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19.01.2011

10:00 Uhr

Wiebes Weitwinkel

Warum Angela Merkel es niemandem recht machen kann

VonFrank Wiebe

Von allen Seiten hagelt es Kritik an der Bundeskanzlerin. Dabei wird meist übersehen, wie beispiellos komplex die Gemengelage der Probleme ist, die sie lösen soll.

Frank Wiebe ist Kolumnist. Quelle: Pablo Castagnola

Frank Wiebe ist Kolumnist.

Ich habe Angela Merkel nie gewählt. Trotzdem finde ich die Kritik, der sie von allen Seiten wegen ihrer Rolle in der Euro-Krise ausgesetzt ist, zu großen Teilen weit überzogen.

Es gab vor Merkel Bundeskanzler, die historisch größere Leistungen zu vollbringen hatten: Konrad Adenauer die Integration im Westen, Willy Brandt die Versöhnung mit dem Osten, Helmut Kohl die Wiedervereinigung. Aber in diesen Fällen ging es um Politik in Reinkultur – um das, was Politiker gelernt haben und wozu politische Institutionen geschaffen worden sind. Merkel steckt dagegen in einer Gemengelage von Politik und Marktmechanismen, die in dieser Dimension und Komplexität beispiellos ist. Für diese Situation sind die Institutionen nicht geschaffen. Und häufig ist das, was politisch richtig wäre, für die Märkte Gift und umgekehrt; zum Beispiel wenn man davon redet, Investoren bei Staatspleiten bluten zu lassen.

Dabei steht die Bundeskanzlerin von zwei Seiten unter Druck. Da gibt es jene, die ihr vorwerfen, keine gute Europäerin zu sein, weil sie zu zögerlich mit Hilfszusagen sei. Sie übersehen, dass Merkel gewählt worden ist, um deutsche Interessen zu vertreten. Und die laufen zurzeit längst nicht so konform mit den „europäischen“ wie zum Beispiel die griechischen, spanischen oder luxemburgischen. Wer hat je einem sächsischen Ministerpräsidenten vorgeworfen, ein „schlechter Deutscher“ zu sein, wenn er sächsische Interessen vertritt? Außerdem blenden die „Europäer“ aus, dass auch Europa nicht gedient ist, wenn Deutschland sich mit Garantiezusagen weiter aus dem Fenster lehnt, als an den Kapitalmärkten glaubhaft zu vertreten ist.

Auf der anderen Seite gibt es die „deutsche Fraktion“, die vom Stammtisch bis in die deutsche Elite reicht. Sie träumt von der Rückkehr der D-Mark und wirft Merkel im Prinzip vor, die „Südländer“ nicht einfach mit ihren Problemen vor die Wand laufen zu lassen. Diese Leute machen sich nicht klar, welchen politischen und wirtschaftlichen Schaden eine solche Politik – auch für Deutschland – anrichten würde.

Beide Seiten tun mitunter so, als gäbe es ein Patentrezept zur Lösung der Krise – und blenden dabei den Teil der Realität aus, der ihnen nicht passt. Es gibt aber kein Patentrezept. Deswegen kann man der Bundeskanzlerin nicht vorwerfen, dass sie keines hat und sich Schritt für Schritt weitertastet.

Und ganz nebenbei muss man sich vor Augen führen: Merkel hat zurzeit mehr Verantwortung als alle Dax-Vorstände zusammen – mit einem Gehalt, für das manche Topmanager nicht einmal den Wecker stellen würden. Dazu kommt: Ohne eine gewisse Mittelmäßigkeit wird man eben kein Spitzenpolitiker – Genies dienen sich nicht über Kreisparteitage hoch. Was verlangen wir also von einer Politikerin? Und glaubt irgendjemand, nebenbei gefragt, Guido Westerwelle, Sigmar Gabriel oder Cem Özdemir kämen besser mit diesen komplexen Problemen klar als Merkel?

Kommentare (10)

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Ovid

19.01.2011, 11:22 Uhr

Genau das ist das Problem, überall nur Lobbyisten und keine Staatsmänner, die über den Tellerrand hinaus blicken können. Deshalb macht es die Merkel auch nicht so schlecht, erst überlegen, dann entscheiden.
Es wurden aber einige Grüne wie der Dosen- Fuzzy Trittin, der Lautsprecher Roth und die Ossi-Tussi vergessen, die ja berliner bürgermeisterin werden will. Da lobe ich mir die Merkel, da hört man dann und wann wenigstens das sie denkt, während bei allen anderen, bis auf vormals Steinbrück, jeder Satz ein besserwisserisches Zähneklappern ist.

Kräftemangel

19.01.2011, 12:26 Uhr

Herr Wiebke, Sie irren in ihrem Artikel von A-Z.
Nie stand ein Kanzler vor einer schwierigeren Aufgabe wie Merkel. Sie soll nichts geringeres Vollbringen, als unsere soziale Marktwirtschaft, Sozial- und Rentensysteme vor dem Untergang zu bewahren. Sie hat dabei die gesamte Finanzlobby im in- und Ausland, mafiöse Strukturen in den Südländern und die Ratlosigkeit ihrer berater gegen sich. Was und wem nützt es Wasser (Geld) in ein Fass ohne boden (Europa) zu kippen? Dieses Geld versickert in den mafiösen Strukturen und ändern wird sich nichts. Nur ein radikaler Schnitt kann eine Linderung, aber bei weitem keine Heilung bringen. Einen schönen Tag.

Dr. Martin Bartonitz

19.01.2011, 13:10 Uhr

ich denke, dass wir bei einer Komplexität angelangt sind, bei der kaum noch Jemand durchblickt. Entweder fehlen die notwendigen informationen oder es sind so viele da, dass man die goldenen Nuggets darin nicht mehr wahrnehmen kann.
braucht es da nicht vermehrt die kollektive intelligenz vieler? Es gibt ein interessantes buch, das vermehrt für die Nutzung unserer intuition, auch der kollektiven plädiert. Es geht um ein Umdenken im Führen von Organisationen. Lehrt uns nicht der Publikumsjoker bei "Wer wird Millionär", dass er den Expertenjoker deutlich sticht. Da kommt man schon in Nachdenken ...
Jedenfalls könnten unsere Politiker, die ja selbst meist keine Fachexperten sind, sich helfen lassen und müssten dann nicht allein die Entscheidung tragen und dumm dastehen, wenn es doch die falsche war.
Siehe: http://www.saperionblog.com/agiles-geschaftsprozessmanagement-durch-intuitive-improvisation-a-la-scrum/3542/

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