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13.01.2005

19:44 Uhr

Vor gut drei Jahren hatte Argentinien den größten Zahlungsausfall der Geschichte gemeldet. Mit der ab heute beginnenden Umschuldung sollen die privaten Gläubiger dem Land nun auch noch den größten Forderungsverzicht aller Zeiten gewähren – einen Erlass von etwa 70 Prozent der auf immerhin 104 Milliarden Dollar aufgelaufenen Schulden.

Die Regierung in Buenos Aires strotzt geradezu vor Selbstbewusstsein, von reumütigem Schuldner, der um Wiederaufnahme in das internationale Finanzsystem bittet, keine Spur. Allerdings hat Argentinien – oberflächlich betrachtet – wenig gemein mit anderen säumigen Schuldnerländern wie etwa Peru Anfang der 90er-Jahre. Der dortige Präsident Alan Garcia hatte sich 1985 geweigert, mehr als zehn Prozent der Exporteinnahmen seines Landes für den Schuldendienst aufzuwenden. Die multilateralen Finanzinstitutionen stoppten ihre Programme, selbst Exportkredite versiegten. Die Folge: Peru fiel in eine tiefe Wirtschaftskrise.

Argentinien dagegen zählte in den letzten zwei Jahren zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften weltweit. Die Devisenkasse der Zentralbank ist prall gefüllt, es werden wieder ausländische Direktinvestitionen angelockt.

Aus dieser Position der Stärke heraus kann es sich Argentinien leisten, seine Gläubiger schlicht zu erpressen. Die Botschaft lautet deshalb: „Nehmt, was wir bieten, oder es gibt überhaupt nichts.“

Es stellt sich nun die Frage, ob das Beispiel Argentinien andere hoch verschuldete Staaten wie etwa Brasilien oder Uruguay zur Nachahmung animieren könnte. Sehr wahrscheinlich ist dies nicht. Denn Brasiliens und Uruguays Regierungen sind gerade durch das argentinische Desaster in den Jahren 2001 und 2002 dazu ermutigt worden, einen anderen Weg einzuschlagen: Haushaltskonsolidierung, Einbindung in die Weltwirtschaft, klar definierte, stabilitätsorientierte Geldpolitik.

Argentinien, das machte Wirtschaftsminister Roberto Lavagna bei der gestrigen Präsentation der Umschuldungskriterien klar, zahlte zunächst einen hohen Preis für die Einstellung des Schuldendienstes und der Aufgabe der langjährigen Dollarbindung. Das lokale Bankensystem wurde in den Abgrund gerissen, die großen Privatunternehmen meldeten in Scharen Konkurs an. Die Folgen: massiver Wachstumseinbruch, Explosion von Arbeitslosigkeit und Armut.

Erst als das Land auf der ökonomischen Talsohle angelangt war, begann eine Glückssträhne: Das internationale Zinsniveau erreichte ein Rekordtief, die Rohstoffpreise stiegen auf Rekordhöhen. Nur auf Grund dieser günstigen Umstände gelang es, auch ohne neue Kredite von Internationalem Währungsfonds (IWF) und Privatbanken wieder zu prosperieren. Das Kapital floss in Form von Exportüberschüssen ins Land. Währung und Haushalt konnten stabilisiert werden. Vor allem deshalb kann Argentinien jetzt so hoch reizen, kann trotz der geballten Empörung der privaten Gläubiger auf seinem Umschuldungsangebot beharren und sogar laut darüber nachdenken, den IWF auszuzahlen.

Allerdings: Wie lange die Glückssträhne anhält und was danach kommt, ist höchst fraglich. Denn selbst wenn Argentinien die jetzige Partie gewinnt, eine ausreichend hohe Zustimmungsrate der Gläubiger erhält, so muss dies noch lange nicht heißen, dass auch das ganze Spiel gewonnen wird. Erst in einigen Jahren wird sich zeigen, ob die kompromisslose Haltung gegenüber den Gläubigern nicht doch kurzsichtig war.

Für Argentiniens Privatwirtschaft ist der von der Regierung gesteuerte Isolationskurs jedenfalls heute schon Gift. Den Firmen fällt es zunehmend schwerer, notwendige Kredite zu erhalten. Und wenn doch, müssen hohe Garantien geleistet werden.

Ob das argentinische Wirtschaftsmodell also tatsächlich ein Erfolg sein wird, wird sich spätestens dann zeigen, wenn der von der bislang robusten Weltkonjunktur ausgehende Rückenwind abflaut. Denn dann ist keinesfalls auszuschließen, dass der Staat sehr viel schneller als erwartet wieder auf das Vertrauen der internationalen Finanzinstitutionen und auf eine Zusammenarbeit mit dem IWF angewiesen sein wird.

Aber selbst wenn dies nicht so rasch der Fall sein würde, gilt schon jetzt als sicher: Das Beispiel Argentinien wird wohl kaum Schule machen. Denn dieses wurde nur durch sehr spezifische nationale und internationale Bedingungen ermöglicht. Vielleicht werden sehr arme Länder in Zukunft von Anfang an einen Schuldenerlass etwa von 50 statt von nur 35 Prozent verlangen. Aber dabei dürfte es sich dann wohl nur um solche Volkswirtschaften handeln, die ohnehin nichts mehr zu verlieren haben und zudem kaum so eng wie Argentinien mit der Weltwirtschaft verflochten sind.

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