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18.01.2007

05:00 Uhr

Rechtzeitig zum Bertelsmann-Managementtreffen wird ihr noch geheim gehaltener Film über das Unternehmen fertig. Am nächsten Montag wird das „Vermächtnis“ von Reinhard Mohn vor über 600 Spitzenkräften des Medienkonzerns in Berlin Premiere haben. Der lange Applaus für die inszenierte Firmengeschichte ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

In der Gütersloher Konzernzentrale wird hingegen noch fleißig am Drehbuch eines ungleich wichtigeren Stückes gearbeitet. Das Epos heißt „Quo vadis, Bertelsmann?“. Regisseurin Liz Mohn hält die Zügel fest in der Hand. Die Hauptrolle scheint mit dem neuen Vorstandschef Hartmut Ostrowski besetzt zu sein. Auch sein Gegenspieler in Form des Finanzvorstands Thomas Rabe steht schon fest. Unsicher ist aber die Dramaturgie, der das neue Machtduo folgt. Kommt es am Ende zu einem Happy End? Wohin führen die beiden Bertelsmann? Bisher liebte man in Gütersloh Dramen mit abruptem Ende, wie der frühere Vorstandschef Thomas Middelhoff erlebt hat.

Der machtbewusste Rabe spielt derzeit eine Schlüsselrolle im Konzern. Er hat den Rückkauf der Anteile des belgischen Milliardärs Albert Frère für 4,5 Milliarden Euro finanzstrategisch clever gemanagt. Er hat eine Anleihe über 1,5 Milliarden Euro exzellent am Markt platziert und die Musiktochter BMG Music Publishing an den französischen Mischkonzern Vivendi für sagenhafte 1,63 Milliarden Euro verkauft. Altbewährte Manager fürchten bereits, der Finanzvorstand mit dem Spitznamen „Ikarus“ steige aus Übermut immer höher, bis die Sonne das Wachs seiner Flügel schmelzen lasse.

Manchen Vorstandskollegen wird allmählich unheimlich, wie der selbstbewusste Rabe die Macht ansaugt. Der Sohn eines Brüsseler Beamten steht nämlich für Zentralismus, für ein klares Machtzentrum Gütersloh. Das ist durchaus eine Herausforderung für einen Konzern, der seine Dezentralität als Fundament des wirtschaftlichen Erfolgs definiert. Wenn Ostrowski, bisher Chef der Wachstumssparte Arvato, zu Beginn des nächsten Jahres die Führung übernimmt, wird sich dieser Konflikt womöglich verschärfen. Der trockene Westfale gilt als ausgesprochener Verfechter der Mohnschen Prinzipien wie Dezentralität.

Auf den neuen Bertelsmann-Chef warten große Herausforderungen. Denn Europas größtem Medienkonzern droht der Abstieg aus der Champions League. Schon heute spielen die Gütersloher keine bedeutende Rolle mehr in den USA, dem noch immer größten Medienmarkt der Welt – mit Ausnahme des Buch- und Musikgeschäfts. Im Wachstumsmarkt Indien ist Bertelsmann kaum präsent.

Selbst im viel diskutierten China sind die Geschäfte des Buchklubs oder des Printkonzerns Gruner + Jahr noch im embryonalen Zustand. Der Abstand zur US-Konkurrenz wie Time Warner wächst. Denn die Amerikaner verfügen über ein breites Portfolio, von der Internettochter AOL über das lukrative Kabel- und Fernsehgeschäft bis hin zum Hollywood-Studio Warner Bros. Bertelsmann ist hingegen nur noch ein Rumpf-Medienkonzern. Das Musikgeschäft ist verkauft oder mit dem japanischen Unterhaltungskonzern Sony verschmolzen. Die Fachverlage sind längst an Finanzinvestoren veräußert. Im Internet spielt Bertelsmann international keine nennenswerte Rolle. Aus dem Videospielgeschäft haben sich die Westfalen nach hohen Verlusten bereits im vergangenen Jahrtausend verabschiedet.

Als Gunter Thielen vor fünf Jahren den Chefsessel übernahm, war Bertelsmann in schwerem Fahrwasser. Nun wächst der Konzern langsam, aber stetig. Der Ex- Arvato-Chef Thielen kann aller Voraussicht nach sogar sein Ziel einer Umsatzrendite von zehn Prozent erreichen. Doch leider ist dem Konzern dabei die unternehmerische Phantasie abhanden gekommen. Bertelsmann ist heute viel zu sehr vom werbefinanzierten Fernsehen abhängig. Das ist ein gefährliches Spiel. Denn die RTL Group stößt an Wachstumsgrenzen. Und für Zukäufe ist angesichts des Schuldenbergs kein Geld dar. In dieser Situation ist es nur ein schwacher Trost, dass es Thielen und Rabe geschafft haben, aus Bertelsmann wieder ein hundertprozentiges Familienunternehmen zu machen.

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