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04.01.2010

13:56 Uhr

Wirtschaftskrise

Zum Entspannen zu früh

VonEdward Hadas (breakingviews.com)

Die Wirtschaft hat das Schlimmste hinter sich gelassen. Und doch gibt es noch viele Themen, über die man sich Sorgen machen muss.

Fangen wir zunächst bei den guten Nachrichten an. Fast überall wächst das Bruttoinlandsprodukt jetzt wieder, während die Arbeitslosenquote in kaum einem Land zunimmt. Die Unternehmer und Verbraucher sind nicht mehr so ängstlich. Der Einbruch im internationalen Handel um 20 Prozent wurde zur Hälfte wieder wettgemacht.

Vielleicht sind die besten Nachrichten in dem zu finden, was ausgeblieben ist. Es gab keinen Staatsbankrott, keine Länder, die ins politische Chaos gezogen wurden, es gab keine bitteren Spaltungen zwischen den Großmächten oder, mit ein paar kleinen Ausnahmen, massive Einbrüche im privaten Verbrauch. Das globale System der Politik, Wirtschaft und Finanzen arbeitet noch.

Und doch wurde wenig getan, um die drei zugrunde liegenden und miteinander verknüpften Themen anzupacken, die die Welt in die Finanzkrise und die Rezession gestürzt haben. Ihr beharrliches Forstbestehen erklärt auch, warum die wirtschaftliche Erholung bis jetzt so frustrierend langsam verlaufen ist. Sie sehen im Gegenteil in ihrer Gesamtheit unlösbarer aus denn je. Und in der Zwischenzeit taucht ein altes Problem - die Arbeitslosigkeit - wieder auf.

Thema Nummer eins ist die finanzielle Fehlfunktion. Auf der Mikro-Ebene wurden einige Fortschritte gemacht.

Die Aufsichtsbehörden nehmen eine aktivere Rolle ein und die Banken bauen Kapitalpuffer auf. Risikomodelle werden einer Prüfung unterzogen. Aber global gesehen hat die Funktionsstörung lediglich eine andere Gestalt angenommen und wird dabei nur noch bedrohlicher.

Der Privatsektor hat sich nicht all seiner exzessiven Schulden entledigt. Und die Regierungen täuschen mittlerweile nicht einmal mehr vor, finanzwirtschaftlich diszipliniert vorzugehen. Besonders Besorgnis erregend sind die sich aufblähenden Schulden der USA, der Heimstatt der Weltreservewährung. Gleichzeitig sind die Leitzinsen zu niedrig, um dazu beizutragen, Kapital zu rationieren. Und die grenzüberschreitenden Bestände an Staatsanleihen steigen weiter.

Zweitens bleibt die weltweite Ordnungspolitik schmerzlich schwach. Ja doch, ein Handelskrieg konnte abgewendet werden. Und die G7 hat als Gesprächsforum für die Spitzenpolitiker, auf die es ankommt, gnädiger Weise der G20 Platz gemacht. Doch keine der Institutionen wie die UNO, der Internationale Währungsfonds, die Weltbank, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich und die Welthandelsorganisation, die dazu beigetragen hatten, dass die internationalen Wirtschaftsbeziehungen in den vergangenen fünfzig Jahren halbwegs freundlich blieben, hatte viel beizusteuern. Ad hoc-Arrangements sind besser als gar keine, aber kompetente und anerkannte globale Institutionen sind Mangelware.

Das Verhalten Chinas nach der Krise legt nahe, dass sich daran wahrscheinlich auch so bald nichts ändern wird. Peking hat vernünftige internationale Forderungen, den Yuan aufzuwerten und sich auf einen ausgeglichenen Handel zuzubewegen, als seinen nationalen Interessen abträglich abgewiesen. Es könnte sein, dass China, als immer noch armes Land und als Neuankömmling im Zirkel der Weltmächte, einfach die Weltanschauung der traditionellen globalen Strippenzieher nicht teilt.

Drittens sieht die Verlagerung der globalen Wirtschaftsmacht weg von den USA chaotischer aus als vor der Krise.

Die Verschiebung sollte sich als positiv erweisen. Ein Land, auf das fünf Prozent der Weltbevölkerung entfallen, kann nicht erwarten, für immer den globalen Handel zu beherrschen. Aber die Verantwortlichen in Washington und an der Wall Street nehmen bisher wenig Rücksicht darauf, den Übergang reibungslos zu gestalten.

Während der guten Jahre hatten die Amerikaner zu viel konsumiert und zu viele Kredite aufgenommen, während sich weder die Regierung noch die Zentralbank um die internationale Rolle des Dollar Sorgen machten. In den schlechten Jahren nahm die Regierung mit Hingabe Mittel auf und jubelte dabei fast, als die Weltwährungsreserven größtenteils abgewertet wurden. Der derzeitige Strategie-Mix kommt fast genau den Vorgaben gleich, die Volkswirte empfehlen würden, wäre das Ziel ausgegeben worden, in ein paar Jahren eine Dollar-Krise hervorzurufen.

Die Rezession erweckte auch ein sehr altes wirtschaftliches Problem wieder zum Leben. Die Arbeitslosigkeit war fast zwei Jahrhunderte lang mit der Bedrohung für den industriellen Wohlstand gleichgesetzt worden. Doch am Anfang der letzten Dekade hatte es den Anschein, als ob durch starkes Wachstum und die richtige Arbeitsgesetzgebung Arbeitsplätze für alle geschaffen werden könnten.

Ein derartiger Optimismus erscheint jetzt übertrieben. Sicher, schnelle Maßnahmen seitens der Regierungen haben dafür gesorgt, dass die offiziellen Arbeitslosenquoten in vielen Ländern nicht in die Höhe geschossen sind. Aber die Arbeitsplätze zu vieler Erwerbstätiger hängen jetzt von den Geldern der Regierungen ab, die sich die Subventionen, die sie gewähren, nicht wirklich leisten können. Und dort, wo die tatsächliche Arbeitslosigkeit hoch ist - vor allem in den USA und in Spanien -, ist die offensichtliche Lösung, die Arbeitslosenunterstützung und die Löhne zu senken, politisch schwer zu verdauen.

Finanzielle Fehlfunktion, die globale Ordnungspolitik, eine epochale Machtverschiebung und jetzt noch die zurückkehrende Bedrohung durch die Arbeitslosigkeit - das ergibt eine beachtliche Liste. Diese Themen werden vielleicht im Jahr 2010 nicht die Schlagzeilen bestimmen. Aber sie werden auch nicht für immer fern bleiben.

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