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30.01.2007

05:42 Uhr

Außenansicht

Zwei amerikanische Absteiger

VonStephan Richter (Herausgeber und Chefredakteur von „The Globalist Executive Channel“, Washington, D.C.)

Der jüngste Abwärtstrend der US-Automobilindustrie weist erstaunliche Parallelen zu Washingtons Außenpolitik auf. In beiden Bereichen wurde krampfhaft an vermeintlich Altbewährtem festgehalten und auf die eigene Stärke vertraut.

Auf Grund von Ignoranz und Führungsschwäche sind die einstigen Aushängeschilder der USA dem globalen Wettbewerb nicht mehr gewachsen. Moderne und zugleich attraktive Autos zu bauen ist eine Kunst, die immer mehr Nationen beherrschen. Ausgerechnet die klassische Auto-Nation USA, die fast das gesamte vergangene Jahrhundert lang den Weltmarkt beherrschte, tut sich in diesem Punkt besonders schwer. Erst kürzlich warnte die „Washington Post“, dass immer mehr Amerikaner die Lust an Modellen „made in USA“ verlieren würden.

Zwar schätzten viele amerikanische Autofahrer seit langem die japanische Zuverlässigkeit und die deutsche Technik, entschieden sich bislang aber zumeist doch für ein Produkt der großen drei US-Hersteller. Inzwischen kann die Branche aber nicht mehr auf den bedingungslosen Patriotismus ihrer Klientel zählen. Der Grund: Die US-Modelle zielen am aktuellen Geschmack vorbei. Statt modernen Flairs versprühen die klobigen Karossen von General Motors und Co. allzu oft den verstaubten Charme der 70er-Jahre. Das Interieur wirkt so, als hätte sich ein Sowjet-Designer an Luxus-Materialien ausgetobt. Die Funktion stimmt, aber es fehlt die Ästhetik. Trotz Wurzelholz und Chromleisten vermitteln viele Modelle noch immer die Atmosphäre eines Panzers.

Was hat das alles mit Außenpolitik zu tun? Auch auf diesem Gebiet waren die USA einst Weltmarktführer ohne ernst zu nehmende Konkurrenz. Sie drückten internationalen Institutionen ihren Stempel auf und wiesen vielen Nationen von „ewig Gestrigen“ den Weg in eine bessere Zukunft. Doch wie die Dominanz von GM und Ford verblich auch der Glanz der US-Außenpolitik über die Jahre hinweg. Heute leidet das US-Außenministerium unter einer ähnlichen Führungskrise wie das Ford-Imperium. Gut ein halbes Jahr dauerte die Suche von Chefdiplomatin Condoleezza Rice nach einem reputablen Stellvertreter, bis sich schließlich der Ex-Geheimdienstler John Negroponte für das Amt hergab. Inzwischen schlitterte die Außenpolitik unter einer spürbar leichtgewichtigen Ministerin immer tiefer in die Krise.

Die Strategie des neuen Ford-Chefs Alan Mulally, alles auf eine Karte zu setzen, erinnert stark an das Drehbuch der Bush-Regierung. Der Ford-Chef verpfändete das letzte Tafelsilber, einschließlich des eigenen Markennamens, zur Finanzierung eines Rettungsplans für den angeschlagenen Konzern. Damit offenbarte er die eigene Misswirtschaft immerhin mit einer brutalen Ehrlichkeit, die die Bush-Regierung vermissen lässt. Zuvor hatten die Ford-Bosse jahrelang eine Trendwende angekündigt, von der bis heute nur wenig zu sehen ist. Das Management setzte den alten Trott fort und sonnte sich in der vermeintlichen Überlegenheit und Einzigartigkeit. Zwar wurde die Belegschaft drastisch verringert, doch Massenentlassungen allein sind eine wenig überzeugende Erfolgsstrategie. Folgerichtig nahm Konzernchef Bill Ford schließlich seinen Hut. Die Trendwende aber blieb aus. Der einzige klare Unterschied zwischen dem Automobilgiganten und der Bush-Regierung besteht darin, dass sich Ford jr. als Teil seiner versuchten Neuorientierung des Konzerns den Umweltschutz auf die Fahnen schrieb. Davon kann bei Bush jr. und seiner Kabinettsriege gewiss keine Rede sein. Gemein ist beiden wiederum ein ernsthaftes Glaubwürdigkeitsproblem: Dass es Bush allein um die Verbreitung demokratischer Werte in aller Welt geht, nehmen ihm die Menschen ebenso wenig ab wie Ford die ökologische Motivation.

Was am Ende zählt, sind Taten, nicht Worte. In dieser Hinsicht war die eklatante Abhängigkeit der US-Automobilindustrie von der lange Zeit erfolgreichen Geländewagensparte ebenso kurzsichtig wie Bushs Unilateralismus. Man muss kein Genie sein, um erkennen zu können, dass beide Strategien mit Vollgas auf die Wand zusteuern. Das Tragische daran ist, dass durch die mangelnde Weitsicht eine erfolgreiche Marke, nämlich die der US-Außenpolitik, weltweit in Misskredit geraten ist. Es wird lange dauern, den guten Ruf wiederherzustellen. Doch von Einsicht keine Spur. Während die US-Autobauer weiter auf die großen Spritfresser setzen, beschränkt sich die US-Außenpolitik auf die Demonstration von Stärke. Und dies in einer Form, die selbst von den Streitkräften nicht mehr voll unterstützt wird. Und was die Kosteneffizienz angeht, schneidet die Außen- und Sicherheitspolitik der US-Regierung im internationalen Vergleich ebenso miserabel ab wie die amerikanische Fahrzeugflotte beim Kraftstoffverbrauch. Größe allein ist eben keine Garantie mehr für Ruhm und Anerkennung. Längst haben kleinere Nationen wie auch kleinere Automobilbauer die Gunst der Kunden erobert. Denn wer die Zeichen der Zeit ignoriert und sich ausländischen Impulsen standhaft verweigert, läuft ungebremst in das vorhersehbare – und ebenso vermeidbare – Verderben. Für die US-Außenpolitik und die Autogiganten fällt das Urteil schon heute vernichtend aus: nicht mehr wettbewerbsfähig, zu teuer und ohne Rückhalt im eigenen Land.

Die Lektion aus dieser Misere: Um im globalen Wettbewerb dauerhaft bestehen zu können, müssen traditionelle Arbeitsweisen hinterfragt und neue Ideen integriert werden, auch und gerade wenn sie aus dem Ausland kommen. Erfolgreiche Strategien zu übernehmen, ohne das eigene Profil aufzuweichen, ist das Gebot der Stunde. Das gilt für die amerikanische Nation ebenso wie für die Autoindustrie. Ein Alleingang im Blindflug führt unweigerlich ins Aus.

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