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09.03.2012

11:29 Uhr

Weimers Woche

Gefährliche Atom-Diät

VonWolfram Weimer

Deutschland ist mit seinem strikten Atomausstieg international zunehmend isoliert. Zudem zeigt sich ein Jahr nach der Katastrophe in Fukushima, wie stark die Industrie für die verordnete Energiewende bluten muss.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Stell Dir vor, es gilt der Atomausstieg, und keiner macht mit! Genau ein Jahr nach der Katastrophe von Fukushima passiert etwas Verblüffendes: Die Welt baut neue Atomkraftwerke wie nie zuvor, und Deutschland steht mit seinem Ausstieg ziemlich alleine da. Sind wir klüger oder nur panischer als der Rest der Welt?

Zunächst waren es Frankreich und China, die sich offen gegen das deutsche Ausstiegsmodell stellten. Es folgten Russland, England und Indien. Und nun häufen sich die Meldungen, dass von Brasilien bis Saudi-Arabien überall sogar neue Atomkraftwerke gebaut werden sollen. Die Obama-Regierung genehmigt mitten im Wahljahr und erstmals seit 1978 den Bau eines neuen Atomkraftwerks in den USA.

Indien und China kündigen gleich ein Dutzend neuer AKWs an. Und die Internationale Atomenergiebehörde meldet nun die Sensation, dass mehr als 50 Länder neue Atomprogramme auflegen wollen. „Wir erwarten, dass schon dieses Jahr Vietnam, Bangladesch, die Vereinigten Arabischen Emirate, die Türkei und Weißrussland mit dem Bau ihrer ersten Atomkraftwerke beginnen“, heißt es aus Wien. Nicht einmal Japan selber hat sich von der Atomkraft abgewendet.

Kommt nun auch in Deutschland der Ausstieg vom Ausstieg? Wohl kaum. Die Mehrheit der Deutschen will partout keine Atomkraft, so dass es richtig war, sich grundsätzlich von dieser Technologie zu verabschieden. Ganz falsch war aber, den Ausstieg derart überhastet anzugehen. Die Politik hat sich panisch und überopportunistisch verhalten – zum Schaden des Landes und der Natur.

Denn zu den verblüffenden Nachrichten zum Jahrestag von Fukushima gehört nicht nur die spektakuläre Rückkehr der globalen Kernenergie. Auch zum Comeback der Kohle in Deutschland darf man sich die Augen reiben. Denn durch die Abschaltung der Kernkraftwerke laufen besonders die schmutzigen Braunkohlekraftwerke auf Hochtouren. Im vergangenen Jahr avancierte Braunkohle wieder zum Stromlieferanten Nummer eins. Ausgerechnet der klimaschädlichste Energieträger ist also der größte Profiteur des Blitzausstiegs.

Kommentare (43)

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Kernkraftler

09.03.2012, 11:57 Uhr

Sehr guter und richtiger Kommentar. Der Ueberhastete und sinnlose Ausstieg aus der Kernkraft war fuer die Wirtschaft und die Umwelt die wohl verheerendste politische Entscheidungen der letzten Jahre!

Mein einziger Kritikpunkt an dem Artikel ist der Satz "Die Politik hat sich panisch und überopportunistisch verhalten". Es war hier leider nicht nur die Politik, im besonderen auch die Medien, die unreflektiert die Kernkraft ins Aus gestossen haben. Wie das Magazin "Cicero" damals im Speziellen regiert hat, weiss ich nicht, das Handelsblatt hat sich hier vor einem Jahr auf jedenfall nicht mit Ruhm bekleckert...

Christian

09.03.2012, 12:15 Uhr

"Ganz falsch war aber, den Ausstieg derart überhastet anzugehen" Falsch: Ganz falsch war der Ausstieg aus dem schon beschlossenen Ausstieg vor Fukushima.

Account gelöscht!

09.03.2012, 12:23 Uhr

Wieso müssen neue und umgerüstete Kohlkraftwerke unbedingt Dreckschleuder sein?
Vielleicht ist es gesünder, als verstrahlter Mitbürger durch Deutschland zu wandern oder was wollen Sie mir und uns mit Ihren Artikel vermitteln.

Allen ein schönes strahlungsarmes Wochenende.

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