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19.01.2009

05:08 Uhr

Banken

Letzte Chance

VonTorsten Riecke

Die Manager der Finanzkrise sind scheinbar wieder beim Ausgangspunkt ihrer Bemühungen angekommen. Nach den massiven Kapitalhilfen in den vergangenen Monaten steht erneut der Aufkauf von toxischen Wertpapieren durch den Staat im Vordergrund.

Damit sollen die Bankbilanzen vom Giftmüll der Krise befreit werden. Das ist ziemlich genau jene Idee, mit der US-Finanzminister Hank Paulson im September 2008 die weltweiten Rettungsaktionen für die Banken einläutete.

Der 700 Milliarden Dollar schwere "Paulson-Plan" wurde von Ökonomen und Politikern in der Luft zerrissen, so dass der Vater der Idee klein beigab und ei-nen Großteil des Geldes für direkte Kapitalhilfen der Banken nutzte. Jetzt dämmert es sogar dem britischen Premierminister Gordon Brown, dass Kapitalhilfen allein das Vertrauen in das Finanzsystem nicht zurückbringen. Die staatlichen Kapitalspritzen von weltweit mehr als 400 Milliarden Dollar haben die Abwärtsspirale nicht stoppen können. So will der "Spiegel" herausgefunden haben, dass allein in den Bilanzen der deutschen Banken noch toxische Wertpapiere von etwa 300 Milliarden Euro schlummern. Nach Angaben von Goldman Sachs belaufen sich die zu erwartenden Verluste für US-Papiere allein auf rund zwei Billionen Dollar. Davon ist aber erst die Hälfte realisiert.

US-Notenbankchef Ben Bernanke hat deshalb zu Recht daran erinnert, dass ein Aufkauf von toxischen Wertpapieren nötig sein könnte, um den Kreditfluss in der Wirtschaft wieder in Gang zu bringen. Die Idee einer "Bad Bank", in die der Giftmüll der Finanzkrise ausgelagert werden soll, geistert seit Monaten durch die Bankenwelt.

Es war von vornherein ein Fehler, den Aufkauf von belasteten Schuldtiteln gegen direkte Kapitalhilfen auszuspielen. Dass die Regierungen zunächst die schwindende Kapitalbasis der Banken gestärkt haben, war richtig. Die Hilfe musste schnell und gezielt kommen. Es war jedoch ein Trugschluss zu glauben, die Banken könnten damit die horrenden Abschreibungen auf ihre Vermögenswerte auffangen und das Vertrauen wieder herstellen.

Durch die Wirtschaftskrise geht es längst nicht mehr allein um Subprime-Papiere. Von Kreditkartenschulden über Autodarlehen bis hin zu Firmenkrediten reicht mittlerweile die Liste von illiquiden Schuldpapieren, deren Halbwertzeit sich nur noch in Tagen messen lässt. Solange die Banken die Risiken in ihren Bilanzen nicht einschätzen können, halten sie den Kredithahn für die Wirtschaft geschlossen.

Inzwischen sind sich die meisten Experten einig, dass nur eine Bereinigung der Bankbilanzen das Vertrauen in den Finanzkreislauf zurückbringt. Zwei Ideen werden diskutiert: eine klassische Bad Bank, die den Banken ihre toxischen Papiere abkauft und diese Schuldtitel in besseren Zeiten wieder auf den Markt wirft. Lehrbuchartig hat das bislang nur die Schweiz umgesetzt. Die Schweizer Notenbank gründete eine Zweckgesellschaft, die von der UBS illiquide Titel in Höhe von bis zu 60 Milliarden Dollar übernimmt. Vorbildlich ist das Schweizer Beispiel auch deshalb, weil hier der Kehraus in der Bilanz mit einer staatlichen Kapitalhilfe verbunden wurde. Ähnlich haben auch die Schweden ihre Bankenkrise Anfang der 90er-Jahre gelöst.

Einen etwas anderen Weg gehen die staatlichen Krisenmanager in den USA. Sie haben die Eigenkapitalspritzen für die Citigroup und die Bank of America mit einer umfangreichen Garantie für die illiquiden Vermögenswerte kombiniert. Beide Banken müssen die ersten Verluste auf ihre eigene Kappe nehmen, den Rest trägt der Steuerzahler. Bei der Citigroup summiert sich das Risiko für den Staat auf mehr als 300 Milliarden Dollar.

Der Reiz dieser Versicherungslösung ist, dass der Finanzbedarf für den Staat wesentlich geringer ausfällt. Er muss die toxischen Papiere nicht aufkaufen, sondern nur garantieren. Angesichts der explodierenden Staatsschulden ist das zumindest ein zeitlicher Vorteil. Die illiquiden Schuldtitel müssen zudem nicht neu bewertet werden, was unter den aktuellen Marktbedingungen extrem schwierig ist. Da die Papiere jedoch in den Bilanzen der Banken bleiben, besteht die Gefahr, dass der Giftmüll nicht nur weiter in den Büchern der Institute, sondern auch in den Köpfen der Investoren herumspukt.

Egal für welche Variante sich die Staaten entscheiden, wichtig ist, dass es neben den Kapitalhilfen auch zu einer Bereinigung der Bilanzen kommt. Ein Ankauf von Risikopapieren ist übrigens im Rettungspaket der Bundesregierung aus dem vergangenen Oktober vorgesehen. Genutzt hat es bislang niemand. Ob damit der gordische Knoten auf den Kreditmärkten durchschlagen wird, ist keineswegs sicher. Sicher ist jedoch, dass es die letzte Chance vor der kompletten Verstaatlichung der Banken ist.

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