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27.04.2012

12:11 Uhr

Weimers Woche

Gelbe Karte für Ukraine

VonWolfram Weimer

Joachim Gaucks Ukraine-Boykott: Der richtige Eklat zu richtigen Zeit. Jetzt sollten alle Politiker den Druck erhöhen, um die Menschenrechte einzufordern. Die Europameisterschaft könnte so zum Fest der Freiheit werden.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Es ist der erste politische Paukenschlag von Joachim Gauck. Der neue Bundespräsident zeigt der Ukraine mit seiner Absage zum Präsidententreffen auf der Krim die kalte Schulter und blamiert sie vor der ganzen Welt als das, was sie ist: ein autoritäres Regime, das Recht und Freiheit mit Füßen tritt. Das ist erfrischend undiplomatisch. Und wenn vor kurzem noch einige gelästert haben, was dieser Gauck denn immer mit seiner Freiheit habe, jetzt wissen sie es. Er zeigt den angepassten, opportunistischen Leisetretern, was ein freiheitsliebender Demokrat zu tun hat – nämlich offen eintreten für die Menschenrechte.

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Die Ukraine ist ein europäischer Riesenstaat und ein zugleich ein demokratischer Zwerg. Ihre Polizei benimmt sich zuweilen wie eine Schlägertruppe, die Gefängnisse sind Kerker, Oppositionelle werden drangsaliert, Gerichte sind nicht frei, Menschen haben Angst. In wenigen Wochen findet dort die Fußball-Europameisterschaft, und alle Welt wollte sportlich hin und politisch wegschauen. Wäre da nicht der unbequeme Herr Gauck, der das umfassende Hinschauen von allen nun erzwungen hat. Der Eklat ist da, und die EM wird nun zum gewaltigen Politikum.

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Die Uefa und ihr eleganter Präsident haben bislang gelächelt und kassiert und geschwiegen, wenn es um die skandalösen Zustände in der Ukraine ging. Nun sollte auch Michel Platini seine Macht einsetzen, dass die schwerkranke und misshandelte Julia Timoschenko endlich aus der Haft entlassen wird. Sieben Jahre Haft, Martyrium inklusive, hat die Rachejustiz ausgesprochen, nur weil sie es wagte, dem selbstherrlichen Präsidenten Viktor Janukowitsch politische Opposition zu bieten.

Julia Timoschenko ist die Heldin der orangefarbenen Revolution, mit der sich so viel Hoffnung auf eine demokratische, europäische Zukunft in Freiheit verbunden hatte. Mit ihr foltert das Regime nun das Freiheitsgefühl aller Europäer. Das muss aufhören. Und damit es aufhört, sollten möglichst viele dem Beispiel Gaucks folgen. Er weiß aus eigener DDR-Erfahrung wie empfindlich autoritäre Regime reagieren, wenn sie auf ihren Massenspektakel-Bühnen der Selbstdarstellungen blamiert werden.

Die Chance ist einmalig. Europa hat ein Druckmittel in der Hand, Kiew endlich zur Einhaltung der Menschenrechte zu zwingen und die Opposition nicht länger zu unterdrücken. Denn Julia Timoschenko steht nur stellvertretend für viele, die im Schatten der glänzenden Fußballarenen zum Schweigen gebracht worden sind.

Kommentare (8)

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Moika

27.04.2012, 13:05 Uhr

Lieber Herr Weimer!

Über einen Boykott gegen die Ukraine kann man geteilter Meinung sein. Vor allem, wenn Julia Timoschenko als Begründung herhalten muß. Da heben Sie sich meiner Meinung nach wohltuend von vielen anderen Journalisten ab.

Frau Timoschenko wurde leider verurteilt, weil sie die politischen Kreise des jetzigen Präsidenten scheinbar zu sehr stören könnte. Dieser politische Prozeß war in seiner Ausführung an Dummheit kaum noch zu überbieten.

Warum hat man nicht versucht, Frau Timoschenko etwaiger strafrechtlicher Vergehen wegen zu verurteilen? Frau Timoschenko wuchs zwar in einfachen Verhältnissen auf, hatte vor zwölf Jahren aber schon ein geschätztes Vermögen von rund 100 Millionen Dollar. Warum wurde nicht an dieser Stelle nachgegraben? Denn es ist schlechterdings nicht möglich, von Null auf Tausend in diesen wenigen Jahren zu kommen.

Aber das geht vermutlich schon deshalb nicht, weil es in der Ukraine wohl kaum jemanden mit Einfluß gibt, der nicht ständig beide Hände aufgehalten hat. Mit diesem Prozeß aber hat sich auf Dauer gesehen der ukrainische Präsident selbst die Schlinge um den Hals gelegt. Wer die einmal zuziehen wird, werden wir erleben.

Es ist deshalb schon gut und wichtig, daß die Welt von draußen der herrschenden politischen Klasse klipp und klar sagt: Ihr könnt zwar (im Grundsatz) machen was ihr wollt, aber wir werden diese Schritte unter keinen Umständen mitgehen.

Es wäre unter diesen Umständen doch zu schön, die in der Ukraine geplanten Spiele noch schnell zu uns zu holen. Aber was sage ich. Der Sport ist mittlerweile genau so korrupt wie Vieles in der Politik.

Ein schönes verlängertes Wochenende wünscht Ihnen Moika

WerDaBo

27.04.2012, 18:51 Uhr


... und wo sind denn nun die 100 Millionen Dollar gebleiben?
Damit könnte man sich doch locker freikaufen, oder?

Account gelöscht!

27.04.2012, 20:14 Uhr

Julia Timoschenko ist eine Oligarchin und besitzt Milliarden. Dieses Geld kommt aus Staatsvermoegen und nicht etwa aus ehrlicher Arbeit. Mitglieder ihres ehemaligen Kabinetts wurden zu Recht wegen echter Straftaten verurteilt. Ein Minister wurde sogar per Interpol gesucht. Ich denke, es ist falsch das ganze Land pauschal zu verurteilen. 48 Millionen Menschen in der Ukraine haben es nicht verdient, immer wieder in Europa an den Pranger gestellt zu werden. Diese junge Demokratie besteht erst seit 1996 und braucht eher Unterstuetzung anstatt medienwirksamer Kritik gegen den aktuellen Praesindenten. Ich halte die politische Einmischung fuer bedenklich. Ein Grossteil der Ukraine steht hinter Janukowitch und fuehlt sich von Timoschenko belogen und betrogen. Sie selbst hat die orangene Revolution zu einem PR-Gag degradiert. Das haben die Menschen in der Ukraine nicht vergessen. Erinnern wir uns noch an den Gaskonflikt mit Russland. Unter ihrer Regierung wurde das Gas aus den Pipelines gestohlen und ein schwedisches Gericht hat die Ukraine verurteilt. Also, wie koennen die westlichen Regierungen so einen Unsinn verzapfen und Timoschenko zur Maetyrerin machen.

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