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07.01.2009

13:06 Uhr

Zum Tode des Unternehmers

Merckle und die schwersten Lasten der Krise

VonJohn Foley, breakingviews.com

Adolf Merckle ist nicht der Erste, der sich mitten in den finanziellen Turbulenzen das Leben nimmt, aber er ist der Prominenteste. Die Krise hat für viele eine plötzliche Schicksalswende mit sich gebracht. Darüber hinaus stehen manche jetzt da, als wären sie der Torheit zum Opfer gefallen – und das kann besonders schwer zu ertragen sein.

Adolf Merckle, deutscher Unternehmer, starb im Alter von 74 Jahren. Foto: dpa Quelle: dpa

Adolf Merckle, deutscher Unternehmer, starb im Alter von 74 Jahren. Foto: dpa

Die Finanzkrise hat mit dem Selbstmord des Unternehmers Adolf Merckle einen düsteren entscheidenden Moment erreicht. Der Patriarch einer Familie, zu deren Vermögenswerten ein Mehrheitsanteil an der Heidelberg Cement zählt, hat am Montag seinem Leben mit einer Tat ein Ende gesetzt, die seine Familie auf "die durch die Finanzkrise verursachte wirtschaftliche Notlage seiner Firmen" zurückführt. Merckle ist nicht der Erste, der sich inmitten der Marktturbulenzen das Leben nimmt. Aber seine Tragödie zeigt, wie schnell sich im vergangenen Jahr so manches Schicksal gewendet hat. Und sie zeigt vielleicht auch, dass dies besonders schwer zu ertragen ist, wenn es so aussieht, als wäre man der Torheit zum Opfer gefallen.

Merckles Situation erinnert an das Schicksal, dem sich der Chief Operating Officer von Olivant, Kirk Stephenson, und Thierry Magon de la Villehuchet von Access Partners, ausgeliefert sahen, die beide im vergangenen Jahr Selbstmord begingen. Alle drei waren mit umfangreichen, schnell einsetzenden finanziellen Verlusten konfrontiert. Alle drei wurden von Kräften erfasst, die vielleicht schwer zu akzeptieren waren. Merckle war ein ehemals konservativer Industrieller, der von den Renditen verführt wurde, die durch die Hebelkraft ermöglicht werden, die in guten Zeiten durch den Einsatz von Fremdkapital entsteht. Da er nun nicht mehr in der Lage war, Kredite zu refinanzieren, die er aufgenommen hatte, um Handelsverluste abzudecken - darunter geschätzte 400 Mill. Euro aus Leerverkäufen von VW-Aktien - sah er sich einem von der Öffentlichkeit genauestens verfolgten Liquiditätsengpass ausgesetzt.

Trotz solch prominenter Fälle ist es nicht erwiesen, dass Marktzusammenbrüche vermehrt zu Selbstmorden führen. Durch den Börsencrash von 1929 erhöhte sich die Anzahl der Suizide in den USA zwar, aber nur geringfügig - und im Zusammenhang mit einem vorangegangenen fünfjährigen Anstieg. JK Galbraith hat in seiner Untersuchung dieses historischen Zeitraums auf den Trugschluss des "Selbstmordmythos" hingewiesen. Allerdings legen Studien nahe, dass die Zahl der Selbstmorde tatsächlich steigt, wenn die Wirtschaftslage im Allgemeinen schwierig ist und besonders dann, wenn die Arbeitslosigkeit zunimmt. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass sich psychische Probleme im Zusammenhang mit großem Stress und das Gefühl, in einer sozial prekären Lage zu sein, in wirtschaftlich schweren Zeiten verschärfen.

Da sich jetzt eine wirtschaftliche Depression zusammenbraut, sollten sich die Regierungen auch Gedanken über eine Zunahme der psychischen Depressionen machen. Die britische Wohlfahrtsorganisation Rethink, die sich psychischen Erkrankungen widmet, hat jüngst Zwangsenteignungen von Eigenheimen als den Faktor angeführt, der nach Einschätzung von Befragten am wahrscheinlichsten mentale Störungen auslöst. Tragische Todesfälle wie der des Unternehmers Merckle sollten als Warnsignal dienen, dass eine lang anhaltende Flaute dieses Mal besonders intensiv nachwirken könnte. Es hat schon immer zum Spiel auf den Finanzmärkten gehört, dass die Investoren alles verlieren können, was sie besitzen. In einer von Fremdkapital und seiner Hebelwirkung geprägten Welt wird das Ausmaß dieser Verluste allerdings dramatisch vervielfacht.

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