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20.01.2010

08:00 Uhr

Wiebes Weitwinkel

Bernanke und die drei Quellen der weltweiten Liquidität

VonFrank Wiebe

Drei Quellen schaffen Liquidität. Alle wirken im Grundsatz wachstumsfördernd. Aber wenn sie im Übermaß sprudeln, können sie auch erheblichen Schaden anrichten.

US-Notenbankchef Ben Bernanke hat – auch um seine Wiederwahl zu sichern – die These vertreten, die Geldpolitik sei gar nicht für die Finanzkrise verantwortlich, sondern die lasche Bankenaufsicht. US-Ökonomen wie John B. Taylor haben heftig widersprochen: Die Notenbank habe vor der Krise zu viel Liquidität in die Märkte gepumpt und damit im Wesentlichen den Schaden angerichtet. Welche Seite hat recht?

Beide Seiten, aber beide nur zum Teil. Tatsächlich gibt es drei Quellen der Liquidität. Die erste ist die traditionelle, die von der Notenbank gesteuert wird. Sie funktioniert im Wesentlichen über die Bilanzen der Banken, die je nach Refinanzierungsangebot der Notenbanken langsamer oder schneller wachsen und so weniger oder mehr Kredit und Geld schaffen. Dann gibt es zweitens die „innovative“ Quelle. Sie funktioniert so, dass durch Verbriefungen, Kreditverkäufe und spezielle Finanzierungsgesellschaften Kredit und Liquidität unabhängig von den Bankbilanzen geschaffen werden. Diese Quelle hat vor der Krise besonders heftig gesprudelt und ist dann plötzlich eingetrocknet, so dass die anderen Quellen einspringen mussten.

Die dritte Quelle ist die Geldschöpfung der Regierungen, die häufig übersehen wird. Wenn Staaten Anleihen ausgeben (und so quasi ihre Bilanz aufblähen), schaffen sie damit ebenfalls Liquidität – auch wenn die nicht in den Definitionen der Geldtheoretiker vorkommen. Aber Staatsanleihen sind sogar für Privatleute jederzeit zu kaufen und verkaufen und werden von der Finanzaufsicht als Liquiditätsreserven der Banken anerkannt. Zu hohe Staatsverschuldung ruiniert daher nicht nur den Haushalt, sondern gießt auch noch Wasser ins Finanzsystem. Diese Quelle ist in der Krise angesprungen und sprudelt immer heftiger.

Die erste der drei Quellen wird also von der Geldpolitik gesteuert, die zweite, wenn überhaupt, durch die Finanzaufsicht und die dritte durch die Regierungen. Was folgt daraus? Erstens: Die Geldpolitik hat die Liquiditätsschwemme vor der Krise nicht allein geschaffen, aber die Finanzaufsicht auch nicht allein, sondern beide zusammen. Zweitens: Wenn wir die Liquidität kontrollieren wollen, um neue Verwerfungen an den Finanzmärkten zu vermeiden, müssen Notenbank, Aufsicht und Regierungen halbwegs aufeinander abgestimmt arbeiten. Und drittens: Der große Irrtum im Boom vor der Krise war zu glauben, Quelle eins und drei seien „böse“, weil staatlich, und Quelle zwei sei automatisch „gut“, weil vom Markt geschaffen.

In Wirklichkeit wirken alle drei Quellen erst einmal wachstumsfördernd. Aber wenn sie im Übermaß sprudeln, sind sie eben auch sehr schädlich, weil sie Blasen und faule Kredite produzieren. Es ist letztlich egal, ob Politiker oder Investmentbanker das Dopingmittel verabreichen. Das sollte man auch im Hinterkopf behalten, wenn Banker betonen, dass ohne ihre Innovationen kein Wachstum zu finanzieren sei: Sie haben recht, aber eben nur zum Teil.

Kommentare (3)

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R.Schmidt

20.01.2010, 14:43 Uhr

Hallo Herr Wiebe,
ein feiner Artikel! Wenn Sie jetzt noch eine Analyse über die Aktivitäten/Stimuli die von diesen 3 Quellen in USA, Gb und EU in den letzten 30 Jahren ausgegangen sind liefern, dann kommen wir der Sache näher. Die Plots dieser Stimuli könnten ziemlich aufschlußreiche Korrelationen zum Wirtschaftsverlauf aufzeigen und Rückschlüsse erlauben; und das wollen wir doch alle; oder ?

Domenq

20.01.2010, 16:56 Uhr

Wichtiges Detail vergessen?
Staatsanleihen sind Anleihen innerhalb des bestehenden Pool an Liquidität.
Neue Liquidität wird nur mit "quantitative easing" geschaffen; dem Ankauf staatlicher Schuldverschreibungen durch die eigene Zentralbank.
Erst hier wird "neues Geld" geschaffen.

K. Meyer

20.01.2010, 18:36 Uhr

ist es bzgl. der Staatanleihen nicht so, dass sie von Privaten gekauft, Geld gegen Anleihe, in bezug auf die Geldmenge neutral sind. Aufblähend wirken sie allerdings, wenn sie von der Notenbank gekauft werden; siehe Fed.

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