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28.10.2011

10:08 Uhr

Weimers Woche

Steinbrück wird überschätzt

VonWolfram Weimer

Es gibt sie, die Alternativen zum Kanzlerkandidaten Steinbrück. Es geht darum, wer mit seinen Ecken und Kanten am besten ankommt.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

Wolfram Weimer ist Handelsblatt-Kolumnist („Weimers Woche“) und Buchautor. Zum 50. Jahrestag will er eine Sonderausgabe des legendären Satiremagazin "Pardon" herausgeben.

BerlinPeer Steinbrück ist so etwas wie der Hahn der deutschen Sozialdemokratie. Noch vor Tagesanbruch kräht er sein Kanzlerkandidaten-Kikeriki: Ich will, ich will, ich will. In dieser Woche ist er besonders häufig gehört worden: Der "Spiegel", die "Zeit" und Altkanzler Helmut Schmidt haben dem Krähen lautstark Echo verliehen, und plötzlich glaubt die halbe Republik, Steinbrück werde tatsächlich Kanzlerkandidat. In Hamburger Redaktionsstuben scheint die K-Frage schon entschieden. Wer die SPD freilich kennt, der weiß, dass ein Hahn noch lange keinen Morgen macht.

Hinter den Kulissen des Willy-Brandt-Hauses in Berlin beginnt in Wahrheit erst ein beinharter Machtkampf. Denn die SPD hat genau sechs Politiker, die sich allesamt K-Chancen ausrechnen. Darum lohnt sich ein kühler Blick auf die Wahrscheinlichkeitsrechnung der Macht.

Kanzlerkandidat 1 heißt Olaf Scholz. Er dementiert das zwar mit der Regelmäßigkeit einer hanseatischen Hafenfähre. Er gehört aber zu den wenigen, die innerhalb wie außerhalb der SPD gleichermaßen beliebt und respektiert sind. Scholz verkörpert exekutiven Pragmatismus und Seriosität, er ist ein strahlender Sieger der Nach-Schröder-Krisen-SPD, er hat ausreichend Regierungserfahrung, das perfekte Herausfordereralter und könnte in den kommenden zwei Jahren als eine Kompromissfigur der streitenden Parteiinteressen überraschend in den Kandidatenfokus geraten. Derzeitige K-Wahrscheinlichkeit allerdings: 5 Prozent.

Kanzlerkandidatin 2 ist Hannelore Kraft. Sie hat nicht nur den wichtigsten Landesverband hinter sich, sondern auch kaum Feinde in der eigenen Partei (was selten und wichtig ist in der SPD). Trotz ihrer heiklen Koalition in Düsseldorf macht sie eine gute Figur. Wenn die SPD - was für die aufstrebenden Parteifrauen einen besonderen Reiz hätte - die Kanzlerin mit einer Kandidatin stürzen wollte, dann käme nur sie als Gender-Trumpfkarte infrage. Momentane K-Wahrscheinlichkeit: 5 Prozent.

„Er kann es“: Schmidts Ritterschlag für Steinbrück

„Er kann es“

Schmidts Ritterschlag für Steinbrück

Zwei Weltversteher im Paarlauf: Altkanzler Helmut Schmidt empfiehlt Ex-Finanzminister Peer Steinbrück im gemeinsamen Buch für Höheres. Nämlich für die Kanzlerkandidatur. Warum? Weil er's kann.

Kanzlerkandidat 3 heißt Sigmar Gabriel. Er ist und bleibt zwar ein Hallodri der deutschen Politik und gilt in der deutschen Bevölkerung nicht als kanzlerfähig - doch ist er der Vorsitzende der SPD, hat also ein informelles Zugriffsrecht auf die Kandidatur. Für ihn sprechen sein unbändiger Machtwille und seine Lazarettarbeit an der verwundeten SPD der vergangenen Jahre. In Berlin verbreiten seine Konkurrenten, er plane seine Machtposition über den Partei- auf den Fraktionsvorsitz auszuweiten. Er könnte eine Rolle wie weiland Herbert Wehner übernehmen und einen anderen zum Kanzler seiner Gnaden werden lassen. Doch freiwillig aus dem Rennen nimmt Gabriel sich nicht. K-Wahrscheinlichkeit: 20 Prozent.

Kanzlerkandidat 4 ist Frank-Walter Steinmeier. Im Gegensatz zu Gabriel ist er weithin beliebt. Er gilt als anständig, regierungserfahren, findet in der politischen Mitte Anerkennung, und er führt mit der Fraktion das vitale Machtzentrum der Partei. Die Parteilinke allerdings beäugt ihn - den Zögling von Gerhard Schröder - skeptisch. Sein größtes Manko ist, dass er schon einmal gegen Angela Merkel verloren hat. Die SPD und die Medien trauen ihm das Sieger-Gen einfach nicht zu. K-Wahrscheinlichkeit: 20 Prozent.

Kanzlerkandidat 5 ist Peer Steinbrück, der Liebling des Gerhard-Schröder-Freundeskreises - jener Rotary-Club der rotweintrinkenden Sozialdemokraten, die glauben, sie hätten immer die dicksten Zigarren. Steinbrück, so kalkulieren sie, werde in bürgerliche Wählerschichten einbrechen und habe als Krisenweltenökonom das Momentum der Zeit auf seiner Seite. Sein Fanclub übersieht freilich: Erstens geht Steinbrück die Kandidatur viel zu früh und viel zu laut an. Das schafft Aversionen und bietet lange Monate Gelegenheit, sich zu verbrennen. Zweitens ist Steinbrück sieben Jahre älter als Angela Merkel, mithin wäre seine Kandidatur für die Partei kein Zukunftssignal. Drittens pflegt er eine merkwürdige Umgangsform. Steinbrück hat etwas Scharfkantiges, das man wohlwollend als Freigeistnatur loben kann. Aber man kann es auch als irrlichternd kritisieren. Zuweilen geht sein Mundwerk mit ihm durch (wie weiland als er den Schweizern die Kavallerie androhte), zuweilen sein arroganter Humor. Politprofis sagen der SPD mit ihm einen Hochrisiko-Wahlkampf voraus, weil man täglich damit rechnen müsse, dass sich Steinbrück vergaloppiere. Das vierte und größte Problem aber ist, dass ihn die Parteilinke nicht ausstehen kann. Sie sieht in ihm einen agenda-ideologischen Wiedergänger von Gerhard Schröder und formiert bereits weiträumigen Widerstand. Auch zu Gewerkschaften, Ostdeutschen, den Arbeitermilieus und den Grünen hat Steinbrück nur schwer Zugang. K-Wahrscheinlichkeit: 25 Prozent.

Damit gibt es einen Kanzlerkandidat 6, den viele bislang unterschätzen: Klaus Wowereit. Nach seinem abermaligen Wahlsieg in Berlin steigt er zum Favoriten der Parteilinken auf. Wowereit ist ein begnadeter Wahlkämpfer, Medienprofi und Stratege. Seine große Koalition mit der CDU dient nur dem einen Zweck, ihn als seriösen, mittefähigen Staatsmann zu profilieren. Denn sein größter Nachteil ist sein Image als Berliner Partybär. Sein größter Vorteil aber liegt darin, dass seine Konkurrenten noch größere Nachteile haben als er - und die Mehrheit der Parteibasis seinem Kurs lieber folgt als dem der Agendapolitik Steinbrücks. Vordergründig geht es beim K-Getöse der SPD um eine Personalie. Tatsächlich aber steht ein Richtungsstreit auf dem Programm. Wowereit wird das bald zu thematisieren wissen. Die K-Wahrscheinlichkeit Wowereits liegt auch bei 25 Prozent.

Kommentare (12)

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Account gelöscht!

28.10.2011, 12:31 Uhr

Natürlich wird Steinbrück überschätzt.
Ausserdem ist er an der Finanzkrise auch niht ganz unschuldig.
Aber er weiß genau, ein großer Teil der Detuschen finden ihn einfach toll. Er rechnet also mit der Dummheit der Bürger.
Das ist wirklich eine hervorragende Raffinesse

Alfred_H

28.10.2011, 12:44 Uhr

"Steinbrück wird überschätzt"
Sehe ich auch so. Als Finanzminister hat er beim Ausbruch der immernoch andauernden Finanzkrise gezeigt, dass er keine Ahnung hat und nur planlos agieren kann. Jetzt drängelt er sich, wo er kann, in die Medien und redet so als hätte er das lauwarme Wasser erfunden. Leider kommt das bei Teilen der Bevölkerung sogar gut an.
Die haben schon vergessen, dass Steinbrück mit daran Schuld ist, dass Deutschland so stark von der Finanzkrise getroffen wurde. Auch er hätte momentan nichts Anderes gemacht, als Frau Merkel. Auch er hätte wieder nur durch planloses Agieren geglänzt. Und ehrlich gesagt, wie sehr mir diese Schwarz-Gelbe Regierung auch auf den Zeiger geht. Die SPD braucht doch überhaupt nicht über einen Kanzlerkandidaten nachdenken. Es gibt zwar viele Dumme in Deutschland, die SPD wählen würden. Aber es gibt scheinbar noch mehr Dumme, die denken dass Merkel ihre Sache gut macht. Ich gehe davon aus, dass Merkel in die 3.Runde gehen wird. Die deutsche Bevölkerung ist leider so verblödet. Bei diesem Politiker-Angebot muss man sich doch schämen, wenn man einem von denen seine Stimme gibt.

sailing

28.10.2011, 12:58 Uhr

Alle besitzen zu wenig Substanz um die Banken zu regulieren.

Wenn die SPD mit Gabriel, Scholz, Kraft antreten sollte, dann stehen sie von vornherein auf verlorenem Posten.
Aber auch Steinbrück und Steinmeier kann man nicht zutrauen das Land zu "retten"

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