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30.12.2011

15:39 Uhr

Weimers Woche

Linksruck? Von wegen!

VonWolfram Weimer

Die Schuldenkrise weckt bei Linken allerlei Fantasien. Nun könne der Kapitalismus doch noch zusammen brechen, hoffen sie. Doch sie irren auch diesmal. Das ausbleibende Comeback des Sozialismus hat gute Gründe.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Jakob Augstein, der letzte sozialistische Intellektuelle Deutschlands, ist von der Schuldenkrise ganz elektrisiert. Er schreibt dieser Tage mit dem Unterton der Vorfreude, die wir sonst nur bei Kindern vor dem Weihnachtsfest kennen: „Linkes Gedankengut greift wieder um sich. 20 Jahre nach der Niederlage des Sozialismus breitet sich eine überwunden geglaubte Philosophie erneut unter uns aus.“ Augsteins Diagnose ist mehr Hoffnung als Wirklichkeit, doch er teilt sie mit manchen Alt-Linken, die endlich rote Morgenluft wittern.

Wilde Börsen, wankende Banken, taumelndes Großkapital – der Stoff, aus dem sozialistische Märchen sind, wird täglich in der Tagesschau geliefert. Darum kommen sie wie Mumien aus ihren ideologischen Gräbern hervor und wittern noch einmal Klassenkampfstimmung.

Und doch irren sie wieder. Denn es passiert nichts, wovon die Linke immer träumt. Weder geht der Kapitalismus unter, noch braut sich eine Revolution zusammen, noch wenden sich die Menschen auch nur linken Parteien zu. Im Gegenteil: In den Ländern, die von der Schuldenkrise am härtesten erwischt worden sind, hat ein politischer Rechtsruck stattgefunden. In Portugal, Spanien, Irland und Griechenland sind sozialdemokratische durch konservative Regierungen abgelöst worden. Überall in Europa punkten sogar Rechtspopulisten. Die Gesellschaften entscheiden sich im Moment der Krise nicht für Revolution sondern für Sicherheit und Ordnung. Die europäische Linke freut sich daher nicht nur zu früh, sie könnte sogar der große Verlierer der Entwicklung werden.

In Deutschland zeichnet sich schon ab, dass die Linkspartei dramatisch an Zustimmung verliert. Seit Monaten sinkt sie in den Umfragen wie Wismut-Erz im Ostseewasser. Nach den jüngsten Zahlen von Infratest-Dimap liegt die Linke zum Jahresende nur noch bei 6 Prozent Wählerzustimmung. Sie muss inzwischen sogar fürchten, bei der kommenden Bundestagswahl an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern. Noch vor einem Jahr lagen die Umfragewerte bei 10 Prozent, vor anderthalb Jahren sogar bei 12 Prozent. Die Linke hat just in den Monaten der Schuldenkrise also die Hälfte ihrer Anhängerschaft verloren. Wir erleben keinen Linksrutsch sondern einen Rutsch der Linken.

Kommentare (21)

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Nadine

30.12.2011, 14:10 Uhr

Naja, die europäische Sozialdemokratie ist ja nicht "links" im sozialistischen Sinn. Deshalb wird sie auch nicht von den Sozialisten gewählt. Aber es stimmt, dass nicht nur die Sozialdemokraten sondern auch die Linken in den europäischen Ländern nicht besonders stark gewählt werden. Aber was erwartet man schon anderes, in einem Wahlsystem, das stark von Vermögen abhängig ist, in einem Wirtschaftssystem, das TINA ("there is no alternative") predigt. Darum wäre die Einführung einer "echten Demokratie" überfällig, und zwar "jetzt!", auch und v.a. in der Wirtschaft.

Querdenker

30.12.2011, 14:48 Uhr

Lieber Autor, auch eine konservative Ideologie ist eine Ideologie. Wenn die Menschen sich einer konservativen oder sogar rechten Ideologie zuwenden, so lässt das eher auf deren Geisteszustand schließen. So war es ja auch vor dem zweiten Weltkrieg. Das heißt aber noch lange nicht, dass das ein richtiges Verhalten ist. Video2000 musste auch VHS Platz machen. So ist eben der Kapitalismus.

Account gelöscht!

30.12.2011, 15:32 Uhr

Nur konservative Normgewichte verlassen ihre eingefahrenen Wege nicht. Sie meinen ihre vermeintliche Sicherheit sei mit mehr Ordnung besser geschützt. Sie glauben, dieser Weg sei sicherer nur weil er ihnen vertrauter erscheint.

Zu raten wäre beiden politischen Lagern nicht nur auf die eigene Seite, sondern auf die dritte Seite zu schauen. Dass ist die Seite, die beide Lager nicht sehen.

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