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03.01.2010

08:00 Uhr

Anlagestrategien

Weil wir nichts wissen

VonOliver Stock

Prognosen über die Entwicklung von Wirtschaft und Kapitalmärkten übersehen regelmäßig selbst höchst naheliegende Ereignisse. Sie sind deshalb als Strategien für die Anlage unseres Vermögens riskant und unbrauchbar. Die Zukunft der Märkte lässt sich nur in Alternativen denken.

Die künstliche Palmeninsel "The Palm Jumeirah" vor Dubai - Luxus auf Sand gebaut. Die finanziellen Turbulenzen Dubais waren vorhersehbar, meint Oliver Stock. Aber keiner hat es gesehen. Reuters

Die künstliche Palmeninsel "The Palm Jumeirah" vor Dubai - Luxus auf Sand gebaut. Die finanziellen Turbulenzen Dubais waren vorhersehbar, meint Oliver Stock. Aber keiner hat es gesehen.

FRANKFURT. Ach, es ist doch eigentlich alles so absehbar: ein Land, in dem es sich mehr als die Hälfte des Jahres nur mit Klimaanlage leben lässt. Keine Vorräte außer sich neigendem Öl. Dazu ein feudales Regierungssystem, das titanischem Größenwahn erlegen ist. Eine künstliche Palmeninsel im Meer musste es da schon sein. Luxus auf Sand gebaut. Mit einem Wort: Dubai. Und dennoch: Wer hätte gedacht, dass das in die Hose geht?

Oder, näher dran: Griechenland. Das Land mit dem Antike-Kredit, von dem es immer noch zehrt. Dort, wo die Götter Urlaub machen. Und die Finanzminister auch. Das Land hat sich einst mit falschen Daten in die EuroZone gemogelt. Jetzt, in der Finanzkrise, hat es ein Schuldenproblem. Und wir reiben uns die Augen.

Beide Länder haben in den vergangenen Wochen für unkoordinierte Abwärtsbewegungen am Aktienmarkt gesorgt. Sie haben die Nervosität zurückgebracht. Kippt mit Dubai womöglich eine ganze Region, die bislang als finanzieller Anker in einer Welt flüchtiger materieller Werte gegolten hat? Ist Griechenland nur der Anfang vom Untergang jener Länder, die von hier aus gern despektierlich Knoblauchgürtel genannt werden? Und was passiert eigentlich mit dem Euro, wenn ein Euro-Land zahlungsunfähig wird? Die Fragen stellen sich scheinbar plötzlich und dringlich.

Kein Wort von Dubai, keines von Griechenland während der Rally an den Aktienmärkten in den vergangenen Monaten. Seit März dauerte sie – und damit so lange, dass wir schon wieder dem menschlichen Verlangen erlagen, einen Trend in die Ewigkeit fortzuschreiben. Alle, die es doch wissen sollten, die Analysten der Bankhäuser also und die Konjunkturerklärer, sagten einen stetigen Verlauf an den Börsen voraus.

Ratsuchende wollen betrogen werden

Was nachdenklich macht, ist nicht, dass Risiken wie Dubai oder Griechenland von der Mehrheit der Marktstrategen nicht gesehen wurden. Etwas zu übersehen ist sehr menschlich. Das Unheimliche am Phänomen des Über-etwas-Hinwegsehens besteht vielmehr darin, dass die Voraussage für die Märkte schon beim zeitlich wie logisch Naheliegenden scheitert. Marktstrategen müssen sich vorkommen wie Astronomen, die sich im Rätselraten über ferne Sterne verlieren, während unmittelbar vor ihrem Fernrohr bereits der nächste Meteorit auf sie zurast.

Dass sich diese Astronomen dennoch ungebrochenen Zuspruchs erfreuen, liegt einzig an unserem Bedürfnis, in die Zukunft zu schauen. Anleger, Investoren, Kreditgeber und Schuldenverwalter wollen wissen, was morgen an den Märkten passiert. Sie greifen nach dem Strohhalm, den ihnen die Marktauguren mit ihren Research-Apparaten und Modellen bieten. Es gibt einen Markt der Ratsuchenden, die betrogen werden wollen. Die Gewissheit suchen, wo es nicht einmal sonderlich viele brauchbare Anhaltspunkte gibt. Wäre die Zunft der Marktpropheten ehrlich, würde sie mit Platon antworten: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Sie wäre damit immerhin den ersten Schritt von der Entlarvung des Scheinwissens hin zum Eingeständnis des Nichtwissens gegangen.

Doch niemand wagt diesen Schritt. Dabei gibt es zusätzlich noch ungleich mehr nicht naheliegende Faktoren, die die Zukunft beeinflussen. Mondwinde, erlöschende Sterne und schwarze Löcher sozusagen. Ihre Auswirkungen mit einzuberechnen macht Aussagen über die Zukunft schlechterdings unmöglich. Und dennoch sagt niemand: „Es geht nicht“, sondern so mancher versucht sich mit dem Eifer der Wissenschaft an einer möglichst treffenden Analyse.

Kommentare (3)

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aruba

03.01.2010, 09:21 Uhr

Guten Tag,......Wuesste einer von uns was Morgen passiert; er wuerde es nicht hinausposaunen ( es sei denn, er verspricht sich einen eigenen Vorteil davon ). Waere er aber sicher dass nur er daraus Nutzen ziehen kann, ja dann glaube ich dass er es hemmungslos und nur fuer sich ausnutzen wuerde. besten Dank

Max

03.01.2010, 09:47 Uhr

Es ist doch offensichtlich dass es noch schlechter wird - jetzt erst richtig !
Wer seinen Kopf und sein Geld nicht gerade in Dubais Wüstensand vergraben hat, dem sollte das klar sein.
Ausserdem ist "eine Weltregierung" nicht unter Chaos, Terror und finanziellem Deseaster durchzubringen.
Mir wird schlecht wenn ich tagtäglich mitansehen muss, wie die Menschen belogen werden.
Und mir wird auch schlecht, weil ich tagtäglich auch mitansehen muss, wie naiv die Menschen immer noch sind !

Domenq

03.01.2010, 11:17 Uhr

Die Kurzfristigkeit der Strategien ist für private Anleger nicht zu begreifen.
"Wall-Street" hat den Gewinn-nach-Steuern-Rekord des Jahres 2000 in 2009 um das 2,5-fache übertroffen.

Unter Krise versteht eben jeder etwas anderes.

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