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04.01.2007

05:52 Uhr

Argentinien

Patriotismus

VonAnne Grüttner

Die Begriffe Nationalstolz oder Patriotismus sind für viele Menschen in Deutschland aus bekannten historischen Gründen nach wie vor negativ besetzt. Doch in Zeiten der Angst vor globalem Terror und vor „Überfremdung“ durch Einwanderer aus anderen Kulturen erhalten diese Worte einen anderen Klang. Dies gilt auf jeden Fall für Argentinien.

Denn das Land an der Südspitze des amerikanischen Subkontinents ist wie viele andere amerikanischen Staaten ein klassisches Einwanderungsland. Zwar ist die argentinische Bevölkerung zum größten Teil europäischen, insbesondere italienischen, spanischen, deutschen oder auch russischen Ursprungs, doch die Hauptstadt Buenos Aires beherbergt neben einer der größten jüdischen Gemeinden der Welt auch eine starke muslimische Minderheit. Trotz dieser ausgeprägt heterogenen Bevölkerungsstruktur kann das friedliche Zusammenleben aller dieser unterschiedlichen Kulturen in Argentinien durchaus als beispielhaft gewertet werden. Selbst in Zeiten schwerer Wirtschaftskrisen und hoher Arbeitslosigkeit, die Argentinien häufig erlebt hat, gab es bislang keine rassistischen Übergriffe. Fremdenhass ist dort eine fast unbekannte Vokabel. Die Einwanderer, auch die erst in den letzten Jahren hinzugekommenen, fühlen sich nach relativ kurzer Zeit jedenfalls nicht mehr als Fremde.

Dies bedeutet allerdings nicht, dass es in Argentinien keine diskriminierenden Bezeichnungen gibt. Die Angehörigen sozial sehr schwacher Schichten mit einem niedrigen Bildungsniveau werden häufig abfällig „negros“ genannt. Aber dies ist vor allem historisch zu erklären und entspricht heute nur noch höchst selten der Realität. Denn mittlerweile haben sich Indios, Europäer, Asiaten und Araber in Argentinien vermischt und sind in fast allen sozialen Schichten vertreten. Und sie sind in aller Regel stolz auf ihren multikulturellen Stammbaum. Diskriminierung ist in Argentinien also eher ein ökonomisches Problem.

In den Einwanderungsländern der beiden amerikanischen Kontinente wird die Staatsangehörigkeit überwiegend nach dem „ius soli“ geregelt, nach dem „Recht des Bodens“. Das heißt, dass jeder, der etwa in Argentinien geboren wird, automatisch argentinischer Staatsbürger ist. Und dieser Status kann ihm auch unter keinen Umständen aberkannt werden. Bekommt ein Einwanderer in Argentinien ein Kind, so erhält er oder sie zudem eine unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung. Denn er ist dann Vater oder Mutter eines Argentiniers. In Deutschland gilt dagegen das „ius sanguinis“, das Blutsrecht: Wer einen deutschen Elternteil hat, ist Deutscher, und zwar unabhängig davon, wo er geboren ist.

Das „ius soli“ ist aber nur ein Aspekt der argentinischen Immigrationspolitik. Die staatlichen Behörden bemühen sich nämlich sehr darum, dass sich die in Argentinien geborenen Einwandererkinder später auch als Bürger dieses Landes fühlen. So zeichnet sich Argentinien wie auch andere amerikanische Einwanderungsländer in der Regel dadurch aus, dass sie ihren Bürgern von früh an ein Nationalgefühl vermitteln, wobei über die jeweiligen Methoden durchaus gestritten werden darf. Kleine Argentinier müssen schon im Kindergarten patriotische Lieder singen. Bereits in der ersten Schulklasse treten sie jeden Morgen zu einem Fahnenappell an. Und an Nationalfeiertagen oder anderen Festen wird wie selbstverständlich die Nationalhymne gesungen. In der vierten Schulklasse wird schließlich eine Art Fahneneid abgelegt.

Das alles mag anachronistisch anmuten, zumal Argentiniens Nationalhymne Verse enthält, die sich aus dem Mund eines Sechsjährigen recht merkwürdig anhören: „Wir leben gekrönt von Ruhm, wir schwören, in Ruhm zu sterben“, heißt es etwa. Doch im Einwanderungsland Argentinien und anderswo in Südamerika glaubt man, dass solche Demonstrationen eines Gefühls nationaler Zusammengehörigkeit zu einer erfolgreichen Integration beitragen können. Und dies nicht zu Unrecht. Denn damit gelingt es ganz überwiegend, dass Patriotismus nicht auf ethnischer Zugehörigkeit, sondern eben auf der Staatsangehörigkeit beruht. Und Argentiniens Einwanderungsgeschichte, die traditionelle Toleranz seiner Bürger, die Akzeptanz anderer Sitten und Kulturen ist ein Grund mehr, stolz auf die Heimat zu sein, selbst wenn es sich dabei um eine neue handelt.

Vielleicht wäre es an der Zeit, dass die Deutschen die Erfahrungen der erfolgreichen argentinischen Einwanderungspolitik näher untersuchen und daraus auch Lehren ziehen. Ein Resultat könnte dann möglicherweise ein etwas unbefangener Umgang mit den Vokabeln Nationalgefühl und Patriotismus sein.

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