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23.03.2012

11:31 Uhr

Zschaber zündelt

Inflation ist (vorerst) kein Thema

VonMarkus Zschaber

Der ehemalige EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark warnt im Handelsblatt-Interview vor Inflation. Doch die Gefahr einer Liquiditätsfalle ist viel größer. Warum uns eher eine Deflation droht.

Markus C.Zschaber – Zschaber zündelt. Er ist Geschäftsführer der gleichnamigen Vermögensverwaltung in Köln

Markus C.Zschaber – Zschaber zündelt. Er ist Geschäftsführer der gleichnamigen Vermögensverwaltung in Köln

Die Weltwirtschaftskrise 2008 / 2009 hatte viele Auslöser und auch viele Folgen. Vorausgegangen war der Krise eine Niedrigzinspolitik der US-Notenbank. Dieses billige Geld führte zu einer Immobilienblase, die im Zuge der sich zuspitzenden Finanzkrise platzte.

Als Reaktion erhöhten die Notenbanken die Geldmengen wie noch nie in der Geschichte. Die Regierungen legten riesige Konjunkturprogramme auf, um den gesamtwirtschaftlichen Folgen entgegenzuwirken. Das trieb die Staatsverschuldung allerdings überproportional in die Höhe. Heute in einer Zeit, in der die Verschuldung immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit kommt und das Thema Sparen die öffentliche Debatte dominiert, wird die Politik gezwungen, nach „Sparmöglichkeiten“ zu suchen.

Wenn ich mir allerdings die jüngsten Maßnahmen der EZB und anderer Notenbanken vor Augen halte, sieht hier der „Schlachtplan“ anders aus. Das Liquiditätsfluten gilt als die neue etablierte Strategie in der Geldpolitik und zwar auf beiden Seiten des Atlantik.

Das Problem hierbei ist, dass die Lehrbücher folgende Grundthesen vermitteln: Druckt die Zentralbank zu viel Geld, droht Inflation. Und wenn sich der Staat zu sehr verschuldet, wird die Wirtschaft leiden. In normalen Konjunkturzyklen gilt diese Annahme mit Sicherheit als richtungweisend. An dieser Stelle möchte ich aber ausdrücklich betonen, dass die Struktur der jüngsten Wirtschaftskrise und deren Wirkungskette keineswegs dem normalen Zyklus entsprechen. Die Frage, die sich also stellt: Ist das oft andiskutierte Inflationsgespenst real?

Ich sehe aktuell eher die Gefahr einer sogenannten Liquiditätsfalle. Das würde bedeuten, dass nicht die Inflation das Thema der Zukunft sein wird, sondern eher die Deflation – also fallende Preise. Zwar sorgt die Geldflut der Notenbanken derzeit dafür, dass Rohstoffpreise liquiditätsgetrieben ansteigen, was wiederum Produktionsprozesse und Güterpreise sowie den allgemeinen Konsum verteuert, allerdings erachte ich dies aus heutiger Sichtweise nicht als nachhaltig. Vor allem da nur extreme Rohstoffpreissteigerungen in kürzeren Zeiträumen wirklich einen konkreten Einfluss auf die allgemeinen Güterpreise nehmen, bzw. wirtschaftlich direkt schädlich wirken. Die Kapazitäten der Industrie sind eng, dass ist sicherlich für Deutschland richtig, allerdings sehe ich noch keinen ansteigenden gesamtwirtschaftlichen Preiseffekt dadurch entstehen.

Kommentare (10)

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matze

23.03.2012, 12:07 Uhr

ein ausgewogener artikel - gut. allerdings denke ich, dass herr starks argument einer bereits vorhandenen vermögenspreisinflation nicht ausreichend gewichtet ist. ob sich die liquidität in eine allgemeine inflation niederschlägt und wie genau - kann ja heute leider kein mensch genau sagen, da das finanzsystem heute wesentlich vielfältiger strukturiert ist als zur zeit anfang und ende der 1920 jahre. aber die geschichte zeigt, dass ein anwachsen der geldmengen immer in inflation resultierte.

Account gelöscht!

23.03.2012, 12:51 Uhr

"Das würde bedeuten, dass nicht die Inflation das Thema der Zukunft sein wird, sondern eher die Deflation – also fallende Preise."

Der Auto begeht den Fehler, die modernen Formen der Inflation zu ignorieren und allein auf die "Brotpreise" abzustellen. Aufgeblasene Bankbilanzen, Finanz- und Derivatemärkte, Asset- und Konsumblasen sind wie der Name Inflation (on lat.: „das Sich-Aufblasen; das Aufschwellen“). Das ist keine Spitzfindigkeit sondern hochgradig relevant, denn dem Normalbürger ist es egal, ob ein Brot das Doppelte kostet oder er die Hälfte seines Einkommens über Steuererhöhungen für z.B. Banken-/Finanzsystemstabilisierung aufwenden muss.

Auch eine aufgeblasene, also wenig geerdete/real fundierte Güterproduktion (Konjunkturprogramme->Konsumblasen) stellt mit ihrer hochgradigen Launen- und Stimmungsabhängigkeit und daraus folgender Volatilität der Realwirtschaft eine wachsende Gefahr dar. Hier drohen Kapitalfehlallokationen und im Folge Konkurse, die Arbeitsplätze, Einkommen und Ersparnisse vernichten und unterm Strich dieselben Folgen hat wie die "klassische Inflation". Sicher ist es nicht einfach im Vorfeld "organisches", nachhaltiges Wachstum sofort zu erkennen. Umso leichter ist es aber krankhaftes Aufblasen/Inflationieren zu identifizieren.

Wolf54321

23.03.2012, 13:20 Uhr

Hach - endlich nennt mal jemand die in diesem Zusammenhang wichtigste Schlüsselgrösse:

U M L A U F G E S C H W I N D I G K E I T

Sorry, dass ich das so deutlich schreibe, aber dieses Wort habe ich bisher in ALLEN Beiträgen, Diskussionen und Kommentaren zum Thema Gelddrucken und Inflation vermisst. Das lässt den Schluss zu, dass die Diskutanten diese Grösse entweder für unwichtig halten, oder, noch schlimmer, gar nicht kennen.

Was passiert, wenn sich die Menge des gedruckten Geldes verdoppelt, aber die Umlaufgeschwindigkeit halbiert? Richtig, gar nichts. Aktuelles Beispiel: Japan. Diese Verhältnisse haben wir nun auch in Europa. Ausserdem sind die Zentralbanken jederzeit in der Lage, Liquidität wieder abzuschöpfen, z.B. durch den Verkauf jüngst erworbener Anleihen oder ihrer sinnfreien Goldbestände.


Für Kommentare wie "Bla, bla, bla....kann man zu diesem Elitengeschwätz da nur sagen." muss man sich ja schon fremdschämen. Ganz grosses Kino.

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