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24.05.2017

07:09 Uhr

Abgas-Manipulationsskandal

Deutschlands Autoindustrie am Abgrund

VonDieter Fockenbrock

Durchsuchungen bei Daimler, Durchhalteparolen beim Lobbyverband: Der Diesel wird den deutschen Autobauern zum Verhängnis. Nun müssen die Konzerne sich fragen, welche Zukunft die Motortechnologie noch hat. Ein Kommentar.

Daimler, VW und Co.

So sehr schadet der Abgasskandal der deutschen Autobranche

Daimler, VW und Co.: So sehr schadet der Abgasskandal der deutschen Autobranche

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Matthias Wissmann spricht nicht nur offiziell für die Branche. Der Präsident des Verbandes der Automobilindustrie denkt auch, was die Branche denkt. Sollte er zumindest. Aber nach den jüngsten Äußerungen des ehemaligen Bundesverkehrsministers zum Thema Diesel fragt man sich, was den Cheflobbyisten dazu bewegt, in diesen Tagen derartige Durchhalteparolen auszugeben: „Wenn wir die CO2-Emissionen senken wollen, ist dafür der moderne Diesel unverzichtbar.“ Anders formuliert: Wir, die deutsche Autoindustrie, bauen weiter Dieselmotoren, komme was da wolle. Ob die angeschlossenen Automobilkonzerne auch so denken? Es steht zu befürchten.

Bedenkt man dann noch die Worte des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, der just eine Kaufprämie für die neue Dieseltechnologie nach der Euro-Norm 6 ins Spiel gebracht hat, so könnte man meinen, die Welt sei trotz des Abgas-Manipulationsskandals in Ordnung. Da können die Staatsanwälte bei VW, Audi und Daimler noch so viel recherchieren, Städte Fahrverbote planen und die Amerikaner und Chinesen Elektroautos entwickeln. Die Geschichte wird zeigen, dass es ohne den Diesel nicht geht. Made in Germany versteht sich.

Die meistgebauten Autos der Welt 2016

Platz 5

Platz fünf geht an den achtsizigen Kompakt-Van Wuling Hongguang aus China, der mit 847.000 produzierten Fahrzeugen im Jahr 2016 auch das meistgebaute Auto Asiens war.

Platz 4

Der koreanische Hersteller Hyundai fertige von Elantra im Jahr 2016 nicht weniger als 875.000 Einheiten. In Deutschland kennt man ihn kaum noch, da er hier bereits ab 2006 durch den i30 im Modellprogramm ersetzt wurde.

Platz 3

Es gibt sie noch, die Statistiken, in denen der VW Golf nicht auf Platz 1 steht. in 2016 gebaute 970.000 Einheiten reichen im globalen Vergleich nur für Bronze. Immerhin: Der Golf war meistgebautes Auto in Europa. In Wolfsburg liefen 2016 rund 650.000 Modelle vom Band. Die restlichen 320.000 Einheiten der Jahresproduktion wurden vor allem in China und Mexiko gefertigt.

Platz 2

Auf Rang zwei der weltweit meistgebauten Autos landet 2016 mit dem Toyota Corolla ein ganz klassischer Pkw. Mit 985.000 Einheiten lässt die Limousine die Kompaktklassen-Wettbewerber VW Golf (970.000 Einheiten) und Hyundai Elantra (875.000 Einheiten) hinter sich.

Platz 1

Der Sieger ist ein Pick-up: Die Ford F-Reihe war 2016 das meistgebaute Auto der Welt. Insgesamt verließen 1,012 Millionen Einheiten die Fließbänder im amerikanischen Dearborn, wie der Informationsdienstleister Inovev meldet. Der Pick-up ist seit 1978 das meistverkaufte Auto der USA, seit 1983 trägt er auch den Titel des meistverkauften Autos weltweit.

Lassen wir einmal die Frage außen vor, welchen Zweck die Staatsanwaltschaft mit ihrem massiven Auftritt erst bei Audi und jetzt bei Daimler verfolgt. Lassen wir auch unbeachtet, zu welchen Ergebnissen diese Ermittlungen führen werden. Das publikumswirksame Kräftemessen der Justiz mit der Industrie führt ohnehin am Thema vorbei. Staatsanwälte und Richter machen Vergangenheitsbewältigung. Daimler & Co. aber müssen in die Zukunft schauen. Natürlich soll aufgearbeitet werden, ob und in welchem Maße manipuliert worden ist. Viel wichtiger aber ist die Frage, welche Zukunft hat eigentlich der Diesel?

Razzien überschatten Konzern

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Nach Ansicht aller Beteiligten offenbar eine ganz große. Wie sonst wäre es zu erklären, dass eine der führenden Autobau-Nationen dieser Welt, und dazu zählt Deutschland zweifellos, im Jahre 2017 ihr Schicksal so einseitig an eine einzige Motorentechnologie knüpft. Bei mehreren Herstellern verlassen 70 Prozent aller Fahrzeuge die Produktionshallen mit Dieselmotoren - als gäbe es keine Alternative.

Die Industrie versucht offenbar den Durchmarsch. Andere wie die Energiewirtschaft haben das auch schon probiert. Das Ergebnis ist bekannt. Wenn BMW, Daimler und VW sich jetzt weiter an den Diesel klammern, droht ihnen dasselbe Schicksal wie der Energiebranche, die zu lange an ihren konventionellen Kraftwerken festgehalten hat. Die Stimmung hat sich längst gedreht. Das scheint bislang an den Automanagern vorbei gegangen zu sein – und an Horst Seeehofer.

Kommentare (35)

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Herr Holger Narrog

24.05.2017, 08:21 Uhr

Die Kommunikationsstrategie der Autoindustrie sich bei den grünen Kommunisten anzubiedern ist nicht aufgegangen.

Grüne NGO mit Geschäftsmodellen analog bekannter, süditalienischer Organisationen** hatten mit Hilfe unseriöser Studien* denen gemäss 100.000ende Menschen an Stickoxiden, oder Feinstaub sterben bei der EU und der EPA unter Obama Grenzwerte für die Abgase von Dieselmotoren durchgesetzt die nicht realistisch einzuhalten sind. Ich nehme an, die grünen NGO hatten "Fördermitgliedschaften" und andere Zuwendungen der Autoindustrie im Sinn.

Die Autohersteller wollten wohl nicht den Spielverderber spielen und taten so als ob sie diese einhalten können. Allerdings war es offensichtlich das dies nicht in allen Betriebszuständen möglich ist.

Sinnvoller wäre es gewesen wenn die Autoindustrie offen kommuniziert hätte und den Konflikt mit den NGO ausgetragen hätte.




* Viele chemische Schadstoffe sind unzureichend erforscht. Um Phantasiezahlen zu erreichen werden Studien herangezogen bei denen z.B. Ratten einer sehr hohen Dosen eines Stoffes ausgesetzt werden. Falls Wirkungen beobachtet werden, werden diese dann gem. eines LNT Ansatzes so heruntergerechnet das die gewünschten Zahlen erreicht werden.
** Beispielsweise hatte eine grüne NGO ihre Berufsdemonstranten vor das Tor eines meiner ehemaligen Arbeitgebers geschickt. Die 30 Personen wurden vom Deutschen Staatsfernsehen so gefilmt dass die Menge gross wirkte. In den Folgetagen hatte diese NGO vorgeschlagen man könne doch eine Studie bei einem befreundeten Institut in Auftrag geben.

Rainer von Horn

24.05.2017, 08:24 Uhr

Ich sehe das ganz ähnlich, wie der Autor. Die deutschen Autobauer sollten sich alleine schon zur Risikodiversifikation verstärkt alternativen Antrieben zuwenden. ansonsten gehen sie -zumindest beim Inlandsabsatz in Europa- den Weg der Versorger. Man sollte den politischen Willen zur Umstellung nicht unterschätzen.
Allerdings: im Gegensatz zu den Versorgern, sind die Konzerne ja weltweit aktiv. Und: wer aus der Mittel- oder Unterschicht hat denn mal eben so 80.000 Euro übrig für einen 5er Hybrid? Um dann politisch korrekt gerade mal um die 30 Kilometer rein elektrisch zu fahren......

Ich habe azudem erhebliche Zweifel an der Umweltbilanz, insbesondere bei den Batterieautos. Die Zukunft wird m.E. mit hoher Wahrscheinlichkeit so aussehen, daß wir aus den bekannten Quellen aus Kolumbien, Venezuela und Co. Steinkohle importieren, diese verstromen, um damit E-Mobile und Brennstoffzellenautos anzutreiben. Unsere Politik wird das als tollen umweltpolitischen Erfolg verkaufen. Aber ob das dann klimafreundlich ist?

Herr Michael Berger

24.05.2017, 08:47 Uhr

Herr Horn, das Problem unserer Automobilhersteller ist nicht das Inland. Hier sind die Absätze durch staatliche Subventionen nachhaltig gesichert und werden weiterhin in den Dieselantrieb gehen. Der Verkauf an Privatkunden ist in Deutschland nebensächlich und der Rückgang von Dieselantrieben verkraftbar.

Das Problem für unsere Hersteller ist die Nachfrage in Fernost und in den USA. Die Großstädte wollen die Dreckschleudern nicht mehr haben. Sie sind laut und stinken. Hier sind Diesel in ein paar Jahren nicht mehr verkäuflich; egal wie unsere Politik bisher interveniert.

Das kann man aussitzen oder wie von Ihnen vorgeschlagen eine Risikodiversifikation vornehmen.

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