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16.01.2008

16:21 Uhr

AUSSENANSICHT

Indiens Nano und der blinde Fleck des Westens

VonASHUTOSH SHESHABALAYA

Die Washington Post hat den Nagel auf den Kopf getroffen, als sie vergangene Woche über den neuen Tata-Kleinwagen „Nano“ schrieb: „Er kostet 2 500, ist süß und könnte ein globales Desaster bedeuten.“

Die Washington Post hat den Nagel auf den Kopf getroffen, als sie vergangene Woche über den neuen Tata-Kleinwagen „Nano“ schrieb: „Er kostet 2 500, ist süß und könnte ein globales Desaster bedeuten.“

Indien nutzt seine Stärken in der Wissensökonomie, um seine Stellung in der Industrie zu festigen. Damit greift es auf eine andere Weise an als China. Nachfolgemodelle des Nano könnten wie der Reva, eines der erfolgreichsten Elektroautos, auf den europäischen und den US-Markt kommen. Die Wirkung Indiens auf die industrielle Produktion kann massiv sein, nachdem das Land schon in wissensbasierten Dienstleistungen glänzt, durch eine Kombination von Wertigkeit und Massenfertigung.

Niemand sollte darüber überrascht sein: IT, Ingenieurwissen, Design, schnelle Entwicklung von Prototypen und die Ausrichtung auf das Massengeschäft gehören zusammen. Deshalb ist Indien so wichtig geworden für die Forschung und Entwicklung von GE, General Motors, Alstom, Boeing, Flextronics, Shell und Sanofi. Cummins hat festgestellt, dass Indiens Stärken es ermöglichen, neue Modelle in der Hälfte der früher üblichen Zeit fertigzustellen. Die Kapazitäten der Tata-Gruppe sind seit geraumer Zeit bekannt. Dennoch ist es den Medien entgangen, dass Tata lediglich sieben Jahre brauchte, um sein erstes Auto – den Indica – zu bauen.

Zur strahlenden Seite der Gruppe zählt, dass Ferrari in IT und Technik mit ihr zusammenarbeitet. Und schon seit mehreren Jahren kooperieren Jaguar und Land Rover, die Tata übernehmen könnte, wie auch Nissan und andere eng mit Incat, einer Tata-Tochter. Die Gruppe greift in Spanien nach einer Firma für die Entwicklung von Autobussen, plant eine Busfertigung in Senegal und interessiert sich für Stahlwerke in Europa, Indien und Südostasien.

All das illustriert ein Prinzip der Wirtschaft des 21.Jahrhunderts: Nur wenige werden auf demselben Feld mit Indien konkurrieren können, am wenigsten die Hochkostenländer des Westens. Im IT-Bereich ist das schon fast zu einem Witz geworden: Jedes Gerücht eines indischen Gebots lässt die Aktien von Cap Gemini steigen, einem der größten Anbieter von IT-Dienstleistungen. Dessen Umsatz ist zwar doppelt so hoch wie der von den größten indischen Wettbewerbern, doch glänzen die mit höherem Marktwert und Gewinn.

Ganz ähnlich war es bei Tata Steel, das den wesentlich größeren europäischen Stahlgiganten Corus übernahm. Zahlreiche andere indische Konglomerate stehen bereit. Nach dem Hurrikan Katrina gewannen indische Mahindra-Traktoren hohes Ansehen wegen ihrer Zuverlässigkeit. Kleinere indische Firmen in Branchen wie erneuerbaren Energien, Brennstoffzellen, Chemie und Pharma, Schmuck, Leuchtmitteln, Textil suchen ebenfalls nach Übernahmekandidaten. Sie streben nicht nach berühmten Marken, sondern wollen Lücken in ihrer Wertschöpfungskette schließen.

Doch die westlichen Medien interessieren sich nur für die These, dass der Globus untergehen werde, wenn Millionen von Indern und Chinesen ein eigenes Auto fahren, obwohl gerade einmal ein Auto auf 1000 Inder kommt, während in den USA schon drei Autos auf vier Personen kommen. Indien wird aufgefordert, sich an neue Tugenden zu halten, statt die schlechten Gewohnheiten der alten Industrieländer nachzuahmen. Die aber bewegen sich mit ihrem Moralisieren auf sehr dünnem Eis, was typisch ist für die Art, in der in westlichen Medien über die globale Machtverschiebung debattiert wird.

Indien hat seine eigenen guten neuen Gewohnheiten. Es glänzt mit einem der größten öffentlichen Verkehrssysteme. Die jährliche Passagierzahl von „Indian Railways“ entspricht der gesamten Weltbevölkerung. All das wird stark subventioniert, um für normale Inder erschwinglich zu sein. Übersehen werden auch die Anstrengungen, um Alternativen zu fossilen Brennstoffen zu entwickeln. Indien hält schon den vierten Rang bei der installierten Windkraft und hat 30 Millionen moderne Öfen vermarktet, die in ländlichen Gebieten den Holzbedarf dramatisch vermindern.

Indien schließt veraltete Metall- und Chemiewerke und setzt Emissionswerte für Autos durch, die von denen der EU abgeleitet sind. Trotz aller Kritik steht Indien gut da, besonders, wenn man es mit Chinas Wachstum um jeden Preis vergleicht oder dem anhaltenden, gedankenlosen Überverbrauch des Westens.

Was den Nano angeht, wird sein Effekt auf den Weltautomarkt viel geringer sein als der auf die globale Technikentwicklung. Das geht weit über die Autoindustrie hinaus. Andere interessante Gebiete wie etwa die Raumfahrt verdienen Beachtung: Indien stellt Transportraketen her, die mit der Ariane IV vergleichbar sind und brasilianischen um eine Generation voraus sind. Dabei kostet das ganze Programm nur ein Drittel des Werbebudgets von Coca-Cola.

Indien hat auch die größte Bandbreite von Satelliten, etwa für Fernerkundung und Kommunikation. Diese monumentale technologische Verschiebung nimmt der Westen nicht wahr – nicht etwa, weil Indien im Geheimen arbeitet, sondern weil die westlichen Mächte sich entschieden haben, nicht genau hinzusehen. Sie sind immer noch in das Gandhi-Bild von Indien vernarrt. Aber die Zeiten ändern sich, und zwar schnell.

Richtig, der Nano kostet nur einen Bruchteil dessen, was ähnliche Projekte anderswo kosten würden. Die wichtigere Frage ist aber: Wer außer den Tatas hat darüber nachgedacht und hat die Fertigkeiten und Kapazitäten, es auf die Beine zu stellen? Bereiten Sie sich darauf vor, dass noch viele weitere blinde Flecken des Westens auftauchen werden, trotz dessen jahrzehntelanger technischer und Marktüberlegenheit. Indiens Industrie wird sie ausnutzen.

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