber in Italien.

Steinbrück lebt in seiner eigenen Welt, die in erster Linie sein eigenes Mundwerk ausmacht und begrenzt.

Account gelöscht!

01.03.2013, 15:29 Uhr

Immer wieder wird bemängelt, dass Politiker keine klare Kante zeigen, sondern sich lieber wie die Wetterfahne im Wind drehen. Warum das so ist, wird uns hier einmal mehr vor Augen geführt. Ein Großteil der Bundesbürger hält Herrn Berlusconi für einen Clown - aber wenn man es öffentlich ausspricht wird man mit Katzendreck beworfen.

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