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30.09.2011

09:32 Uhr

Weimers Woche

Der kleine Unterschied

VonWolfram Weimer

Für Apple ist der Tod von Steve Jobs nicht nur eine menschlich traurige Nachricht. Er könnte den Anfang vom Niedergang dieser großen Marke bedeuten.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

BerlinJeder ist ersetzbar. Sagen die Spießer. Und haben Unrecht. Das Leben von Steve Jobs beweist es. Die Geschichte der Firma Apple ist nicht nur ein modernes Erfolgsmärchen, eine Stil-Saga und ein Lustspiel der technologischen Revolution – es ist vor allem das Produkt eines genialen Unternehmers, der als einzelne Person immer wieder den kleinen, aber entscheidenden Unterschied gemacht hat. Für Apple ist der Tod von Steve Jobs daher nicht nur eine menschlich traurige Nachricht. Er könnte den Anfang vom Niedergang dieser großen Marke bedeuten.

Die personale Unersetzbarkeit ist eine unangenehme Wahrheit, die kaum mehr in unsere Zeit zu passen scheint und doch so viele schon überrascht hat. Der Nixdorf-Konzern ging ohne Heinz Nixdorf zugrunde, die Linkspartei wirkt ohne Oskar Lafontaine wie eine Mottenkiste der Stasi, Borussia Dortmund wird ohne Nuri Shahin kein Meister mehr.

Die Bedeutung des Einzelnen ist allenthalben offensichtlich, aber eine ziemlich unangenehme Einsicht für die anderen. Also betonen sie lieber das Kollektive. Im Management werden darum „Workflows“, „Produkte“, „Systeme“ und „Marken“ für wichtiger erklärt als Individuen, in der Soziologie die „Strukturen“, in der Politik die „Gesellschaft“, in der Ökonomie die „Märkte“, bei Ideologen sind es fallweise die „Klassen“ oder „Rassen“. Auf jeden Fall Massen. Heinrich von Treitschkes Überzeugung „Männer machen Geschichte“ hat nur noch wenig Freunde. Megatrends bestimmen die anonymisierte Gruppenwelt.

Die Moderne prägt geradezu eine Phobie gegen das Individuelle aus. Eigensinn, Originalität, Mut sind Störfaktoren in einer Welt organisierter Massen, die ständig nur ihre konfliktfreie Mitte suchen. Auch der Chemienobelpreisträger Daniel Shechtman, der in dieser Woche gekürt worden ist, galt mit seiner Kristallforschung lange als Verrückter der Forscherszene, weil er radikal quer dachte - am Ende aber genau darum etwas Fundamentales entdeckte.

Querdenker wie Jobs und Shechtman sind genau wie kantige Unternehmer in den coolen Welten uniformer Kollektive und geschmeidiger Netzwerke selten geworden - und doch wirken sie wie die Hefe im Teig der Volkswirtschaft. Denn echte Unternehmer vertrauen ihrem Instinkt, ihrer Leidenschaft, ihrer Tatkraft, ihrem eigenen Verstand - und nicht den Beratern von Mc Kinsey. Sie unternehmen eben etwas, und tanzen nicht bloß das Managermenuett der Unterlassungen. Bei ihnen gilt die Weisheit der Mutigen: „Wege zu gehen, die keiner je gegangen ist, führt zu Zielen, die keiner je erreicht hat.“

Das Prinzip Steve Jobs ist darum ein Triumph der Individualität. Hier gilt: Der Einzelne macht den Unterschied. Im Privatleben, in der Familie, bei Freunden und in der Liebe weiß das ohnehin jeder. Im Kollektivleben tun wir so, als sei das anders. Ist es aber nicht. Steve Jobs Lebensmotto „Stay hungry! Stay foolish!“ ist ein Schreck für alle Konformisten. Ein Lob für alle Verrückten. Und eine Anklage für eine Welt der Uniformität. Denn wenn die Politik nur der Demoskopie folgt, die Medien nur den Quoten nachjagen und die Wirtschaft nur noch der Marktforschung glaubt, dann versinken wir in einem mentalen Sozialismus 2.0. Da freue ich mich doch lieber an meinem neuen I-Pad dieses wunderbar verrückten Mannes aus Kalifornien.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

07.10.2011, 15:50 Uhr

Mein Beifall und Respekt diesem grandiosen Kommentar!!!!!

Um noch eins draufzusetzen:

Wann kommt endlich der nach ISO XXYYZZ zertifizierte Norm-Mitarbeiter und der nach ISO AABBCC zertifizierte Norm-Manager? Mit zusätzlilchem TÜV-Siegel, versteht sich...

WimWolfValentin

01.11.2011, 12:01 Uhr

Lieber Herr Weimer, es beweist schon eine sehr merkwürdige Weltanschauung, wenn Sie in diesem Artikel das Vorbild Steve Jobs als "Verrückten" bezeichnen. Ist er doch ein Paradebeispiel dafür, dass Verstand und Intellekt eines wahren Querdenkers in dieser materiellen Gesellschaft nach wie vor unverzichtbar sind.
Bestimmt könnten Sie, Herr Weimer, noch viel mehr Spaß an dem neuen i-Pad haben, wenn Sie sich einmal dazu herablassen könnten, auch die dazugehörige Betriebsanleitung zu lesen. Dazu scheinen Sie leider aber nicht in der Lage zu sein, betrachten Sie doch ein i-Pad lediglich als Statussymbol.
Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Spaß dabei.

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