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24.02.2012

11:15 Uhr

Weimers Woche

Das Gauck-Mobbing hat begonnen

VonWolfram Weimer

Kaum ist Christian Wulff erfolgreich aus Schloss Bellevue gemobbt, macht sich die hungrige Meute über Joachim Gauck her. Selbst Sozialdemokraten und Grüne sind ihrem "Kandidat der Herzen" untreu.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Er ist noch nicht einmal zum Bundespräsidenten gewählt, da fällt die halbe Republik schon über ihn her. Joachim Gauck war nur für wenige Tage „Kandidat der Herzen“. Nun schimpfen Linke ihn bereits „Kandidat der kalten Herzen“. Grüne lästern über ihn, weil er Sarrazin einst „Mut“ attestierte. Sozialdemokraten wettern, weil er Antikapitalismus „albern“ findet. Wertkonservative stört, dass er in „wilder Ehe“ lebe (ein Begriff, den man gefühlt seit 1969 nicht mehr gehört hat). Rheinische Katholiken fühlen Unbehagen, dass mit Merkel und Gauck nun zwei Protestanten aus dem ostdeutschen Pastorenmilieu den Staat anführen. Türkische Verbände halten ihn für migrationsunfreundlich, die Piratenpartei verunglimpft ihn als repressiven Internet-Opa, und selbst ehemalige DDR-Bürgerrechtsgefährten stutzen ihn zum späten Mitläufer herunter.

Als brauche die Republik nach dem erfolgreichen Mobbing gegen Christian Wulff nun das nächste Opfer, so formiert sich im Internet die „Not-my-president“-Bewegung neu. Nach „Schmiergeld-Maxe“ komme nun der „Ego-Shooter“. Präsidenten-Bashing scheint Volkssport zu werden. Es kursieren bereits Party-Fotos, die ihn – schlimm, schlimm - mit Carsten Maschmeyer und Veronika Ferres zeigen, selbsternannte Bürgerreporter schnüffeln im Privatleben seiner Frauen herum und es wird nur noch Tage dauern, da werden seine Hotelrechnungen und Flugbuchungen bestimmt auf Facebook gepostet. Während man früher einem werdenden Bundespräsident mit besonderem Respekt begegnete, so ist er heute Freiwild der Mobbingmeute.

Am heftigsten wird Gauck ausgerechnet vom links-grünen Milieu angegangen, das noch vor Tagen glauben machen wollte, seine Wahl komme dem Wunder gleich, dass Knut, der Eisbär, wieder auferstanden sei. Tatsächlich ist Grünen und Sozialdemokraten ihr eigener Kandidat nicht mehr geheuer. Denn Gauck gibt nicht nur den missionierenden  Freiheits-Apostel – er ist ein leidenschaftlicher Anti-Linker, verlacht die „Occupy“-Bewegung, hält den Sozialstaat für überdehnt und vergleicht die DDR mit der Nazi-Diktatur. Von Ströbele bis zu den Gewerkschaftlern gehen sie bereits auf Distanz. In der Linkspartei ist er ohnedies so beliebt wie Ronald Reagan in der ehemaligen Sowjetunion.

Schlagartig wird klar, dass Gauck vor zwei Jahren nur als eine rot-grüne Spielfigur aufgestellt worden war, um die Merkel-Regierung vorzuführen. In Wahrheit wollten sie ihn nicht, um seiner selbst und schon gar nicht um seiner Weltanschauungen willen, sondern nur um die Regierung mit einem besonders bürgerlichen Kandidaten zu destabilisieren. Nun will es die Ironie der Geschichte, dass die Macht-Marionette tatsächlich Bundespräsident wird. Die parteipolitische Taktik hat sich selbst ein Bein gestellt, und die Wut darüber entlädt sich hinterrücks im Mobbing.

Wer also glaubte, dass nach dem Scheitern von Köhler und Wulff endlich Ruhe einkehre im Schloss Bellevue, der kennt weder die Räte-Republik der Reporter noch die Logik des Parteiengezerres. Er kennt aber auch Joachim Gauck nicht. Denn der ist kein Zögling hohler politischer Korrektheit. Er wird als unbequemer Freigeist und tapferer Kämpfer für autonomes Denken provozieren. Und er wird sich nicht einschüchtern lassen. Denn wer das stählerne Mobbing der Stasi überstanden hat, der wird auch das schmierige Präsidenten-Bashing überleben.

Kommentare (48)

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Account gelöscht!

24.02.2012, 11:23 Uhr

Gut, dass es Kommentatoren gibt, die dem Gedächtnis der Leserschaft auf die Sprünge helfen. Gut geschrieben.

Christoph

24.02.2012, 11:33 Uhr

Edmund Stoiber for President!

kleinfeldt

24.02.2012, 11:35 Uhr

Es wird Zeit, dass der Bundespräsident direkt von Deutschlands Menschen gewählt wird. Schlimm, diese Parteiendiktatur!

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