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04.01.2007

05:47 Uhr

Arbeitsmarkt

Jahr der Chancen

VonDietrich Creutzburg

Steht Deutschland womöglich vor einer Zeitenwende am Arbeitsmarkt? Wer es darauf anlegt, Belege für diese kühne These zu sammeln, tut sich damit heute zumindest leichter als vor zwei Jahren.

Damals, mit dem Start der umstrittenen Hartz-IV-Reform, kletterte die Arbeitslosigkeit erstmals über die Rekordmarke von fünf Millionen und brachte damit kurz darauf die amtierende Regierung zu Fall. Nun scheint es jedenfalls nicht mehr völlig abwegig, die Frage nach einer echten Wende zum Besseren aufzuwerfen. Eine realistische Antwort kann freilich nur lauten: Es kommt darauf an. Immerhin rückt am Arbeitsmarkt eine Konstellation von quasi historischer Dimension in greifbare Nähe: Falls der Konjunkturaufschwung noch weit über 2007 hinaus anhält, könnte damit tatsächlich zum ersten Mal seit Jahrzehnten ein Teil der in früheren Konjunkturzyklen aufgebauten Sockelarbeitslosigkeit messbar abgebaut werden. Zwar geht die Arbeitslosigkeit in Aufschwungzeiten regelmäßig zurück. Doch hat seit den 70er-Jahren kein Aufschwung mehr ausgereicht, um den jeweils vorangegangenen Anstieg der Arbeitslosigkeit wettzumachen. Dieses Muster wäre durchbrochen, falls die jahresdurchschnittliche Arbeitslosenquote demnächst unter den Referenzwert von 9,4 Prozent aus dem Jahr 2001 sinkt. Und das halten führende Wirtschaftsforscher inzwischen durchaus für möglich.

Bei näherer Betrachtung taugt ein solcher „historischer“ Befund allein jedoch nur für Polit-PR. Denn viel entscheidender als die statistisch gemessene Arbeitslosigkeit ist, wie sich die Erwerbstätigkeit entwickelt – und dabei vor allem die Zahl sozialversicherungpflichtiger Normalarbeitsverhältnisse. Denn Deutschland finanziert nun einmal nach wie vor den größten Teil seiner sozialen Sicherung über den Faktor Arbeit. Gerade aus diesem Blickwinkel nimmt sich die aktuelle Entwicklung jedoch erheblich bescheidener aus. Zwar steigt seit einiger Zeit auch die Beschäftigung wieder. Gerade die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen bleibt jedoch selbst mit inzwischen knapp 27 Millionen noch um mehr als eine Million geringer als im vorangegangenen Aufschwung.

Dass am jüngsten Anstieg der Beschäftigung die Zeitarbeit einen erheblichen Anteil hat, liefert dazu durchaus zwiespältige Hinweise. Einerseits senkt diese flexible Beschäftigungsform die Hürde für Unternehmen, ihre Personalkapazitäten schon am Beginn eines zunächst noch labilen Konjunkturaufschwungs zu erweitern. Andererseits belegt die wachsende Bedeutung der Zeitarbeit aber, dass es nach wie vor an der Bereitschaft fehlt, sich in größerem Umfang an neues Stammpersonal zu binden. Der Maßstab für eine echte Wende am Arbeitsmarkt ist daher, ob sich dieses Misstrauen so entkräften lässt, dass daraus ein dauerhaft höheres Beschäftigungsniveau entsteht.

Eine ganz entscheidende Bedeutung kommt dabei den Tarifparteien zu, die in diesem Frühjahr in fast allen wichtigen Wirtschaftszweigen Lohnverhandlungen führen. Solange eine Abkehr von der im Durchschnitt moderaten Tarifpolitik der vergangenen Jahre als Möglichkeit im Raum steht, werden die Unternehmen ihr Misstrauen nicht aufgeben. Und sie werden sich darin bestätigt sehen, falls es in den Tarifrunden tatsächlich zu einem Dammbruch kommt. Auch die große Koalition muss erst noch zeigen, dass sie mit dem Konjunkturaufschwung, der ihr wie ein Geschenk in den Schoß gefallen ist, verantwortungsvoll umzugehen weiß. Erliegt sie der Versuchung und gibt allerlei Gruppeninteressen nach, reguliert sie den Arbeitsmarkt etwa durch Mindestlöhne weiter, leistet sie sich im Staatshaushalt und den Sozialkassen ein Ausgabenniveau, das auf Dauer erkennbar nicht finanzierbar ist, dann sind die neu gewonnenen Chancen ebenso schnell wieder verspielt.

Doch all diese Zweifel können zur Jahresmitte ausgeräumt sein. Vielleicht haben die Tarifparteien dann zukunftsweisende Modelle einer Gewinnbeteiligung der Arbeitnehmer vereinbart, die den Unternehmen keine auf Dauer schwer kalkulierbare Kostenlast aufbürden. Und vielleicht ist dann ja sogar eine Gesundheitsreform unter Dach und Fach, die berechtigten Anlass zu der Erwartung gibt, dass auch die Lohnnebenkosten auf absehbare Zeit unter Kontrolle sind. Unter diesen Bedingungen bestünde tatsächlich die Aussicht auf eine nachhaltige Wende am Arbeitsmarkt.

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