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07.01.2010

13:52 Uhr

Weltwirtschaft

Welchen Ländern eine zweite Finanzkrise droht

VonIan Campbell (breakingviews.com)

Die Weltwirtschaft wird im Jahr 2010 wieder an Fahrt aufnehmen, wobei China und die USA an der Spitze stehen werden. Während einige Volkswirtschaften sich erholen, sind andere dazu kaum in der Lage. Von hohen Defiziten belastete Nachzügler wie Irland, Griechenland, Spanien und Großbritannien riskieren eine erneute Finanzkrise.

Das neue Jahr bringt eine neue Agenda mit sich. Im Jahr 2009, das vom Blaulicht der Rettungsdienste durchzuckt wurde, waren extreme politische Vorgehensweisen zulässig. Alles war erlaubt, was dazu diente, die Depression und die Deflation abzuwehren. Aber jetzt hat die Erholung eingesetzt und das Motto "Alles geht" wird nicht mehr genügen, um die Märkte zufrieden zu stellen.

Doch das Neue Jahr mit einer kleinen Feier zu begrüßen, ist gerechtfertigt. Die extremen Konjunkturanreize haben funktioniert. Anstatt in eine Depression abzugleiten, legt die Weltwirtschaft an Tempo zu. China hatte ohnehin kaum abgebremst. Indem das Land eine Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von fast acht Prozent aufrecht erhielt, hat China dazu beigetragen, dass ein noch tieferer globaler Einbruch vermieden werden konnte. Aber China ist große Risiken eingegangen, um das hohe Wachstum zu stützen. Sein Konjunkturpaket belief sich auf 13 Prozent des BIP. Die Kreditvergabe und die Geldmenge nehmen mit Jahresraten von fast einem Drittel zu.

Auf der anderen Seite des Pazifik haben auch die USA einen äußerst gefährlichen geld- und fiskalpolitischen Kurs eingeschlagen, um der Rezession zu entkommen. Im Moment zahlt sich die Wette aus. Das BIP scheint im vierten Quartal 2009 zu einer Jahresrate von mehr als vier Prozent gewachsen zu sein. Private Arbeitgeber könnten im Dezember Stellen geschaffen haben. Die Unternehmen werden, nachdem sie drei Jahre lang die Lagerbestände abgebaut haben, bald damit beginnen, die Produktion zu erhöhen. Auch wenn sich die Banken nach wie vor in einer schwachen Verfassung befinden, könnten sie doch so weit sein, mehr Kredite zu vergeben. Und ein immer noch schwacher, die Exporte anheizender Dollar sollte ebenfalls eine Unterstützung bieten.

Ein starkes Wachstum der US-Wirtschaft im laufenden Jahr ist möglich. Aber damit dürfte gleichzeitig auch die Inflation kräftig zulegen. Die jährliche Inflationsrate kletterte im November auf 1,8 Prozent und könnte im Dezember auf fast drei Prozent vorgerückt sein. Die US-Notenbank Federal Reserve und die Volkswirte erwarten im Mittel der Prognosen nicht, dass die Aufwärtsbewegung anhält. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, ungenutzte Kapazitäten gibt es in Hülle und Fülle.

Aber das billige Geld hat die Preise von Rohöl und anderen international gehandelten Rohstoffen in die Höhe getrieben. Die US-Hersteller sind verzweifelt darum bemüht, die höheren Preise für die Rohmaterialien an ihre Kunden weiterzureichen. Wenn sie Interesse an ihren Produkten wecken können, dann werden sie genau das auch tun. Dies und die immer noch im Überfluss vorhandene Liquidität könnten eine Runde von Preis- und Lohnerhöhungen auslösen, die auch die übrige Wirtschaft mit einschließt.

Eine unerwartet hohe Teuerung hätte zur Folge, dass die sehr langanhaltende Phase äußerster Großzügigkeit seitens der Fed zu Ende geht. Die US-Zentralbank könnte schon im ersten Quartal 2010 die Zinsen anheben anstatt erst im Jahr 2011, wie viele Volkswirte annehmen.

Eine Abkehr der US-Notenbank von der Politik des billigen Geldes hin zu einer Straffung der Zinszügel wird für die Investoren weitreichende Veränderungen und große Unsicherheiten mit sich bringen. Die Kapitalflüsse könnten sich aus einigen aufstrebenden Märkten zurückziehen, wenn sich der Carry Trade in Dollar - also wenn Mittel in Dollar aufgenommen werden, um dann in Vermögenswerte mit höherer Rendite investiert zu werden - umkehrt. Die Aktienmärkte werden ihre Euphorie über die wirtschaftliche Erholung mit der Erkenntnis abgleichen müssen, dass es Geld nicht mehr länger fast umsonst geben wird.

In China ist die mögliche Fallhöhe für Aktien, die 2009 um drei Viertel gestiegen waren, groß. Ein Rückgang bei den Kapitalzuflüssen aus dem Ausland könnte eine umfassende Korrektur hervorrufen. Und zwischenzeitlich gibt es auch schon starke Argumente für eine härtere geldpolitische Gangart im Inland. Eine übermäßige Kreditvergabe könnte Überkapazitäten und künftige Bankenkrisen fördern. Trotzdem werden sich die größten Gefahren für China auf seinem riskanten Weg möglicherweise nicht schon dann zeigen, wenn das weltweite Wachstum sich wieder verbessert, sondern erst in ein paar Jahren.

Am angreifbarsten erscheinen im Jahr 2010 die Länder, denen die Erholung nicht gelingt. Ein Vorbote dafür war der schnelle Anstieg der Renditen griechischer Staatsanleihen Ende 2009. In der Eurozone steht es nicht zum Besten. Das Angebot an Unternehmenskrediten nimmt immer noch ab, auch wenn die Europäische Zentralbank den Kreditinstituten billiges Geld zur Verfügung stellt. Im laufenden Jahr scheint ein nur schwaches Wachstum wahrscheinlich zu sein.

Die schwächeren Bindeglieder der Eurozone sind deswegen besonders gefährdet. Portugal, Irland, Griechenland, Italien und Spanien scheinen in einer Deflationsfalle zu sitzen. Sie müssen ihre Budgets ausgleichen und ihre Wirtschaft und ihre Steuereinnahmen in Schwung bringen, auch wenn sie gegenüber Frankreich und Deutschland an Wettbewerbskraft eingebüßt haben und trotz des Euro, der mit 1,43 Dollar um 70 Prozent über seinen Tiefständen von vor zehn Jahren verharrt. In jedem dieser Länder schießt die Staatsverschuldung in die Höhe und was einige dieser Staaten angeht, so schnellt auch der Zinsaufschlag gegenüber den Bundesanleihen nach oben.

Und außerhalb der Eurozone sieht es so aus, als ob auch Großbritannien, eine der größten Volkswirtschaften der Welt, nur schwach wachsen wird, während die britische Regierung versucht, Mittel zur Defizitfinanzierung von fast 200 Mrd. Pfund Sterling aufzunehmen. Werden die Märkte damit herausrücken? Oder wird die immense Wette der Briten noch vor den Wahlen Mitte 2010 in der Krise und Notkürzungen enden?

Im Jahr 2010 werden sich die Investoren nach den Ländern umsehen, die sich vom Krankenlager erheben und wieder in Bewegung setzen. Diejenigen, die nicht schnell aufstehen können, sehen verwundbar aus. Von der Abwendung der globalen Krise hin zu nationalen Krisenherden - auch eine Art des Fortschritts.

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