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12.04.2013

12:05 Uhr

Weimers Woche

Der Transparenz-Terror tobt

VonWolfram Weimer

Steueroasen trockenlegen, Gehälter offenlegen, Bankgeheimnis ausrotten – die Transparenzfanatiker des Steuerstaats sind in der Offensive und alle applaudieren. In Wahrheit zahlt die Gesellschaft dafür einen hohen Preis.

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Die Debatte um Steueroasen funktioniert wie mediale Lynchjustiz. Wer ein Konto im Ausland hat und skandalöserweise auch noch Geld darauf, den darf man namentlich an den Pranger stellen. Die Schnellgerichtsszenerie kennt nur noch geldgierige Nimmersatts hier und den armen, betrogenen Staat da. Keiner fragt mehr danach, ob das nicht vielleicht ganz legal ist, was Sparer da tun? Ob nicht unser Steuersystem so miserabel kompliziert und ungerecht ist, dass man es lieber verbessert, anstatt immer nur die Steuerzahler zu malträtieren. Ob nicht die eigentliche Gier unserer Zeit bei Staaten liegt, die mit keinem Geld der Welt auskommen, die Billionen Schulden auftürmen, als gäbe es kein morgen, und die am Ende immer neue Steuern und Steuerjagden brauchen, um ihr eigenes Versagen zu kaschieren.

Mit jedem Monat dieser Schuldenkrise baut der Staat seinen Zugriff auf die Bürger finanziell wie informationell immer weiter aus. Banken sind zu staatlichen Datenstaubsaugern mutiert. Ob Börsenhandel, Managergehälter, Steuerbescheide oder Kapitalanlagen – die Politik fordert permanent “mehr Transparenz”, also die informationelle Sozialisierung von eigentlich privaten Dingen. Die Staatbürokratie frönt dabei einer besonderen Variante der Gier – der Neugier.

Diese Gier nach Transparenz droht zusehends eine Ligatur unserer Zeit zu werden. Was vermeintlich demokratisch daherkommt ruiniert in Wahrheit einen Grundwert der Demokratie: die Integrität des Privaten. In der schönen, neuen Welt der Transparenz verschlingt das Öffentliche geradezu das Private. Der Überwachungsstaat wühlt sich mit Lauschangriffen, Onlineüberwachungen, Bankkontenchecks und Millionen von Videokameras in das Privatleben der Menschen. Der Fiskus holt sich – neben dem Geld - auch Detaileinblicke unserer Lebensumstände. Der Sozialstaat macht aus souveränen Bürgern lauter gläserne Systemlinge des Gesellschaftlichen. Überall müssen wir Privates preisgeben, von der Größe des Badezimmer beim Bauantrag bis zur Angabe chronischen Fußpilzes bei der Krankenversicherung.

Die ehrwürdige Kategorie “Diskretion” wirkt heute in der so dominanten “Kultur der Offenheit” wie Omas übrig gebliebener Kaktus. Unternehmen müssen nicht nur Managergehälter offenlegen sondern auch Sozialbeziehungen, Ökobilanzen, den “Diversity”-Status von Fremdheiten und – die Gender-Transparenz darf auch noch ran – das firmeninterne Geschehen zwischen Herren und Damen. Sie nennen es “Corporate Social Responsabiltity” und meinen den Sozialismus des Habituellen.

Kommentare (37)

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Marcellus

12.04.2013, 12:30 Uhr

Zu 100% richtig. Leider ist die breite Masse zu dumm für diese Einsicht.

Account gelöscht!

12.04.2013, 12:30 Uhr

Dieser Artikel passt zur Herrschaftsiege in einem Land, daß wie der Sudan und Nordkorea die Konvention gegen Korruption noch nicht unterzeichnet hat.
Mit Transparenz hätte die Selbstbedienungsmentalität der Politiker aber eben auch der Reichen, die diese steuern, ein Ende.
Und das ist nicht gewollt!

Account gelöscht!

12.04.2013, 12:34 Uhr

Von den Bürger verlangt man, daß sie absolute Transparenz dulden: bei Ansprüchen gegenüber dem Staat ist alles offenzulegen, bei der Steuer sowieso, auch die vollständige Kontrolle der Geldströme bei Kreditkarten usw., Telefonüberwachung. Hier ist Transparenz im Sinne der Machthaber unabdingbar.
Die geliche Transparenz von den Reichen und Mächtigen zu fordern ist aber dann verwerflich.

Nicht nachvollziehbar. Aber in einem Unrechtsstaat eben normal.

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