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02.02.2011

07:06 Uhr

Wiebes Weitwinkel

Über die Herausforderung, die Märkte gut einzustimmen

VonFrank Wiebe

Damit ein „sanfter Schuldenschnitt“ für angeschlagene Euro-Staaten funktioniert, müssen die Politiker bei den Investoren die richtigen Erwartungen wecken.

Frank Wiebe ist Kolumnist. Quelle: Pablo Castagnola

Frank Wiebe ist Kolumnist.

Immer deutlicher zeichnet sich ab, dass die Europäische Union (EU) Griechenland – und später vielleicht auch anderen Staaten – mit einem „sanften Schuldenschnitt“ helfen will. Es gibt dazu verschiedene Varianten. Alle laufen darauf hinaus, dass die Investoren griechische Staatsanleihen zum gedrückten Marktpreis in andere Papiere umtauschen oder verkaufen können. Der griechische Staat kann so seine Schulden abbauen – um die Differenz zwischen 100 Prozent Nominalwert der getauschten Papiere und ihrem niedrigeren Marktwert. Und der Clou: So verzichten die Investoren freiwillig auf einen Teil ihres Geldes, man erspart sich den Ärger mit einem „harten“, aufgezwungenen Schuldenschnitt.

Bleibt die Frage: Werden die Investoren tatsächlich freiwillig mitspielen? Das hängt sehr davon ab, welche Erwartungen sie haben. Anders gesagt: Damit ein sanfter Schuldenschnitt funktioniert, müssen alle Beteiligten sehr clever mit den Märkten kommunizieren. Und das ist eine große Herausforderung.

Es gilt, zwei Extreme zu vermeiden. Das erste wäre eine Kommunikation nach dem Motto: „Hurra, wir haben eine geniale Möglichkeit gefunden, einen harten Schnitt zu vermeiden.“ Wenn man es so angeht, werden viele Investoren ihre Papiere lieber behalten und darauf hoffen, dass sie am Ende doch zu 100 Prozent ausgezahlt werden. Das zweite Extrem wäre eine klare Ankündigung in der Art von: „Ihr könnt jetzt zu 75 Prozent tauschen. Und wenn ihr das nicht tut, bekommt ihr am Ende bei einem harten Schnitt maximal 70 Prozent heraus.“

Wenn man es so versucht, läuft es direkt auf einen harten Schnitt hinaus: Alle Investoren, die ordentlich bilanzieren, müssten ihre Bestände sofort abschreiben – egal, wo und wie sie verbucht sind. Wer so vorgeht, muss das vorbereiten wie einen harten Schnitt. Das heißt vor allem, Auffanglösungen für Banken zu schaffen, die möglicherweise in die Knie gehen. Und diese Lösungen müssen so glaubwürdig sein, dass die Banken nicht durch einen Run der Kunden gekippt werden. Die Europäische Zentralbank hat kürzlich davor gewarnt, dass so etwas in Irland passieren könnte, wenn eine künftige Regierung die Gläubiger der dortigen Banken beschneidet.

Damit es optimal läuft, bräuchte man also einen mittleren Weg: Keinen großen Knall, aber die Investoren müssen doch so unsicher sein, dass die meisten lieber tauschen; vielleicht unter Druck gesetzt von den nationalen Finanzaufsehern und gleichzeitig unterstützt durch Kapitalhilfen, wenn nötig.

Am Schluss werden freilich ein paar Investoren übrig bleiben, die einfach nicht tauschen. Vielleicht bilden sich sogar Geierfonds, die gezielt darauf spekulieren, dass sie am Ende doch voll ausgezahlt werden. Wenn die EU dann auf einen harten Schnitt für den Rest verzichtet, wird sie aber unglaubwürdig für jeden künftigen „sanften Kapitalschnitt“. Das heißt aber: Der sanfte Schnitt kann einen harten nur zeitlich strecken, nicht ersetzen. Frank Wiebe

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