Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

25.01.2007

05:12 Uhr

Alterssicherung

Apocalypse now

VonKarl Doemens

Die Propheten des Untergangs haben in diesen Tagen Hochkonjunktur. Zur besten Sendezeit vegetieren im Fernsehen die Alten bei 560 Euro Einheitsrente vor sich hin oder werden gleich mit einem Euthanasieprogramm entsorgt.

„Renten-Wut! So haben die Politiker versagt!“ titelt ein Massenblatt in riesigen Lettern. „Immer mehr Deutsche haben Angst vor Altersarmut“, warnt die Postbank in einer neuen Studie. Auch in den Betrieben wächst die Unruhe. Vor den Werkstoren demonstrieren Tausende Beschäftigte. „Die Rente mit 67 ist ein Rentenkürzungsprogramm“, wettert IG-Metall-Boss Jürgen Peters. Den Älteren drohe „der Verlust von Gesundheit, Arbeitsplatz und Rentenansprüchen“, schürt der nordrhein-westfälische Bezirksleiter Detlef Wetzel die Panik. Ein „reines Abkassiermodell bei den Älteren“, prangert der Sozialverband VdK an. Auf den ersten Blick haben die finsteren Visionen eine gemeinsame Ursache: das gesetzliche Rentensystem. Seine mangelnde Zukunftstauglichkeit, seine Reformresistenz und seine Ungerechtigkeit drohten die Deutschen in den Abgrund zu stürzen, wollen die Apokalyptiker glauben machen. Schuld seien die unfähigen Politiker, Opfer „die Alten und die Jungen“ gleichermaßen, behauptet „Bild“. Ein Drittel der Deutschen habe kein Vertrauen mehr in die Stabilität der Rente, berichtet die Postbank. Angesichts dieser medialen Panikmache fragt man sich, warum es nicht hundert Prozent sind.

Nun wäre gegen ein breites gesellschaftliches Problembewusstsein bei der Altersvorsorge nichts einzuwenden. Im Gegenteil:Ein realistischer Blick auf Möglichkeiten und Grenzen der gesetzlichen Versicherung ist dringend geboten. Doch mit Aufklärung hat die Debatte nichts zu tun. Sie ist heuchlerisch, widersprüchlich und destruktiv. In ihren Untergangsszenarien treffen sich nämlich Radikal-Modernisierer, die das System ganz abschaffen möchten, und Sozial-Traditionalisten, die den Restbestand an Wohltaten für ihre Klientel sichern wollen. „Eines ist total unsicher: die Rente!“ warnen die einen. „Deshalb wollen wir dafür nicht auch noch länger arbeiten!“ antworten die anderen. Die Materie ist kompliziert. Und so schafft es bisweilen dieselbe Institution, das Rentensystem mal von der einen, mal von der anderen Seite zu attackieren. Ein Beispiel dafür liefert die FDP, die stets tiefe Einschnitte im sozialen Netz verlangt, aber Front gegen die Rente mit 67 macht. Boulevardzeitungen prangern die vermeintlich ungerechten „Nullrunden“ für Rentner an und nennen morgen die Rentenerhöhungen der Vergangenheit „Todsünde“. Auch die Arbeitgeber widersprechen sich. Offiziell möchte ihre Lobby die Altersgrenze am liebsten auf 70 anheben. In der Praxis kämpft sie für eine Verlängerung des Vorruhestands.

Was sich bei der Bevölkerung festsetzt, ist der diffuse Eindruck eines maroden Systems, an dem ohnehin nichts mehr zu retten ist. Doch das ist falsch. Zwar stimmt es, dass die Politik über Jahrzehnte versäumt hat, in der Rentenpolitik umzusteuern. Doch mit vielen Einschnitten hat sie dies seit zehn Jahren nachgeholt. „Gesetzliche Rentenversicherung: Reformerfordernisse weitgehend erfüllt“, urteilt der Sachverständigenrat. Und auch der kritische Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen bestätigt, bei der Rentenversicherung sei „das Nötige gemacht“. Wer nüchtern bilanziert, muss feststellen, dass die demographische Stabilisierung des Rentensystems im Unterschied zur Pflege- und Krankenversicherung, wo die Politik bislang komplett versagt, relativ weit gediehen ist. Freilich auf einem deutlich niedrigeren Niveau: Die durchschnittliche Rente wird 2030 ein Fünftel weniger wert sein als heute. Bei vielen Menschen dürften dann die gesetzlichen Bezüge kaum über dem Sozialhilfeniveau liegen. Zusätzliche Vorsorge ist also dringend geboten. Aber kollabieren wird das System auf Grund der Alterung nicht. Ein Baustein freilich fehlt noch für die Stabilisierung der Beitragssätze:die Anhebung des Rentenalters. Ebendiesen höchst unpopulären Schritt will die große Koalition nun tun. Es ist einigermaßen bizarr, dass sich ausgerechnet dann, wenn die Politik tatsächlich einmal lange verdrängte Probleme anpackt, in der Bevölkerung Weltuntergangsstimmung breit macht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×