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30.09.2011

09:32 Uhr

Weimers Woche

Die siebte Angela Merkel

VonWolfram Weimer

Angela Merkel hat sich in dieser Woche einen neuen Anstrich verliehen. Nach langer Passivität legt sie in Europafragen Macherqualitäten an den Tag. Damit fügt sie ihren sechs Gesichtern ein attraktives siebtes hinzu.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

BerlinSeit dieser Woche hat sich die Kanzlerin neu definiert. Nach Monaten des Zauderns und einer Szenerie des Diffusen herrscht in Berlin plötzlich eine Kultur der Führung. Die Eurokrise könnte nun zum Wendepunkt ihrer Kanzlerschaft werden: Angela Merkel ist wieder da.

Als habe sie den Spätsommer bei Helmut Kohl im Beichtstuhl gesessen, so agiert Merkel auf einmal entschieden, machtbewusst und europagestaltend. Nach innen organisiert sie mit neuer Strenge Mehrheiten für eine größere Verantwortung Deutschlands im europäischen Haus. Und nach außen zeigt sie Härte und fordert den Südstaaten endlich ein seriöseres Finanzgebaren ab. Ihr - überfälliges - Motto: Wir müssen von der Schuldenunion in eine Stabilitätsunion. Und weil die Signale endlich eindeutig sind, reagieren die Finanzmärkte mit dankbarer Erleichterung.

Nicht dass schlagartig das Monster der europäischen Schuldokratie besiegt wäre, das dürfte Jahre dauern. Aber Deutschland ist nun einmal die Schlüsselnation Europas und wenn Berlin einen langfristigen Sanierungskurs definiert, dann schafft das die wichtigste Sache, die bislang gefehlt hat: Vertrauen.

Ganz nebenbei erfindet sich die Kanzlerin dabei neu. Denn bislang kennen wir sechs verschiedene Angela Merkels.

Erstens: Das unsichere Ost-Mädchen von Helmut Kohl mit sonderbaren Haaren und besonderer Intelligenz.

Zweitens: Die generalsekretärende Praktikantin der Macht, die schneller lernt als andere denken können.

Drittens: Die ehrgeizige Krankenschwester der verwundeten Post-Kohl-CDU, die einen sicheren Instinkt für die Schwächen anderer hat.

Viertens: Die kalte Physikerin der Macht, die ihre innerparteilichen Konkurrenten erledigt wie lästige Bauern in einem Schachspiel.

Fünftens: Die großkoalitionär ausgleichende Mutter der Nation, Deutschland erste Frau im Kanzleramt.

Und schließlich sechstens: Die große Abwarterin, die Moderatorin der Republik, die personifizierte Mitte, die Zuschauerin der Willensbildung, die Umfallerin.

Doch nun erleben wir mit der Eurokrise eine neue, eine siebte Merkel: die Europa-Kanzlerin. Ihre Strategie, Politik als summierende Nachhutveranstaltung zu organisieren, wird auf den Kopf gestellt. Fortan geht sie voran. Das wird spannend zu beobachten sein. Gelingt ihr das Manöver namens Geradlinigkeit und schafft sie es tatsächlich, Europa auf einen Pfad der langfristigen Sanierung zu führen, dann rettet sie auch ihre Regierung.

Denn die schwarz-gelbe Administration hat sich bislang verhalten wie dereinst Rot-grün in der ersten Legislatur: schlichtweg unseriös. Mit einer pubertierenden FDP und einer midlife-kriselnden CSU an der Seite humpelt die Kanzlerin seit zwei Jahren umher. Zugleich verliert sie mit ihrem ruckartigen Modernisierungskurs die Konservativen in Partei und Gesellschaft: Abschaffung der Wehrpflicht, Beseitigung der Hauptschule,  sozialdemokratische Familien- und Sozialpolitik, Papstkritik, grüne Energiewende - immer weniger wissen Deutschlands Christdemokraten, was an ihrer Regierung noch christdemokratisch ist.

Die Rolle der strengen Europa-Kanzlerin könnte daher wie ein Neustart-Signal für die schwarz-gelbe Regierung wirken. Die FDP ist bis zur Selbstaufgabe willfährig, die Konservativen werden über das Prinzip Seriösität gebunden und die Wirtschaft gibt ihr Rückendeckung. Die Kanzlerinnen-Mehrheit bei der Rettungsschirm-Abstimmung ist mehr als ein machtpolitischer Sieg. Angela Merkel drückt auf die Reset-Taste der Macht.

Kommentare (1)

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cosmoB

30.09.2011, 10:38 Uhr

Erst dachte ich dies ist eine Pressemitteilung der CDU-Zentrale, als ich dann den Autor sah war alles klar. Weimer, der ja gerade bei dem Blatt der frustrierten Konservativen grandios gescheitert ist, hat nun ja viel Zeit um Meinung zu machen. Gottseidank denkt kaum einer in Deutschland wie er, sonst wäre es mal wieder Zeit die Koffer zu packen und ins Ausland zu ziehen.

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