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10.08.2012

12:58 Uhr

Weimers Woche

Die kalte Zinsenteignung

VonWolfram Weimer

Gewerkschaften und Sozialdemokraten fordern neue Vermögenssteuern. Dabei sorgt die Dumpingzinspolitik der Notenbank dafür, dass Sparer und Kapitaleigner systematisch und in gewaltigen Dimensionen enteignet werden.  

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Wolfram Weimer

Der Journalist war Chefredakteur der Tageszeitung „Die Welt“, des Politikmagazins „Cicero“ und des „Focus“. Er bezeichnet sich selbst als wertkonservativ.

Altmodische Linke glauben immer noch, man müsse Kapitalisten über Steuern enteignen. So kommen die Dinosaurierideen von Vermögenssteuern allsommerlich hervor wie eine sozialistische Variante des Ungeheuers von Loch Ness. Dabei hat der moderne Schuldensozialismus längst eine viel drastischere Variante der Sparerschröpfung etabliert: Die Dumpingzinspolitik. Sie sorgt dafür, dass Kapitalbesitzer rabiat und systematisch enteignet werden. Mit ihr hat sich nämlich ein negativer Realzins fest etabliert, der zu einer gewaltigen Umverteilung von Gläubigern zu Schuldnern führt.

Bei den beliebtesten Anlageklassen sind die Zinsen in Deutschland inzwischen auf knapp ein Prozent gesunken. Die Inflationsrate bewegt sich hingegen bei knapp zwei Prozent. Das bedeutet, dass die Sparer in diesem Jahr rund ein Prozent (zuzüglich Kapitalertragssteuern) Vermögensverzehr hinnehmen müssen – ganz ohne neue Steuergesetze. 

Bei einem Geldvermögen der Deutschen von 4,7 Billionen Euro bedeutet das Prozent 47 Milliarden Euro Verlust – mitsamt der Kapitalertragssteuern steigt die Summe auf 60 Milliarden Euro im Jahr. Das ist bereits jetzt fünfmal so viel wie die geplante Vermögensteuer der SPD im besten Falle einbringen könnte. Während Sigmar Gabriel also mit dem roten Sandkastenschippchen Sparergeld herbeikratzen will, ist die EZB in Frankfurt längst mit dem Schaufelradbagger in den Sparvermögen der Deutschen unterwegs.

Ohne dass es dazu je eine politische Debatte gegeben hätte, schröpft die Krisenpolitik die deutschen Sparer mal eben um den Betrag aller Erbschaftssteuern, Kraftfahrzeugsteuern, Tabaksteuern,  Grunderwerbssteuern, Branntweinsteuern, Stromsteuern, Schaumweinsteuern, Lotteriesteuern, Kaffeesteuern und des Solidaritätszuschlages zusammengenommen. Und es sieht danach aus, das die Phase negativer Realzinsen lange anhalten könnte. Damit bewegt sich Deutschland in eine der größten Massenenteignungen seiner Geschichte.

Die Politik betrachtet diese kalte Enteignung als geräuschlosen Königsweg aus der Schuldenklemme. Sparen (die seriöse Variante) fällt der Politik notorisch schwer, denn sie würde Mut erfordern. Wachstum (die angenehmste Variante) lässt sich nicht erzwingen. Steuererhöhungen (die linke Variante) bedrohen wiederum Wachstum. Gewollte Inflationierung (die billigste Variante) ist unkontrollierbar. Und eine Staatspleite (die drastische Variante) würde katastrophale Verwerfungen mit sich bringen. Also ist die Strategie der Zinsenteignung aus politischer Sicht die perfekt geschmeidige Option – auch deshalb, weil Sparer keine Lobby haben.

Die gewaltige Umverteilung von Schuldnern zu Gläubigern, die damit in Gang kommt, sorgt freilich für eine Aushöhlung unserer Soliditätskultur. Denn jeder, der seine Altersversorgung über Verzicht auf Sparvermögen aufgebaut hat, wird nun bestraft. Jede Stiftung, die vom Kapitalstamm lebt, kann sich fortan nur mehr verzehren. Jede langfristige Zukunftsplanung wird erschwert. Jedes Sparen an sich verkommt unter diesen Umständen zu einer unvernünftigen Tat. Damit verkehrt sich das deutsche Konzept der Vorsorgeethik und Stabilitätstugend: Sparer werden bestraft, Schuldenmacher belohnt. Die Nullzinspolitik mag für Zeremonienmeister des Schuldensozialismus ein genialer Trick in der Not sein – für alle anderen ist sie eine Attacke auf die Solidität und das Grundvertrauen der Gesellschaft.

 

Kommentare (30)

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Account gelöscht!

10.08.2012, 13:20 Uhr

Wahre Worte.

Die einzige Möglichkeit sich davor zu schützen sind reale Werte. Aktien, Land, Immobilien, Edelmetalle.

Aktien: Sind relativ mobil, bringen Dividenden, können aber auch gut besteuert werden. Kein anonymer Erwerb;
Land: Nicht mobil; Kann sehr gut besteuert werden; Bringt bei Nutzung Rendite; Kein anonymer Erwerb;
Immobilien: Nicht mobil; Kann sehr gut besteuert werden; Bringt bei Eigennutzung und Vermietung Rendite; Kein anonymer Erwerb;
Edelmetalle: Sehr mobil; Können 100% anonym erworben werden; Keine Rendite; Sehr schlecht, bis gar nicht besteuerbar (außer beim Kauf/Verkauf);

Wenn man bedenkt, dass der Dollar zur Zeit der Goldbindung 1$ = 1oz Gold galt, und heute 1600$ = 1oz Gold gilt, dann sieht man, dass der Dollar sehr deutlich an Wert verloren hat.

Ich habe leider keine Vergleichszahlen, wieviel Dollar man zur Zeit der Goldbindung pro HA Land ausgeben musste und wieviele Dollar heute. Der Vergleich Dollar - Gold - Land wäre sicher sehr aufschlussreich.

Account gelöscht!

10.08.2012, 13:25 Uhr

Sehr gut und richtig zusammengefasst!

Aber offenbar haben das bis jetzt die wenigsten verstanden, sonst wäre der Aufschrei gewaltig.

Wahrheit

10.08.2012, 13:28 Uhr

Endlich mal die Wahrheit ... Vielleicht geht so manchen Linken mal ein Licht auf, wie die Realität aussieht. Aber die Hoffnung ist gering, dass die Roten es je verstehen werden wie es funktioniert.

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