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11.01.2007

03:00 Uhr

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Bagdad hält den Schlüssel

VonMarkus Ziener

Der amerikanische Präsident George W. Bush muss gute Gründe dafür haben, nach bald vier Jahren Krieg im Irak auf eine militärische Wende zu setzen.

Gründe, die hoffentlich so fundiert sind, dass sie den hohen Preis rechtfertigen, der bald dafür zu zahlen sein wird. Denn die Entsendung von mehreren zusätzlichen Brigaden nach Bagdad bedeutet nichts weniger, als höhere Opferzahlen in Kauf zu nehmen. Die wird es unweigerlich geben, wenn die US-Soldaten auf den Straßen der irakischen Hauptstadt für Sicherheit sorgen sollen.

Die fehlende Sicherheit hat bislang sämtliche Konzepte für den Irak scheitern lassen. In einem Land, in dem jeder um sein Leben fürchten muss, der sich politisch exponiert, können nicht einmal Minimalziele erreicht werden. Weitere Truppen zu entsenden hat deshalb nur Sinn, wenn sie höhere Sicherheit erreichen können.

Und ebendas ist umstritten. Denn es ist eine Illusion zu glauben, dass sich dieser Gegner rein militärisch niederringen ließe, erst recht nicht mit nur rund 20 000 zusätzlichen Soldaten. Dies hätte vielleicht im ersten Jahr nach der Invasion eine Chance gehabt. Doch seit sich der Widerstand fest etabliert hat, kann eine militärische Operation lediglich der irakischen Politik eine Atempause verschaffen, damit diese sich endlich aus ihren Grabenkämpfen lösen kann. Ohne eine nationale irakische Anstrengung bleibt der neue Anlauf der USA sinnlos.

Dies gilt für Bagdad wie für Washington. Erfolg bleibt aus, wenn die Sunniten sich als Opfer der Schiiten sehen, aber auch, wenn in den USA die Kämpfe als persönliche Angelegenheit des George W. Bush erscheinen. Denn spätestens seit Vietnam ist bekannt, wo Kriege verloren werden: an der Heimatfront. Letzte Nacht hat Bush versucht, das schwindende Vertrauen seiner Landsleute zu stärken, indem er den Irak-Krieg erneut in den Kontext des Kampfs gegen den Terror gestellt hat. Doch seine Argumente sind schwach, die Realität hat sie entwertet.

Die Entscheidung, im Irak noch einmal in die Offensive zu gehen, hat viel mit den düsteren Folgen einer eingestandenen Niederlage zu tun. Bürgerkrieg, Aufteilung des Landes, Tummelplatz für Terroristen, Spielwiese für unfreundliche Mächte – die Szenarien sind sattsam bekannt. Sie vor allem bestimmen das Handeln im Weißen Haus. Und sie lassen die Kritik der wieder erstarkten Demokraten so zahnlos bleiben. Weil natürlich auch die nicht wollen, dass diese Albträume Realität werden.

Das gilt in gleicher Weise für die Europäer, die sich beim Thema Irak so auffällig zurückhalten. Geographisch viel näher dran, muss Europa die Entwicklung im Mittleren Osten mindestens so sehr bestürzen wie die USA. Auch für uns gilt deshalb, dass der Krieg im Irak nicht allein Sache der USA sein kann. Nicht, weil wir ihn für richtig halten, sondern weil uns seine Konsequenzen unmittelbar betreffen.

Doch der Schlüssel zu einer Wende im Irak liegt vor allem in Bagdad. Die Iraker müssen entscheiden, ob sie die Kraft zu einer nationalen Erhebung gegen den Terror aufbringen können. 2007 mag sich die letzte Chance dafür bieten. Sie dürfen sich nicht hinter den Amerikanern verstecken. Denn die werden irgendwann abziehen, so oder so.

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