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12.01.2011

09:22 Uhr

Wiebes Weitwinkel

Über Münchhausen und die Fed als Hedge-Fonds

VonFrank Wiebe

Die Notenbanken manipulieren massiv die Märkte, um die Welt zu retten. Mit etwas Glück gelingt diese Therapie - die freilich nicht ohne Nebenwirkungen bleibt.

Frank Wiebe ist Kolumnist. Quelle: Pablo Castagnola

Frank Wiebe ist Kolumnist.

Es ist schon bizarr. Alle Welt regt sich über die hohen Kosten der Bankenrettung für den Steuerzahler auf, in Europa zittern die Märkte, ob ein angeschlagenes Land wie Portugal noch Geld bekommt - und die US-Notenbank (Fed) gibt für 2010 einen Gewinn von rund 80 Milliarden Dollar bekannt. 80 Milliarden! Das ist ein gewaltiger Brocken, mit dem man noch ein paar Großbanken retten könnte - und fast alles davon bekommt der amerikanische Steuerzahler.

Die Fed erwirtschaftet den Gewinn wie ein cleverer Hedge-Fonds: Sie manipuliert die Märkte, auf denen sie ihren Gewinn erzielt. Die beständigen Ankäufe von Staatsanleihen treiben deren Kurs hoch - und das führt zu den Gewinnen. Die Europäische Zentralbank verfolgt eine andere Politik, aber es gibt Parallelen: Sie stützt die Kurse von Anleihen angeschlagener Euro-Staaten und damit auch den Wert von Papieren in ihrer eigenen Bilanz.

Kann dieses Münchhausen-Prinzip, sich an den eigenen Haaren hochzuziehen, auf Dauer funktionieren? Es ist gefährlich, aber aussichtsreicher, als die Pessimisten glauben. Nach dem pessimistischen Szenario werden so wieder neue Blasen an den Finanz- und bald auch an den Gütermärkten produziert, die unweigerlich platzen und das Finanzsystem erneut aus dem Gleichgewicht bringen - oder in einer starken Inflation münden. Ein - auch politisch - sehr gefährlicher aktueller Trend stützt diese These: die heißlaufenden Rohstoffmärkte.

Nach dem optimistischen Szenario gelingt der Münchhausen-Trick so lange, bis die Realwirtschaft sich wieder gefangen hat. Erste Hoffnungszeichen gibt es dafür ja.

Die tatsächliche Entwicklung dürfte sich zwischen diesen beiden Szenarien bewegen. Wir werden neue Blasen erleben, die aber nicht unbedingt mit einem großen Knall zerplatzen müssen. Es wird in den USA tatsächlich etwas mehr Inflation geben. Aber sie muss nicht gleich aus dem Ruder laufen. Wir werden vielleicht sogar den Bankrott einzelner Staaten erleben - und überleben.

Der Pessimismus beruht zum Teil auf falschen Annahmen. Zum Beispiel auf der, das Notenbankgeld sei, einmal ausgestreut, wie eine Art Umweltgift nicht wieder einzusammeln. Manchmal spielt auch die Vorstellung eine Rolle, die Staaten müssten ihre Schulden "irgendwann alle zurückzahlen", was nicht der Fall ist, sie müssen sie nur refinanzieren. Ich persönlich glaube daher, dass das Münchhausen-Prinzip eine Chance hat.

Man darf nicht übersehen: Im Grunde hat mit dem Druck des ersten Geldscheins eine Scheinwelt begonnen. Dieser moderne Kapitalismus wurde immer wieder nicht nur mit dem Schweiß der Arbeiter, sondern auch mit den Tränen von geschädigten Vermögensbesitzern erkauft. Aber er hat uns auch ungeheuren Wohlstand beschert - trotz aller Krisen der Vergangenheit; es wäre keine Alternative, wieder mit Goldmünzen zu bezahlen.

Kommentare (1)

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Zeitzeuge

12.01.2011, 15:59 Uhr

Entscheidend wird sein, ob und zu welchen Konditionen die USA sich zukünftig refinanzieren können und ob China weiterhin als stillhaltender Hauptgläubiger auftritt. Daneben werden die Steuereinnahmen in den USA selber maßgebend sein, auch abhängig von der Arbeitsmarktentwicklung. Die FED mag diesen oder jenen Gewinn einstreichen und an den US-Staat abführen, aber das reicht nicht einmal, um die Zinsen für die 15 billionen Staatsschulden anteilig zu begleichen. Das Rating der USA mag noch bestens sein, die Märkte werden ihre eigene Einschätzung demnächst finden. in den USA mag es in einzelnen branchen inzwischen wieder bergauf gehen, insgesamt ist das Land aber von einer lähmenden moralischen Krise gekennzeichnet, die in den nächsten vier bis fünf Jahren nicht überwunden werden wird, da kann kein Münchhausen helfen! Die staatliche und private Pro-Kopf-Verschuldung liegt inzwischen wohl höher als 100.000 USD, was einer Rückkehr in normale und erträgliche wirtschaftliche und soziale Verhältnisse massiv im Wege steht. Die Gefahr, daß wichtige steuerzahlenden Unternehmen das Land verlassen, ist nicht zu unterschätzen. Der Preisauftrieb bei gegenständlich-stofflichen Wertanlagen außerhalb der USA muß als warnendes Zeichen gesehen werden und deutet eine zunehmende Abkehr von Staatspapieren an, an deren Ende wieder eine Krise mit Wertvernichtungen in billionenhöhe stehen wird. Dann könnte Münchhausens bart entgültig ab sein!

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