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24.10.2012

13:34 Uhr

Absatzkrise

Autoindustrie - nach dem Doping folgt der Kater

VonOliver Stock

VW, Ford, Peugeot: Autobauer haben in Europa derzeit nichts zu lachen. Die Unternehmen haben es nicht besser gemacht als Lance Armstrong. Sie haben auf Doping statt auf einen sauberen Gewinn gesetzt. Ein Kommentar.

Doping kann ganze Existenzen vernichten. Lance Armstrong, die Rad-Legende, weiß, wovon die Rede ist. Aber Doping gibt es nicht nur im Sport. Auch die Industrie kennt das süße Gift, das die Leistung steigert. Und genauso wie Armstrong feiern Unternehmen ihre Doping-Siege - wohlahnend, dass sie anschließend einen Kater überstehen müssen, der umso heftiger ausfällt, je mehr Dope sie sich verabreicht haben. Beispiel gefällig? Dann gucken Sie sich an einem Tag wie heute die Autoindustrie an.

Oliver Stock, Chefredakteur Handelsblatt Online Pablo Castagnola

Oliver Stock, Chefredakteur Handelsblatt Online

VW hat heute gesagt, wie es im dritten Quartal so lief. Unterm Strich kam heraus: Schlechter als im Vorjahr. Interessant für Doping-Kontrolleure sind die Details. Volkswagen hält an der Prognose fest, wonach Umsatz und Absatz im laufenden Jahr zulegen sollen. Der Betriebsgewinn dagegen soll stagnieren und wie im Vorjahr 11,3 Milliarden Euro erreichen. Steigende Umsätze bei gleichbleibendem Gewinn nährt den Verdacht, dass VW durchaus gewillt ist, sich auf eine Rabattschlacht einzulassen. Rabatte aber sind Doping. Der Fahrzeughersteller bekommt so zwar seine Autos vom Hof, aber er ruiniert die Marge. Kunden gewöhnen sich schnell an die Rabatte. Sie wieder abzuschaffen, ist auf jeden Fall ein härteres Stück Arbeit, als sie einzuführen.

Mit den Folgen des Dopings kämpft auch der angeschlagene französische Autobauer Peugeot. Und das nicht erst seit heute. Aber heute fiel die Entscheidung, dass er dazu Staatshilfen braucht. Frankreich werde mit bis zu sieben Milliarden Euro für die Emission von Anleihen der Peugeot-Finanztochter PSA Finance garantieren, teilte der Konzern mit den Marken Peugeot und Citroën in Paris mit. Ein Bankenpool sei darüber hinaus gebeten worden, 11,5 Milliarden Euro an Liquidität zur Verfügung zu stellen.

PSA wies darauf hin, dass die Bank, die unter anderem Autokäufe finanziert und das Leasing-Geschäft abwickelt, derzeit profitabel arbeitet. Allerdings hat sie durch die schwierige Lage des Konzerns Probleme bei der Refinanzierung. Dahinter steckt folgender Mechanismus: Autokonzerne haben sich einst eigene Banken zugelegt, deren Kerngeschäft es war, Autokäufern für die Finanzierung der Fahrzeuge ein unschlagbares Angebot zu machen. Nach dieser Logik passierte, was passieren musste: Je holpriger der Absatz der Autos, umso besser musste das Angebot der Bank werden. Statt eines guten Autos, gab es eben einen guten Kredit. „Null-Prozent-Finanzierung“ lauten die Slogans, die uns dazu im Ohr klingen. Dass eine Bank, die so etwas anbietet, irgendwann Staatshilfe braucht, liegt auf der Hand.

Auf Dope war einst auch der Autohersteller Ford in Europa. Wie kaum ein anderes Unternehmen profitierte die europäische Abteilung von Abwrackprämien, die fast jedes Land auf dem Höhepunkt der Finanzkrise auflegte. Die preiswerten Modelle von Ford gingen weg wie geschnitten Brot. Diese Zeit jedoch ist mehr als um. Heute teilt der Konzern mit, dass er die “Arbeitnehmervertreter konsultieren will" mit dem Ziel, sein Werk im belgischen Genk möglicherweise 2014 zu schließen. 4300 Menschen müssen bangen. Wird dieser Plan umgesetzt, so würde Ford mehrere Fahrzeugmodelle an anderen Standorten produzieren, um die europäischen Produktionsstätten besser auszulasten. Die nächste Generation von Mondeo, S-MAX und Galaxy könnte aus Valencia kommen. Das ist schön für Spanien, aber bitter für Belgien. Belgien wäre dann das späte Opfer eines Dopingmittels namens Abwrackprämie.

Vor diesem Hintergrund klingt es sehr nach Armstrong und Co., wenn die Autoindustrie in Sachen Elektromobilität schon wieder auf Subventionen setzt. Subventionen sind wie das erlaubte Dopingmittel Koffein: Sie machen munter, aber zu viel ist schädlich. Besser ist ein Gewinn, der ohne verborgene Hilfen zustande kommt. Das gilt im Sport wie in der Industrie.

Ford-Werk in Belgien vor dem Aus

Video: Ford-Werk in Belgien vor dem Aus

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Kommentare (9)

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Genial

24.10.2012, 14:00 Uhr

Ich hätte ne Idee; wir überweisen jeden Griechen und Spanier 100.000,00 EUR; dann können wieder Autos kaufen und wir haben alle was zu tun und können uns freuen: Exportweltmeister, Riesige Gewinne der Firmen....

Account gelöscht!

24.10.2012, 14:10 Uhr

Da hätte ich von Herrn Stock doch etwas mehr betriebswirtschaftliche Kenntnisse erwartet. Die Probleme der Autoindustrie auf die Formel "Produktion runter=gut, Rabatte=schlecht"zu reduzieren, ist doch da etwas zu einfach. Auch bei den Automobilunternehmen gibt es wohl Finazabteilungen, in denen ausgerechnet werden kann, welche Reaktion auf eine bestimmte Marksituation die wirtschaftlichste ist. Und das mag in vielen Fällen ein Rabatt sein, in anderen Fällen das Schliessen einer Fabrik. Deshalb war das Verhalten in der Vergangenheit noch lange nicht unangebracht. Ein Vergleich mit Doping geht da völlig fehl. Die Unternehmen machen heute immer noch das, was schon in Rom empfohlen wurde: Was immer du tust, tue es mit Bedacht und bedenke das Ende. Arbeiter ohne Arbeit sind meist teuerer, als Rabatte, wobei beides gegen die Marge geht. Aber die hat halt auch eine Volumensdimension. Was nutzt eine hohe Marge, wenn kein Volumen da ist.

Account gelöscht!

24.10.2012, 14:47 Uhr

Das Doping "Rabatt" ist wohl meist ein unheilvolles, da der Wert einer Marke hierdurch verwässert wird.
Kaufpreise ohne Rabatte, erlauben eine hohe Preisstabilität und hohe Preis für Altfahrzeuge (Beispiel Porsche).

Das Kernproblem liegt wohl eher an den Überkapazitäten der Fabriken.
Irgendein Hersteller wird wohl einen Teil der Produktion reduzieren müssen, die dann durchgehalten haben werden wohl profitieren.
Aber so ist es dann. Wenn aber der Staat in Frankreich sich einmischt, kommt der deutsche Staat und dann der italienische der spanische der amerikanische der japanische der chinesische .... und das Elend wird verlängert.

Ein weiteres Problem sind die hohen Fahrzeugkosten, die eben nicht durch die Spritpreise stark steigen sondern durch die hohen Abschreibungen sprich Wertverluste der Fahrzeuge. Da fallen mal schnell 60% in 4 Jahren an. Bei einem 50.000 € PKW sind das mal eben über € 600,- im Monat zzgl. Versicherung, Steuer, Sprit, Verschleiß, Werkstattkosten etc.

Wer schlau ist wird den Neukauf seines neuen PKW in das kommende oder übernächste Jahr verschieben, um noch bessere Rabatte zu erhalten.

Aber kaufen werden nur Kunden (Privat oder geschäftlich), die einen positiven Ausblick in die Zukunft haben.

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